Lemonaid: Wie Social Business zum Erfolgsmodell wird
Faire Lieferketten, Bio-Zutaten und soziales Engagement: Lemonaid hat Verantwortung zum Kern seiner Marke gemacht, lange bevor Purpose zum wirtschaftlichen Buzzword wurde. Jetzt steht das Hamburger Social Business vor der nächsten Entwicklungsstufe – und vor der Frage, ob sich seine Prinzipien skalieren lassen.
Als Lemonaid 2009 startete, war die Idee simpel und ambitioniert zugleich: Getränke produzieren und dabei anders wirtschaften. 17 Jahre später ist daraus ein internationales Social Business geworden, das nun auch seine Eigentümerstruktur neu denkt.
Vom Getränk zum Social Business
Die Zutaten sollten biologisch angebaut und fair gehandelt sein, mit jedem verkauften Produkt sollte zudem ein fester Betrag in soziale Projekte in den Anbauregionen fließen. Aus der kleinen Getränkemarke ist inzwischen ein international tätiges Social Business geworden: Lemonaid und ChariTea sind in mehr als 30 Ländern erhältlich. Nach Angaben der Firma wurden seit der Gründung mehrere hundert Millionen Flaschen verkauft. Über 17 Jahre hinweg stieg der Umsatz durchschnittlich um 39 Prozent pro Jahr. Parallel kamen über das „Trinken hilft“-Prinzip mehr als 14 Millionen Euro für soziale Projekte zusammen. Was heute Purpose, Impact Entrepreneurship oder nachhaltiges Unternehmertum heißt, war damit von Beginn an Teil der Idee: Wirtschaftlicher Erfolg und sozialer Anspruch sollten nicht nebeneinanderstehen, sondern sich gegenseitig ermöglichen.
Wachstum ohne Werteverlust
Mit zunehmender Größe steigt die Komplexität. Neue Märkte müssen erschlossen, Lieferketten organisiert und Strukturen weiterentwickelt werden. Gleichzeitig gilt es, die Grundsätze zu bewahren, mit denen die Marke angetreten ist. Die zentrale Herausforderung: Wie kann eine Organisation größer werden, ohne ihre ursprünglichen Werte zu verwässern? Paul Bethke bringt den Anspruch auf eine einfache Formel: „Wenn wir wachsen, wächst Fairness. Das heißt: Wir skalieren kein Produkt. Wir skalieren ein Prinzip.“ Besonders sichtbar wird das entlang der Lieferkette. Herkunft und Produktionsbedingungen der Rohstoffe rücken stärker in den Fokus. Transparenz ist damit nicht allein Kommunikation, sondern berührt Einkauf, Partnerschaften und langfristige Unternehmensführung.
Von Konsument:innen zu Teilhaber:innen
Nun überträgt Lemonaid diesen Gedanken auf die Eigentümerstruktur. Seit Juli 2026 können erstmals Aktien der Lemonaid Beverages AG gezeichnet werden. Statt ausschließlich auf wenige große Investor:innen zu setzen, ermöglicht die Marke über GLS Crowd und WIWIN einer breiteren Community die Beteiligung. Das Unternehmen spricht von „Fairholder Value statt Shareholder Value“. Die Idee: Ökonomischer Erfolg soll nicht isoliert betrachtet werden. Entwickelt sich die Firma weiter, sollen davon auch Produzent:innen, soziale Projekte und die Community profitieren. Für die Marke markiert das eine neue Phase: Menschen können nicht mehr nur durch den Kauf der Produkte Teil der Idee sein, sondern sich auch am Unternehmen beteiligen.
Purpose, der im Geschäftsmodell steckt
Die Besonderheit liegt damit nicht allein im Produkt. Bio-Zutaten, faire Beschaffung und soziales Engagement wurden nicht nachträglich als Nachhaltigkeitsstrategie ergänzt, sondern prägen die Marke seit ihrer Gründung. Das unterscheidet den Ansatz von Konzepten, bei denen Purpose vor allem auf der Ebene der Kommunikation stattfindet. Bei Lemonaid ist der gesellschaftliche Anspruch mit Verkauf, Beschaffung und nun auch der Beteiligungsstruktur verknüpft.
Der nächste Test für Lemonaid
Nach 17 Jahren steht deshalb nicht mehr die Frage im Mittelpunkt, ob sich mit einem sozialen Anspruch erfolgreich wirtschaften lässt. Spannender ist, wie weit sich dieses Prinzip tragen lässt. Denn die nächste Entwicklungsstufe von Lemonaid ist zugleich ein Test für eine größere unternehmerische Idee: Kann aus Purpose dauerhaft ein skalierbares Wirtschaftsprinzip werden?