Trust yourself
Deutschland traut der Wirtschaft, nicht aber der Zukunft. Ein Teufelskreis mit verheerender Nebenwirkung: Zutrauen lässt sich nämlich nicht verordnen. Eine Kolumne von barabar Lutz.
Von Barbara Lutz
Hangzhou, China, im November 2025. Im Saal der Global Women’s Expo & Global Women’s Cordial Exchange and Innovative Industry Conference, kurz: Global Women’s Expo, sind 2.000 Frauen zusammengekommen – Ingenieurinnen, Gründerinnen, Managerinnen –, die keine Sekunde darüber diskutieren, ob Künstliche Intelligenz ihr Thema ist. Sie nutzen KI und nehmen selbstverständlich Einfluss. Man muss China nicht zum Vorbild erklären, um diese Beobachtung ernstzunehmen. Was hier sichtbar wird, ist Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten. Anders sieht’s in Deutschland aus: Die KI-Nutzung liegt hierzulande mit 31 Prozent beispielsweise deutlich hinter den Emiraten (über 70 Prozent), Singapur (63 Prozent) oder Südkorea, wo sie am schnellsten wächst (Quelle: Microsoft AI Diffusion Report, Q1 2026). Damit aber nicht genug: Frauen liegen doppelt zurück, wie die aktuelle IAB/D21-Studie zeigt. 16 (!) Prozentpunkte beträgt der Gender AI Gap in Deutschland – und am größten ist die Lücke ausgerechnet bei den Jüngsten. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Wer KI jetzt nicht nutzt, wird abgehängt. Das ist keine Fußnote. Es ist die Wettbewerbsfrage unserer Zeit.
Was fehlt, ist Zutrauen Vertrauen entsteht nicht durch Beruhigung. Es entsteht durch Struktur. Durch die wiederholte Erfahrung, dass jemand oder etwas verlässlich handelt. Man verliert Vertrauen in Sekunden. Es zurückzugewinnen kostet Jahre. Das gilt für Menschen. Für Institutionen. Und für Technologien. Zutrauen ist seine persönlichste Form: die Erwartung an sich selbst, mit Neuem umgehen zu können.
Warum Deutschland weniger vertraut Der Edelman Trust Barometer 2026 zeigt für Deutschland einen Trust Index von 44 Punkten, global liegt er bei 57. Vor allen anderen Institutionen haben die Menschen weltweit das höchste Vertrauen in die Wirtschaft. Das gilt auch für Deutschland, allerdings mit 48 Punkten auf niedrigerem Niveau. Beim Zukunftsoptimismus rutscht Deutschland gar auf 8 Prozent ab. Nur in Frankreich ist man pessimistischer. Deutschland traut der Wirtschaft. Aber nicht der Zukunft. Das ist keine Kritik mehr. Es ist eine Grundhaltung. Wer sich selbst nicht traut, traut niemandem. Deutsche Gründlichkeit ist ein Ideal. Wenn sie aber umschlägt in Perfektionismus und Fehlervermeidung, wird sie zur Vertrauensbremse. Fehler gelten nicht als Lernchance, sondern als Risiko. Wer keine Risiken eingeht, gewinnt kein Neuland. Wer kein Neuland gewinnt, verliert Zukunftsoptimismus. Ein Kreislauf. Oder besser gesagt: ein Teufelskreis.
Compliance ist nicht die Antwort 41 Prozent der Unternehmen in Deutschland setzen 2026 KI aktiv ein, sagt Bitkom. 2025 waren es nur 17 Prozent. Ja, der Sprung ist enorm. Aber viele Mitarbeitende sind überfordert. Mit dem Zuwachs wächst auch der Ruf nach Kontrolle. 2026 ist das Jahr der Regelwerke. Allein im Kontext KI sind wir konfrontiert mit: EU AI Act. NIS-2. DORA. Der Bundeskongress Compliance wird sich im November 2026 mit der Umsetzung auseinandersetzen müssen und hat sich als Leitthema „Vertrauen“ gesetzt. Das Versprechen: Wer Regeln nachvollziehbar macht, gewinnt Vertrauen. Das ist jedoch nur die halbe Wahrheit. Es stimmt: Unternehmen brauchen Re geln. Nicht jede:r im Unternehmen sollte einen KI-Agenten implementieren können, müssen oder dürfen. Gute Regeln geben Halt. Sie machen Neues nutzbar, ohne dass jede:r Einzelne das Risiko allein trägt. Nur: Regeln schaffen Rahmen. Sie schaffen kein Vertrauen. Wo Vertrauen fehlt, sinkt die Einsatzbereitschaft. Der Preis lässt sich beziffern: Der Gallup Engagement Index 2025 misst über 119 Mrd. Euro Schaden für die deutsche Wirtschaft. Nur 10 Prozent der Beschäftigten sind hochengagiert. Das ist keine Compliance-, es ist eine Vertrauensfrage.
Was Frauen zeigen – Vertrauen entsteht durch Erfahrung Der Gender AI Gap klingt nach dem üblichen Klagelied. Aber die Forschung zeigt die Lösung. Eine Studie aus Chicago und Kopenhagen, publiziert in PNAS, hat 18.000 Beschäftigte analysiert: Können Frauen den konkreten Nutzen nachvollziehen, adaptieren sie KI stärker als Männer (Faktor 3,4 zu 3,0). Die IAB/D21-Studie 2026 bestätigt: Nicht Angst erklärt die Lücke, den Unterschied macht, ob KI als nützlich erlebt wird. Frauen warten also nicht auf mehr Selbstbewusstsein. Sie warten auf einen echten Grund. Dann entsteht auch Vertrauen. Nicht durch Beruhigung oder Regeln.
Was jetzt zu tun ist Edelman hat einen zweiten Befund. 74 Prozent der Beschäftigten in Deutschland vertrauen ihrem Arbeitgeber. Medien, Regierung, NGOs liegen deutlich darunter. Der Arbeitsplatz ist damit der stärkste Vertrauensanker einer misstrauischen Gesellschaft. Darin liegt eine Chance. Und eine Verantwortung. Führung ist Vertrauensarbeit. Nicht Compliance-Arbeit. Wer das verwechselt, produziert Regelwerke, die niemand liest. Wer es unterscheidet, baut Organisationen, in denen Menschen etwas leisten wollen. Auch mit KI. Auch in Deutschland.Zutrauen lässt sich nicht verordnen. Vertrauen ebensowenig. Beides entsteht dort, wo Menschen Wirkung erleben. statt Warnungen. Wir brauchen mehr davon. In den Unternehmen, in der Gesellschaft, bei jeder und jedem von uns.
Barbara Lutz
ist Gründerin von FKi Inclusion for Excellence, einer der führenden Management-Beratungen für Change und Diversity. Sie hat den KPI-basierten Frauen-Karriere-Index (FKi) entwickelt, der von Unternehmen in 32 Ländern genutzt wird.