Female & Forward Männer, lasst los!

Männer, lasst los!

Wer übernimmt Deutschlands Familienunternehmen, wenn die nächste Generation ausbleibt? In der aktuellen Business-Punk-Printausgabe „Neue deutsche Valley“ zeigen wir, warum die Zukunft des deutschen Mittelstands weiblicher sein könnte, als viele noch glauben.

Von Sinah Hoffmann

Mehr Nachfolgerinnen braucht das Land – sonst bekommt der Mittelstand ein fettes Problem. Wie’s gehen kann, zeigen die folgenden Success Storys.

Lehrreich

Laut dem Innovations- und Gründungszentrum der Technischen Universität München gibt es in der eigenen „Entrepreneurship through Acquisition-Community” aktuell nur etwa doppelt so viele Frauen wie Member mit dem Namen Philipp. Das sogenannte UnternehmerTUM versucht deshalb gezielt, mehr Frauen mit Mentoring, Netzwerken und weiblichen Vorbildern für die Übernahme bestehender Unternehmen zu gewinnen

In den deutschen Chefetagen tickt die Uhr. Bis Ende 2029 müssen jedes Jahr rund 109.000 Unternehmen ihre Nachfolge regeln. Gleichzeitig denkt laut KfW inzwischen eine sechsstellige Zahl der Inhaber darüber nach, ihre Betriebe aufzugeben, weil sie niemanden finden, der übernehmen will. Und das trifft ausgerechnet den Teil der Wirtschaft, auf den Deutschland besonders stolz ist: den Mittelstand. Viele dieser Familienunternehmen gehören zu den sogenannten Hidden Champions, die in ihren Nischen den Weltmarkt dominieren. Sie sind hochprofitabel und dennoch ohne Perspektive. Umso erstaunlicher ist, dass eine Gruppe in diesem Ringen um die Zukunft bis heute kaum mitgedacht wird: die Töchter der Unternehmerfamilien. Obwohl sie häufig genauso gut oder besser ausgebildet sind als ihre Brüder, landen sie noch immer viel zu selten an der Spitze der Betriebe. Nur 18,4 Prozent der 3,2 Millionen Familienunternehmen in Deutschland werden laut einer Analyse des Instituts für Mittelstandsforschung aktuell von Frauen geführt. Dabei gelten gerade jüngere Nachfolgerinnen als wichtige Modernisierungstreiberinnen. Sie bringen neue Perspektiven in die Unternehmen, stoßen Digitalisierungsthemen an und hinterfragen bestehende Strukturen.

Dass sie dennoch oft übersehen werden, beobachtet auch Christine Flath seit Jahren. Die PwC-Partnerin berät Familienunternehmen bei der Nachfolge und weiß, wie stark traditionelle Rollenbilder bis heute nachwirken. „Frauen fehlt nicht der Biss, es ist ein strukturelles Erbe, das ihnen im Weg steht“, sagt sie. In vielen Unternehmerfamilien galt es lange als selbstverständlich, dass der Sohn den Betrieb übernimmt. Töchter seien dagegen oft einfach „mitgelaufen“, statt gezielt auf eine mögliche Nachfolge vorbereitet zu werden. Hinzu kommt, dass der Zeitpunkt einer möglichen Übernahme oft genau in die Lebensphase fällt, in der Frauen parallel Karriere machen und eine Familien gründen. Und selbst dort, wo Unternehmen außerhalb der Familie nach einer Nachfolge suchen, spielen Frauen bislang nur eine Nebenrolle. Nach Erhebungen des DIHKReports zur Unternehmensnachfolge 2025 ist bundesweit nur rund ein Viertel aller Nachfolgeinteressierten weiblich. Unter den Menschen, die tatsächlich übernehmen, liegt der Frauenanteil im Bundesdurchschnitt sogar nur bei 21 Prozent. Dass weibliche Nachfolge trotz aller Hürden funktionieren kann, zeigen zwei Frauen, die sehr unterschiedliche Wege gegangen sind:

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Bild: Alexandra Kohlmann

Alexandra Kohlmann versucht, die verschiedenen Rollen bewusst voneinander zu trennen. Trotz Verantwortung als Eigentümerin, Familienmitglied und Managerin sollen am Wochenende auch Zeiten bleiben, in denen beim Abendessen nicht über das Unternehmen gesprochen wird.

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Geopolitische Krisen, die Transformation der Automobilindustrie und der Druck hin zu mehr Nachhaltigkeit: Die Herausforderungen für die deutsche Wirtschaft könnten derzeit kaum größer sein. Wie es dennoch gelingen kann, den Staffelstab an die nächste Generation zu übergeben und einen Mittelständler erfolgreich in die Zukunft zu führen, zeigt ein Schmierstoffhersteller aus Worms. Mitte der 90er-Jahre von Michael Zehe gegründet, ist ROWE heute in mehr als 80 Ländern aktiv und beschäftigt rund 350 Mitarbeitende. Seit Januar 2024 führt Tochter Dr. Alexandra Kohlmann das Familienunternehmen gemeinsam mit Stefan Wermter.

