ProSieben schärft die Sendermarken – während Joyn sie unwichtig macht
ProSiebenSat.1 gibt seinen Sendern neue Profile, während Joyn längst nach Genres und Formaten sortiert. Beides gleichzeitig ist kein Zufall und auch keine fertige Strategie.
„Alle wollten Karstadt sein.“ Mit diesem Satz erklärt ProSiebenSat.1-Content-Chef Henrik Pabst im DWDL-Interview vom 29. Oktober 2026, warum die Sender jetzt neu sortiert werden: ein bisschen von allem für alle, aber keine Marke mit klarem Versprechen. Das klingt nach einem Schlussstrich unter das Warenhaus-Prinzip. Aber im selben Konzern läuft ein zweites Warenhaus, das genau so funktioniert: Joyn.
Das Ende des Warenhauses
Die Sender bekommen schärfere Profile: Sat.1 bekommt für jeden Wochentag ein Thema: Montag Reality und deutsche Fiction, Dienstag Factual, Mittwoch Kochen und Backen, Donnerstag Quiz, Freitag und Samstag Familienshows. „The Voice of Germany“ und „The Voice Kids“ laufen 2027 nur noch dort. Offen gesagt: dieses Tagesschema hatten wir Anfang der 2000er auch schon einmal.
ProSieben setzt auf Events, Sport-Weltmeisterschaften und große Shows, Kabel Eins wird zum Haus für US-Serien und Klassiker. Ok 2000 waren die US Serien und vor allem Spielfilm Highlights noch bei ProSieben, aber auch damals war kabel eins schon ein Klassiker. Allzu viel neues kann man hieraus nicht entdecken.
Dazu kommt laut DWDL mit Sat.2 ein neuer Sender für Zuschauer ab 50. War da nicht was mit Sat.1 Gold? Naja…
Streichen will der Konzern keine Marke, behält sich das aber vor, falls eine unwirtschaftlich wird.
Wo das Geld noch liegt
Dass der Konzern in Sendermarken investiert, ist rational. Das Lineare ist noch immer die große Kasse. Laut AGF lag die tägliche TV-Sehdauer 2025 bei 158 Minuten, die Streaming-Dauer in der AGF-Messung bei 8. Bei den 14- bis 49-Jährigen sank die TV-Sehdauer allerdings von 79 auf 67 Minuten, das sind rund 15 Prozent weniger.
Das Entertainment-Segment von ProSiebenSat.1 setzte im zweiten Quartal 2026 noch 500 Millionen Euro um, 3,9 Prozent weniger als im Vorjahr, bei einem Marktanteil von 19,8 Prozent nach 21,3 Prozent. Dass Werbekunden Sender als Verkaufseinheit buchen, ist meine Einschätzung.
Joyn denkt in Genres, nicht in Sendern
Joyn sortiert nicht nach ProSieben, Sat.1 oder Kabel Eins. Der Streamer konzentriert sich laut Pressemitteilung auf Reality, Adventure, Food und Factual, im Interview kommt Crime hinzu. Es sind über 20 Creator-Formate für das nächste Jahr geplant. Selbst die Erfolgsmeldung für Mai 2026 nennt Formate, nicht Sender: „Germany’s Next Topmodel“, „Die Landarztpraxis“, „Navy CIS“, „Match my Ex“. Laut Joyn lag die Reichweite bei 11,6 Millionen Zuschauern, ein Plus von 11,1 Prozent auf Basis von AGF-Daten.
Dabei ist Joyn nicht die eine Streaming-App, in der alles landet. Es ist eine unter mehreren:
| Anbieter | Nutzungsstunden 2025 gesamt | davon 14- bis 49-Jährige | Anteil der 14- bis 49-Jährigen |
|---|---|---|---|
| ARD | 1,234 Milliarden | 408,9 Millionen | 33 % |
| ZDF | 1,016 Milliarden | 308,5 Millionen | 30 % |
| RTL+ | 747,7 Millionen | 537,3 Millionen | 72 % |
| Joyn | 510,4 Millionen | 297,7 Millionen | 58 % |
| Amazon (erst seit 1. November 2025 gemessen) | 268,7 Millionen | 191,8 Millionen | 71 % |
Stand: Jahr 2025, Streaming-Nutzungsvolumen. Anteile eigene Berechnung. Quelle: AGF Videoforschung.
