Mind over Matter
Europa redet seit Jahren von technologischer Souveränität – und unterschreibt dann doch wieder bei Microsoft. Das ist keine Strategie. Das ist Stockholm-Syndrom. Aus unserem aktuellen Heft „It’s a match“ 3/2026.
Spätestens seit Trump US-Tech-Exporte als geopolitische Waffen einsetzt und Nvidia-Chips zur Verhandlungsmasse werden, ist die Panik groß: Was, wenn uns die Amerikaner den Chip-Hahn zudrehen? Und was, wenn unsere kritische Infrastruktur auf Plattformen läuft, die in Seattle oder Shenzhen kontrolliert werden? Beides berechtigte Fragen. Aber die eigentlich wichtige Frage stellt niemand: Warum zum Teufel ändern wir nichts? Darüber habe ich zuletzt mit zwei Leuten gesprochen, deren Geschäftsmodelle gegensätzlicher nicht sein könnten, deren Diagnose aber überraschend ähnlich ausfällt: Michael Hanisch, CTO von AWS Deutschland, und Elias Schneider, Gründer des europäischen Cloud-Start-ups CodeSphere. Für Michael Hanisch bedeutet souveränität vor allem Datensouveränität. Und die sei technisch gelöst: Verschlüsselung, Zugriffskontrollen und Daten bleiben in Deutschland. AWS baut sogar eine komplett getrennte European Sovereign Cloud – eigenes Personal, eigene Prozesse, alles EU. Klingt gut, oder? Souveränität auf amerikanischer Infrastruktur. Kritsch betrachtet jedoch ist das Versprechen wie ein Mietvertrag, bei dem der Vermieter verspricht, den Zweitschlüssel nie zu benutzen. Darauf muss man schon vertrauen wollen.Elias Schneider denkt größer. Für ihn ist die Frage nicht, wo die Server stehen – sondern wer die Technologie baut. Seine These ist unbequem: Das Problem sind nicht die Amerikaner. Das Problem ist unser Einkaufsverhalten. Solange der Reflex, vom Mittelständler bis zum Ministerium, US-Tech heißt, entstehen hier keine Champions. Europa habe sich „technologisch und im Kopf abhängig gemacht“, weil amerikanische Provider zum Default geworden seien, obwohl es europäische Alternativen gebe.
KI TICKER
+++ CHATBOTS WAREN GESTERN: OPENAI, ANTHROPIC, GOOGLE UND XAI LIEFERN SICH INZWISCHEN EINEN WETTLAUF UM AGENTISCHE SYSTEME STATT KLASSISCHER CHATBOTS. +++ CODING WIRD ZUM GRÖSSTEN AI-ANWENDUNGSMARKT: CURSOR, DIE KI-ENTWICKLUNGSUMGEBUNG VON ANYSPHERE, WURDE ZULETZT MIT RUND 50 MRD. US-DOLLAR BEWERTET – OHNE SELBST EIN FRONTIER-MODELL ZU ENTWICKELN. GLEICHZEITIG BAUEN OPENAI (CODEX), ANTHROPIC (CLAUDE CODE) UND GOOGLE (GEMINI CODE ASSIST) IHRE CODING-AGENTEN MASSIV AUS. +++ OPEN WEIGHTS VERÄNDERN DIE WETTBEWERBSLOGIK: MODELLE WIE KIMI K3, QWEN ODER LLAMA ZEIGEN, DASS SPITZEN-KI ZUNEHMEND LOKAL BETRIEBEN WERDEN KANN. +++ KI-INFRASTRUKTUR BLEIBT DER ENGPASS: NVIDIA VERKAUFT INZWISCHEN NICHT MEHR NUR GPUS, SONDERN KOMPLETTE AI-FABRIKEN. +++ CHINA ERHÖHT DEN DRUCK. START-UPS WIE MOONSHOT AI (KIMI), ALIBABA (QWEN) UND DEEPSEEK VERÖFFENTLICHEN IN IMMER KÜRZEREN ABSTÄNDEN LEISTUNGSFÄHIGE MODELLE – HÄUFIG ALS OPEN WEIGHTS. SILICON VALLEY DISKUTIERT DESHALB ZUNEHMEND NICHT MEHR, OB CHINA TECHNOLOGISCH AUFGESCHLOSSEN HAT, SONDERN WIE WESTLICHE UNTERNEHMEN DARAUF REAGIEREN MÜSSEN. +++