Smoothe, weil smarte, Übergabe

Dass der Generationswechsel ohne größere Reibungen verlief, ist kein Zufall: Vater und Tochter haben sich früh mit der Nachfolge beschäftigt und sie über viele Jahre gemeinsam vorbereitet – auch wissenschaftlich. Nach ihrem Studium der Technologie- und Managementorientierten Betriebswirtschaftslehre an der Technischen Universität München promovierte Kohlmann über Unternehmensnachfolge in Familienunternehmen. „Ich habe damit für den eigenen Ernstfall geprobt“, sagt sie rückblickend. Den Führungsstil ihres Vaters wollte Kohlmann dennoch nie kopieren: „Der Versuch des Nacheiferns kann nur scheitern, man muss seinen eigenen authentischen Weg finden.“

Statt sofort alles zu verändern, habe sie sich zunächst bewusst in die Beobachterrolle begeben, sei monatelang durchs Unternehmen gegangen, habe Prozesse analysiert und Gespräche mit Mitarbeitenden geführt. Heute führt sie Rowe deutlich anders als noch die Gründer-Generation. Während ihr Vater viele Entscheidungen selbst traf, setzt Kohlmann stärker auf Eigenverantwortung und Austausch. „Ich habe verstanden, dass ich auf mein Team, auf meine Experten angewiesen bin“, sagt sie. Unter ihrer Feder wurde unter anderem das „Company-Du“ eingeführt, neue Arbeitsmodelle angestoßen sowie Digitalisierung und nachhaltige Schmierstoffe stärker in den Fokus gerückt. Auch darüber hinaus versucht ROWE, neue Wege zu gehen, etwa durch Kooperationen mit Startups, Forschungseinrichtungen und anderen Familienunternehmen. „Wir dürfen nicht mehr alle unser eigenes Süppchen kochen“, meint Kohlmann. Gerade im Mittelstand liege viel Potenzial darin, Wissen stärker zu teilen und voneinander zu lernen.

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Bild: Esther Straub

Esther Straub hat offene Mitarbeitenden-Treffen als festenBestandteil der Unternehmenskultur etabliert. Neue Biere werden dort zuerst dem Teampräsentiert und gemeinsam verkostet, bevor sie auf den Markt kommen.

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Die Bierbranche gehört nicht zu den nachhaltigsten Industrien des Landes. Das Erhitzen und Kühlen verschlingt täglich enorme Mengen an Ressourcen. Und doch produziert ausgerechnet eine kleine Traditionsbrauerei in Leutkirch im Allgäu schon seit 2009 ausschließlich mit regenerativen Energien. Dass Brauereichef Gottfried Härle auch bei der Nachfolge mit Konventionen brach, wirkt da nur konsequent. Statt innerhalb der Familie nach einer Lösung zu suchen, schaute er buchstäblich über den Gartenzaun. Seine heutige Nachfolgerin Esther Straub ist nicht seine Tochter, sondern das ehemalige Nachbarskind.

Schon in jungen Jahren war die Brauerei Teil ihres Alltags. Beim Abendessen im Garten diskutierte sie mit Gottfried Härle über wirtschaftliche Themen, verkostete neue Produkte und überlegte gemeinsam mit ihm, „wie man Dinge besser machen kann“, erinnert sich Straub. Nach dem Abitur kehrte sie der Brauerei zunächst den Rücken und studierte Staatswissenschaften mit Schwerpunkt internationales Recht und internationale Politik in Passau. Irgendwann fragte sie sich jedoch, wo man tatsächlich etwas bewegen kann. Die Antwort fand sie während einer gemeinsamen Wanderung. Dort sagte sie zu Gottfried Härle schließlich: „Ich würde es machen.“

Doppelkopf

Heute führt Straub die Allgäuer Privatbrauerei mit rund 80 Mitarbeitenden gemeinsam mit Härle im Tandem — und, wie sie selbst sagt, mit „schwäbischem Sturkopf“. Statt direkt an die Spitze zu gehen, startete sie zunächst als normale Mitarbeiterin im Unternehmen und arbeitete zeitweise sogar in der Produktion mit. „Ich bin keine Brauerin, aber ich wollte zumindest die Grundlagen verstehen“, sagt sie.

Die Reaktionen der Geschäftspartner auf eine junge Frau an der Spitze einer Brauerei fielen dennoch nicht immer so aus, wie Straub es sich gewünscht hätte. „Als Frau ist man in Meetings oft die Sekretärin und wird nach einem Kaffee gefragt“, sagt sie. Gerade zu Beginn habe sie lernen müssen, solche Situationen nicht persönlich zu nehmen, sondern als Ausdruck veralteter Rollenbilder zu verstehen. Heute engagiert sie sich deshalb auch politisch für Unternehmerinnen und weibliche Nachfolge — etwa im Verband deutscher Unternehmerinnen oder in wirtschaftspolitischen Gremien. Denn für sie ist klar: Der Mittelstand kann es sich längst nicht mehr leisten, auf potenzielle Nachfolgerinnen zu verzichten.

Und hier geht es zu unserer Heftvorschau der aktuellen Printausgabe „Neue deutsche Valley“, Business Punk 02/2026 > click it

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