Joyn liegt damit bei den Stunden auf Platz vier, ist aber bei den Jungen stark: 58 Prozent seiner Nutzung entfällt auf 14- bis 49-Jährige, bei ARD und ZDF sind es rund ein Drittel. Genau diese Gruppe verlässt das Lineare am schnellsten.
Karstadt ohne Miete?
Das Warenhaus-Bild lässt sich weiterdrehen. Im Linearen sind Sendeplätze knappe Verkaufsfläche, die jeden Abend gefüllt werden muss. Im Streaming gibt es kein solches Regal, hier passt alles hinein, auch ZDF-Inhalte, die laut Pabst noch vor Jahresende auf Joyn ankommen sollen.
Karstadt ohne Miete also? Nur halb. Die Miete wechselt den Vermieter: Joyn will seine Reichweite laut Pressemitteilung auch über Drittplattformen ausbauen und mit YouTube arbeitet ProSiebenSat.1 seit 2009 zusammen. „Villa der Versuchung“ kam so über Plattformen hinweg auf mehr als 100 Millionen Videoaufrufe.
Im Algorithmus zählt das Format
Hier liegt die eigentliche Spannung. Pabst kündigt für den Sommer 2027 ein überarbeitetes Joyn mit Personalisierung und Empfehlungsfunktion an. Wo ein Algorithmus ausspielt, sieht der Zuschauer keine Sender mehr, sondern Titel und Vorschläge. Der Sendername ist dann ein Etikett unter vielen, das Format ist die Währung.
Und der Konzern selbst wirkt, als lege er sich nicht auf eine Zukunft fest. Im März 2026 stellte die neue Führung unter dem Mehrheitseigner MFE das lineare Fernsehen wieder an die erste Stelle, nachdem „Alles auf Joyn“ gegolten hatte. Der 2025 geplante Bezahlweg für Joyn wird nach demselben Bericht nicht weiterverfolgt.
Im Oktober beschreibt Pabst das Ziel als „Multi-Plattform-Content-Haus“. Joyn wird laut Q2-Bericht auf einer paneuropäischen Plattform mit MFE neu gebaut und ob es in Mediaset Infinity aufgeht, bezeichnet das Unternehmen als langfristige Idee. Im Zeitalter der Plattform Ökonomie würde es nur Sinn ergeben.
Wer so absichert, wirkt weniger wie jemand mit fertigem Plan als wie jemand, der beide Welten offenhält.
Auf einen Blick
- ProSiebenSat.1 schärft laut Pressemitteilung vom 29. Oktober 2026 die Profile von Sat.1, ProSieben und Kabel Eins und startet 2027 mit Sat.2 einen neuen Sender für Zuschauer ab 50.
- Das lineare Fernsehen blieb 2025 mit 158 Minuten täglicher Sehdauer weit vor Streaming mit 8 Minuten, bei den 14- bis 49-Jährigen sank die TV-Sehdauer von 79 auf 67 Minuten.
- Joyn sortiert nach Genres wie Reality, Adventure, Food und Factual und lag 2025 bei den Streaming-Nutzungsstunden mit 510,4 Millionen hinter ARD, ZDF und RTL Deutschland.
- Pabst kündigt für Sommer 2027 ein überarbeitetes Joyn mit Empfehlungsfunktion an, Joyn soll laut Konzern kostenlos und werbefinanziert bleiben.
Quellen: DWDL, ProSiebenSat.1 Pressemitteilung, ProSiebenSat.1 Q2 2026, Joyn Mai 2026, AGF Videoforschung, newsroom.de, TECHBOOK