Gesucht: Europas eigener Weg Bei der Diagnose sind sich beide einig: Europa braucht einen eigenen Weg. Beim Rezept gehen sie auseinander. Michael Hanisch sagt: Industrial AI. Deutschlands Maschinenbauer, Robotik-Firmen, Automatisierungsexpert:innen – sie sitzen auf Jahrzehnten von Domänenwissen. Wenn Künstliche Intelligenz darauf trifft, entsteht echte Wertschöpfung. Und das funktioniert auch mit US-Tech. Elias Schneider geht einen Schritt weiter. Auch er sieht Deutschlands Chance in AI-Applications. Aber für ihn reicht es nicht, dass Europa erfolgreiche KI-Anwendungen entwickelt. Der Kontinent müsse auch wieder eigene Plattformen, Cloud- und Schlüsseltechnologien hervorbringen. Andernfalls drohe Europa dauerhaft von den Plattformen anderer abhängig zu bleiben – und damit einen erheblichen Teil der zukünftigen Wertschöpfung aus der Hand zu geben. Er sagt: „Wenn ich jetzt eine Firma neu gründen würde, dann würde ich darüber nachdenken: ‚Wie kann ich neue Chips entwickeln, die besser sind als die Chips von Nvidia? Wie kann ich neue Chips entwickeln, die besser sind als die Chips von Intel und AMD?‘ Ich würde mir so etwas aussuchen und – wie wir es auch bei CodeSphere machen – maximal groß denken.“
Was fehlt ist das Selbstvertrauen Die Wahrheit ist: Wir scheitern nicht zuerst an fehlenden Chips oder fehlendem Kapital. Wir scheitern an fehlendem Selbstvertrauen. An der Annahme, dass alles, was aus Amerika kommt, automatisch besser ist. An Vergabeprozessen, die europäische Startups systematisch benachteiligen. An einer Mentalität, die fragt „Macht das schon jemand in den USA?“ statt „Können wir das besser?“. Technologische Souveränität heißt für mich nicht, alles zu verteufeln, was aus den USA oder China kommt.
Es heißt, dort unabhängig zu werden, wo Abhängigkeit gefährlich ist – und gleichzeitig europäische Stärken aggressiv auszubauen. Es heißt, dass ein Bosch, ein Siemens, ein Kuka ihre KI-Infrastruktur so baut, dass sie morgen wechseln können, wenn Washington die Regeln ändert. Es heißt, europäische Alternativen nicht aus Mitleid zu kaufen, sondern weil sie gut sind – und es heißt, die Marktbedingungen zu schaffen, dass sie gut werden können. AI-Applications sind eine riesige Chance für Deutschland – aber es wäre fahrlässig, alles auf eine technologische Karte zu setzen. Europa hat alles, was es braucht. Außer den Mut, auf sich selbst zu wetten
VALLEY-TICKER
+++ DAS VALLEY WETTET AUF DIE PHYSISCHE WELT: WÄHREND KI GERADE DIE WISSENSARBEIT VERÄNDERT, FLIESST IMMER MEHR KAPITAL IN ROBOTIK. UNTERNEHMEN WIE FIGURE, SKILD AI ODER DEXTERITY ENTWICKELN SYSTEME FÜR FABRIKEN, LAGER UND BAUSTELLEN. +++ AUTONOMES FAHREN IST ZURÜCK: UNTERNEHMEN WIE APPLIED INTUITION WERDEN ZU ZENTRALEN SOFTWARE-LIEFERANTEN – MIT EINER BEWERTUNG VON RUND 15 MRD. US-DOLLAR. +++ SPACE TECH WIRD INFRASTRUKTUR: SPACEX HAT DEN MARKT VERÄNDERT. START-UPS WIE IMPULSE SPACE, VARDA SPACE ODER PLANET LABS BAUEN INZWISCHEN AUF DIESER INFRASTRUKTUR AUF – VON ORBITALER LOGISTIK BIS ZUR FERTIGUNG IM WELTRAUM. +++ ENERGIE WIRD ZUM TECH-THEMA: DER AUSBAU VON RECHENZENTREN FÜHRT DAZU, DASS STROMVERSORGUNG, NETZANSCHLÜSSE UND KERNENERGIE PLÖTZLICH KERNTHEMEN DER TECH-BRANCHE SIND. +++ QUANTUM RÜCKT AUF DIE AGENDA DER INVESTOR: INNEN: WAS LANGE ALS FORSCHUNG GALT, ENTWICKELT SICH ZUNEHMEND ZU EINEM INFRASTRUKTURMARKT. UNTERNEHMEN WIE PSIQUANTUM UND IONQ SAMMELN MILLIARDEN EIN, WÄHREND IBM, GOOGLE UND MICROSOFT DIE TECHNOLOGISCHE BASIS SCHAFFEN. DIE WETTE: QUANTUM KÖNNTE IN DEN 2030ER-JAHREN EINE ÄHNLICHE ROLLE SPIELEN WIE KI HEUTE. +++

Über Carsten Puschmann:
Carsten Puschmann ist Seriengründer, Investor und einer der prägenden Köpfe des deutschen Start-up-Ökosystems. Als Bridgemaker zwischen Deutschland und dem Silicon Valley bewegt er Kapital und Unternehmen über die transatlantische Lücke.