Startup & Scaling „Das habe ich noch nie vorher versucht, also bin ich völlig sicher, dass ich es schaffe“

„Das habe ich noch nie vorher versucht, also bin ich völlig sicher, dass ich es schaffe“

Nur noch 52 Prozent der deutschen Mittelständler planen Investitionen in den eigenen Betrieb, der niedrigste Wert seit Beginn der Erhebung 1995. Jannie Jacobsen beschreibt aus COO-Perspektive, wie ihre Familie mit Momento Akustik trotzdem eine eigene Produktion in Schleswig-Holstein aufgebaut hat, ohne Branchenerfahrung und ohne Risikokapital.

Angefangen hat alles mit einer Krise. Jahrelang verkauften wir Küchengeräte online. Ein Geschäft, das lange gut lief, bis die Pandemie und die Lieferengpässe es Quartal für Quartal stärker unter Druck setzten. Ein Produkt lief in dieser Zeit gegen den Trend: Akustikpaneele. Wir hatten sie eigentlich nur als Ergänzung ins Sortiment genommen, damit wenigstens ein Artikel eine kurze, verlässliche Lieferzeit hat. Sie wurden uns regelrecht aus den Online-Regalen gerissen.

Zwei halbe Geschäfte ergeben kein Ganzes. An diesem Punkt hatten wir also drei Möglichkeiten: aufhören, schrumpfen oder alles auf das eine Produkt setzen, das lief.

Meine Eltern und ich entschieden am Frühstückstisch: Wir werfen alles über Bord, was wir kannten, und stürzen uns zu 100 Prozent auf Akustik. So entstand Momento Akustik.

Wir wollten Akustikpaneele herstellen, in einer eigenen Halle in Harrislee, zwei Kilometer vor der dänischen Grenze. Produziert hatten wir vorher nie. Was wir konnten, war Einrichtung. Über die Fertigung von Akustikpaneelen wussten wir ungefähr so viel wie jeder, der schon einmal eine gedämmte Bürowand gesehen hat. Maschinenpark, Fertigungstoleranzen, Materialeinkauf: alles neu. Wir haben es trotzdem gemacht.

Die Krise steckte im Produkt, nicht im Bundesland

Damit gehören wir zu einer schrumpfenden Gruppe. Business Punk hat beschrieben, wie tief die Investitionskrise im deutschen Mittelstand sitzt: So wenige Unternehmen wie nie planen noch, in den eigenen Betrieb zu investieren.

Ich lese dieselben Zahlen und komme zu einem anderen Schluss. Die Rahmenbedingungen sind tatsächlich ungünstig: Schleswig-Holstein gehört im Bundesländerindex Familienunternehmen zu den Schlusslichtern unter den Flächenländern. Im Bereich Arbeit und Humankapital belegt das Land sogar den letzten Platz. Zwei Kilometer weiter beginnt Dänemark, wo dieselben Fachkräfte deutlich mehr verdienen. Wir produzieren also in einer Region, die in solchen Rankings nie gut wegkommt.

Der Hauptsitz von Momento Akustik
Der Hauptsitz von Momento Akustik

Investiert haben wir trotzdem hier: in ein Gebäude, in Maschinen, und vor allem in Menschen. Ausgelagert haben wir dabei nichts. Entwicklung, Produktion, Lager, Versand, Marketing und Kundenservice sitzen in Harrislee unter einem Dach. Das kostet mehr als Zukauf. Aber wir hängen nie wieder an einer Lieferzeit, die wir nicht beeinflussen können.

Fachkräfte kann man auch selbst entwickeln

Das geeignete Team für unseren Richtungswechsel mussten wir erst finden. Der Fachkräftemangel im ländlichen Raum ist real: 56 Prozent der befragten Unternehmen sehen ihn als aktuelles Problemfeld. An der dänischen Grenze konkurrieren wir zusätzlich mit dänischen Gehältern.

Unsere Antwort: Wir haben aufgehört, nach fertigen Leuten zu suchen. Aus unserem Küchenmonteur wurde ein Maschinenführer, Mitarbeitende aus dem Einkauf übernahmen Aufgaben in der Produktentwicklung, Lagermitarbeiter wechselten in die Produktion, und Sachbearbeiterinnen lernten die Produktionsplanung. Das Muster wiederholt sich überall im Haus: Menschen, die an einer Stelle angefangen haben und heute eine ganz andere steuern. Wir wählen nach Können aus, nicht nach Lebenslauf. Denn eine Kraft, die unsere Anlagen von innen kennt, ist für uns mehr wert als ein Blatt Papier mit den passenden Zertifikaten.

Auch ich musste in meiner Rolle als COO erst in die neue Aufgabe hineinwachsen. Wir kamen aus dem Online-Handel, unser Talent lag im Vertrieb. Wir stolperten in eine Industrie mit eigenen Regeln: Plötzlich sprachen wir über Taktzeiten, Rüstzeiten und Ausschussquoten. Wir stellten uns eine Frage, die sich im Handel nie stellt: Was kostet ein Produkt eigentlich, wenn wir es selbst herstellen? Ich tauschte Lackschuhe gegen Sicherheitsschuhe. Meine Aufgabe war es, aus Maschinen, Material und Menschen einen belastbaren Betrieb zu bauen, mit klaren Prozessen und Verantwortlichkeiten.

Warten baut kein Unternehmen

Die Zahlen der DZ Bank-Studie zeigen, wie stark die Investitionsbereitschaft im deutschen Mittelstand gesunken ist. Der Unterschied zwischen der Statistik und unserer Entscheidung: Wer fragt, ob die Bedingungen gut genug sind, bekommt in Deutschland gerade fast überall dieselbe Antwort. Wer wagt, hier aus Überzeugung und Leidenschaft trotzdem etwas aufzubauen, schreibt seine eigene Geschichte.

Wir haben 2023 angefangen, ohne Risikokapital und ohne zu wissen, wo wir landen. Heute arbeiten knapp 80 Menschen bei uns. Wir haben über eine Million Paneele produziert und über 225.000 Kund:innen in Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden beliefert. Der Umsatz liegt seit unserem Fokus auf Akustik bei über 70 Millionen Euro. Keine dieser Zahlen stand jemals in einem Businessplan.

Der Satz, mit dem wir als Familie Momento aufgebaut haben, stammt von Pippi Langstrumpf: „Das habe ich noch nie vorher versucht, also bin ich völlig sicher, dass ich es schaffe.“ Für uns bedeutet das: Nicht auf den perfekten Moment warten, sondern anfangen und unterwegs klüger werden. So haben wir eine Krise in ein neues Unternehmen verwandelt. Und so führen wir es bis heute.

Über die Autorin

Jannie Jacobsen ist COO der Momento Living GmbH und Tochter der Unternehmensgründerin Heidi Jacobsen. Gemeinsam führen sie das Familienunternehmen mit knapp 80 Mitarbeitenden und einer eigenen Produktion für Akustikpaneele in Harrislee.

Das könnte dich auch interessieren