Business & Beyond Investitionskrise im Mittelstand: Standort Deutschland fällt auf Rekordtief

Investitionskrise im Mittelstand: Standort Deutschland fällt auf Rekordtief

Nur noch 52 Prozent der deutschen Mittelständler wollen investieren. Die DZ Bank meldet den historischen Tiefpunkt, schlimmer als in jeder Krise zuvor. Die Flucht ins Ausland läuft.

Der deutsche Mittelstand hat dem Standort Deutschland das Vertrauen entzogen. Nur noch 52 Prozent der Unternehmen planen laut Spiegel in den kommenden sechs Monaten überhaupt noch Investitionen im eigenen Betrieb.

Das ist der niedrigste Wert seit Beginn der Erhebung 1995 und damit schlechter als während der Finanzkrise, der Coronapandemie oder der Energiekrise nach dem Ukraine-Krieg. Die DZ Bank und der Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken haben über tausend mittelständische Firmen befragt. Das Ergebnis ist ein Armutszeugnis für die Wirtschaftspolitik.

Kostendruck frisst Zukunftsinvestitionen

Die Zahlen zeigen, womit kleine und mittlere Unternehmen kämpfen: 67 Prozent nennen Energiekosten als Problem, 57 Prozent die Rohstoff- und Materialkosten. Binnen sechs Monaten haben sich diese Belastungen weiter verschärft. Die Sorge vor Lieferengpässen ist um 13 Prozentpunkte auf 31 Prozent gestiegen.

Der Kostendruck landet direkt bei den Kunden: 43 Prozent der Betriebe planen Preiserhöhungen, nur fünf Prozent rechnen mit sinkenden Preisen. Die Geschäftserwartungen stagnieren auf schwachem Niveau, gerade einmal 26 Prozent setzen auf Besserung, 20 Prozent erwarten sogar eine Verschlechterung.

Flucht ins Ausland beschleunigt sich

Parallel zur Investitionsflaute im Inland wächst die Aktivität jenseits der Grenzen. 54 Prozent der befragten Mittelständler sind mittlerweile im Ausland aktiv, zehn Prozentpunkte mehr als noch im Frühjahr 2024. Das Institut der deutschen Wirtschaft hat knapp tausend Unternehmen befragt und kommt zu einem ähnlichen Befund: 19 Prozent verzichten komplett auf Investitionen.

Während 67 Prozent der kleineren Betriebe noch ausschließlich in Deutschland investieren, tun sie das laut Welt aus Alternativlosigkeit. Sie müssen Arbeitsplätze auf dem neuesten Stand halten, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Größere Unternehmen haben diese Zwänge nicht: 13 Prozent investieren vorwiegend oder ausschließlich im Ausland.

Standort Deutschland verliert an Attraktivität

Die Gründe für die Investitionszurückhaltung sind klar benannt: 77 Prozent der Firmen nennen hohe Arbeitskosten, 69 Prozent Regulierungen, 66 Prozent hohe Steuern und 65 Prozent Energiekosten. Die Fachkräftelage sehen 43 Prozent als Hindernis, Klimaziele in Form von Dekarbonisierung 42 Prozent. Positive Faktoren wie der große Absatzmarkt (45 Prozent) oder Rechtssicherheit (44 Prozent) wiegen deutlich schwächer. DZ Bank-Firmenkundenvorstand Stefan Beismann spricht von einem Warnsignal für die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands. Mittelständische Unternehmen konzentrierten sich auf Liquidität, Kostenkontrolle und Lieferkettensicherung.

Investiert werde hierzulande vor allem in die Bestandssicherung. Wachstum und Expansion fänden dagegen immer häufiger im Ausland statt. Ausnahmen seien Geschäftsfelder mit wachsender Nachfrage – etwa Infrastruktur für die Energie- und Wärmewende, Verteidigung sowie Digitalisierung und künstliche Intelligenz.

Business Punk Check

Die Investitionskrise des Mittelstands ist kein vorübergehendes Stimmungstief, sondern ein strukturelles Versagen der Standortpolitik. Wenn selbst Krisen wie die Finanzkrise oder Corona nicht so stark abschreckten wie die aktuelle Gemengelage, läuft etwas fundamental schief. Die Politik verkauft Energiewende und Dekarbonisierung als Wachstumschance. Die Realität zeigt: 42 Prozent der Unternehmen sehen darin ein Investitionshindernis. Die Flucht ins Ausland ist keine Drohgebärde mehr, sondern vollzogene Realität.

Wer jetzt noch auf politische Kehrtwenden hofft, verschwendet Zeit. Entscheider sollten ihre Internationalisierungsstrategie beschleunigen, bevor die besten Märkte besetzt sind. Deutschland bleibt für Bestandssicherung relevant, für Wachstum braucht es andere Spielfelder. Die wenigen Lichtblicke in Verteidigung, Energieinfrastruktur und KI zeigen: Investitionen folgen staatlicher Nachfrage, nicht privatwirtschaftlichem Optimismus. Wer darauf setzt, dass der Standort Deutschland seine Attraktivität zurückgewinnt, wartet auf ein Wunder.

Quellen: Spiegel, Welt, Deutschlandfunk

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