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The Handmaid’s Scale

The Handmaid’s Scale
Business Punk
Erschienen
Lesezeit4 Min · 828 Wörter

Kinderlosigkeit wird zum Business Case. Weil weltweit die Geburtenraten sinken, wächst ein Milliardenmarkt rund um die menschliche Fortpflanzung.

Titelbild: Dystopie oder Zukunftsvision? Im Hulu-Drama „The Handmaid’s Tale“ werden fruchtbare Frauen zu Gebärmaschinen. Die Realität ist weniger drastisch – doch sinkende Geburtenraten und steigende Investitionen in den Fruchtbarkeitsmarkt werfen ähnliche Fragen auf

Von Insa Schniedermeier

Nach einer Epidemie der Unfruchtbarkeit werden die wenigen noch gebärfähigen Frauen als Geburtsmaschinen versklavt. Ihre einzige Aufgabe: Kinder für die herrschende Elite zur Welt bringen. So erzählt es Margaret Atwood in ihrem dystopischen Roman „The Handmaid’s Tale – Der Report der Magd“. Das Buch wurde zur vielgefeierten Serie, gewann mehrere Golden Globes. Fiktion? Vielleicht. Eine Warnung? Auf jeden Fall! Und möglicherweise die Blaupause für einen Milliardenmarkt, über den bislang kaum jemand spricht.

Denn weltweit sinken Geburtenraten und Fruchtbarkeit. Nach Angaben der WHO ist heute jede:r sechste Erwachsene unfruchtbar. Frauen und Männer gleichermaßen. Studien deuten darauf hin, dass Spermienkonzentration und Testosteronwerte seit Jahrzehnten zurückgehen. Was zunächst wie ein medizinisches Problem klingt, entwickelt sich zunehmend zu einer wirtschaftlichen Herausforderung. Und ist längst zu einem der größten Gesundheitsmärkte der kommenden Jahrzehnte geworden. Das französische Biotech-Start-up Igyxos und seine Investor:innen setzen auf genau diese Entwicklung. Seit seiner Gründung im Jahr 2017 hat das Unternehmen 27 Mio. Euro eingesammelt. Zu den Geldgeber:innen zählen Bpifrance, GO Capital und UI Investissement. Das Unternehmen aus Tours entwickelt den monoklonalen, also identischen, von einer einzigen gemeinsamen Ursprungszelle abstammenden Antikörper IGX12. Er soll die Wirkung des follikelstimulierenden Hormons (FSH) verstärken, das sowohl bei der Eizellreifung als auch bei der Spermienproduktion eine Schlüsselrolle spielt. Die Therapie soll Frauen und Männern helfen. Vergangenen Dezember meldete Igyxos erste erfolgreiche klinische Ergebnisse. Der Wirksamkeitsnachweis am Menschen steht derzeit noch aus. „Unfruchtbarkeit ist häufig multifaktoriell“, sagt Chief Medical Officer Elke Bestel. Übergewicht, Umweltfaktoren, Lebensstil und Alter spielten eine wichtige Rolle. „Auch Männer werden mit zunehmendem Alter weniger fruchtbar.“ Bei Frauen seien häufig Endometriose oder hormonelle Störungen die Ursache.

Bestel ist gebürtige Deutsche, studierte Medizin in Göttingen und München und wollte ursprünglich Gynäkologin werden. Der Liebe wegen zog sie bereits in jungen Jahren nach Frankreich, wechselte später in die Pharmaindustrie und landete 2024 schließlich bei Igyxos. Heute lebt sie in Genf und arbeitet vollständig remote. „Ich war bisher erst einmal in Tours“, sagt sie. Die Zusammenarbeit funktioniere problemlos digital. Aktuell ist Bestel mit Fundraising beschäftigt, denn für die anstehenden Studien der sogenannten humanen Phasen II und III wird frisches Kapital benötigt.

In diesen Studien wird IGX12 erstmals an Kinderwunschpatient:innen in spezialisierten Zentren getestet. Erst nach einem erfolgreichen Abschluss der Phase III kann eine Zulassung beantragt werden. Das Patent ist bereits gesichert.

Die Folgen sinkender Geburtenraten

Dass Investor:innen auf Unternehmen wie Igyxos setzen, hat einen einfachen Grund: Das Problem verschwindet nicht. Es wächst.

„Es ist wahrscheinlich keine besonders gute Idee, in der aktuellen Zeit Grundschullehramt zu studieren“, sagt Stephen J. Shaw. Der Regisseur der Dokumentation „Birthgap“ untersucht seit Jahren die wirtschaftlichen Folgen sinkender Geburtenraten. Seine These: Weniger Kinder bedeuten langfristig weniger Arbeitskräfte, weniger Steuerzahlende und mehr Druck auf Renten- und Sozialsysteme. Im Mittelpunkt seiner Analyse steht die sogenannte Bestandserhaltungsrate von 2,1 Kindern pro Frau, die Geburtenrate, die nötig ist, um eine Bevölkerung stabil zu halten. Europa liegt inzwischen flächendeckend darunter. Deutschland kommt auf 1,36 Kinder je Frau, Spanien auf 1,1 und Frankreich auf 1,61. Besonders dramatisch ist die Entwicklung in Südkorea. Dort lag die Geburtenrate 2023 bei nur noch 0,72 Kindern pro Frau, dem niedrigsten Wert der Welt. „Vielleicht wachen die Menschen erst auf, wenn wir Südkorea verloren haben“, sagt Shaw. Doch Medizin allein wird das Problem nicht lösen. „Man darf die sozialen Faktoren nicht vergessen“, sagt Bestel. Laut einer Studie des Pew Research Centers entschieden sich 56 Prozent der kinderlosen Erwachsenen bewusst gegen Kinder. Nur 19 Prozent nannten medizinische Gründe, weitere 25 Prozent andere Lebensumstände.

Frankreich hat den Ernst der Lage erkannt und reagiert mit Macrons „réarmement démographique“, der demografischen Aufrüstung. Sein 16-Punkte-Plan umfasst eine Kampagne mit Informationsbriefen an 29-Jährige, mehr Möglichkeiten zum Einfrieren von Eizellen und eine verlängerte Elternzeit. Auch Bestel, selbst Karrierefrau und Mutter von drei Kindern, sagt: „Man sollte den Kinderwunsch nicht ewig aufschieben. Bis 40 zu warten, ist oft keine gute Idee.“ Aktuell beschäftigt Igyxos zehn Mitarbeitende. Sollte IGX12 die klinischen Studien erfolgreich bestehen, könnte das Unternehmen einer der spannendsten europäischen Biotech-Erfolge der kommenden Jahre werden. Denn während Silicon Valley darüber diskutiert, wie Künstliche Intelligenz unsere Zukunft verändert, arbeitet Igyxos an einer vielleicht noch fundamentaleren Frage: Wie sorgen wir überhaupt dafür, dass es künftig genügend Menschen gibt, die diese Zukunft erleben?

Bild: Forschung für die Fruchtbarkeit Das französische Start-up Igyxos entwickelt den monoklonalen (identischen) Antikörper IGX12. Er soll Männern und Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch helfen

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