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Vorbild Israel: Wie Ostwestfalen-Lippe zum Gründer:innen-Hotspot wurde

Vorbild Israel: Wie Ostwestfalen-Lippe zum Gründer:innen-Hotspot wurde
DPA Picture Alliance Mitarbeiter einer Reinigungsfirma säubern das Hermannsdenkmal am 06.09.2016 in Hiddesen in der Nähe von Detmold (Nordrhein-Westfalen) mit einem Reinigungsgerät von einer mehr als 40 Meter hohen Hebebühne. Angst vor der Höhe dürfen die Reinigungsleute nicht haben. Foto: Friso Gentsch/dpa (Luftaufnahme mit Drohne) ACHTUNG: Dieses Bild hat dpa bereits im Bildfunk gesendet. +++(c) dpa - Nachrichten für Kinder+++
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Die Wirtschaftsregion Ostwest­falen-­Lippe betreibt seit Jahren ehrgeizig Selbstdisruption – wie steht sie heute da?

Eisern sticht der Hermann sein Schwert in den Himmel über Detmold. Seit 1875 steht er auf seinem Hügel südlich der Stadt. Sein starrer Blick geht nach Westen. Lange galt der dem ehemaligen Erbfeind Frankreich, dem das Denkmal von „Hermann the German“ eine Warnung sein sollte. Doch dieser Hermann, die über 50 Meter hohe Statue am Rande des Teutoburger Waldes, blickt auch über die in der Nähe liegenden Städte: über Bielefeld und Gütersloh, über Rheda-Wiedenbrück und Paderborn.

Für Menschen, die nicht aus der Gegend stammen, mögen diese Ortsnamen nach nicht viel klingen. Aber: Die Region Ostwestfalen-Lippe im nördlichen NRW ist eines der Powerhouses der deutschen Wirtschaft. Hier sind sie zu Hause, die großen Unternehmen der alten BRD: Miele baut hier Waschmaschinen; Claas Landmaschinen, die in die ganze Welt exportiert werden; Seidensticker produziert Kleidung; Dr. Oetker kennt man vom Kuchen und den Tiefkühlpizzen.

Pit Clausen ist seit drei Amtszeiten Oberbürgermeister von Bielefeld. Er pflegt enge Beziehungen zu anderen Gemeinden in NRW. Foto: Pit Clausen

Hermann galt ja lange als einer der Helden der deutschen Geschichte. Trotzdem wird auch seine Statue dann und wann einmal spröde, und ihr rinnt der Rost von der Rüstung. Damit taugt sie bestens zum Symbol. Denn genauso benötigt auch die Wirtschaft einer solchen Powerhouse-Region irgendwann mal einen Griff unter die Arme.

Neue Ideen haben es schwer

Das heißt nicht, dass es den Unternehmen in Ostwestfalen-Lippe schlecht ginge. Pit Clausen, der Oberbürgermeister Bielefelds, drückt das so aus: „In alten Strukturen ist es manchmal nicht so leicht, mit neuen Ideen durchzudringen.“ Dafür brauche es sogenannte Denkoasen. Und eine dieser Denkoasen ist etwa die Founders Foundation. Ihr Ziel ist es, dass mehr junge Menschen mit ihren eigenen Ideen an den Start gehen – anstatt die in der Region klassische Konzernlaufbahn einzuschlagen, an die man in OWL ziemlich leicht kommt.

Torsten Bendlin ist einer, der sein Busi­ness in OWL hochzieht. Zusammen mit seinen zwei Co-Foundern Dennis Cutraro und Ingo Rossdeutscher hat er Valuedesk gegründet, das eine Mischung aus Software-as-a-Service und Dienstleistung anbietet, mit denen Konzerne Prozesse optimieren und Geld sparen können. Bendlin nennt das Beispiel Verpackungen. „Wenn ich die dünner mache, tue ich vielleicht nicht nur was für die Umwelt, sondern spare auch noch ein paar Euro. Obwohl ich bei genauer Berechnung vielleicht trotzdem noch alle wichtigen Kriterien erfülle.“

Sebastian Borek und Dominik Gross sind die Chefs der Founders Foundation. Alles was sakliert, ist bei ihnen genau richtig. Foto: Founders Foundation

130 Methoden hat das Startup in seiner Software strukturiert. Das Unternehmen hat gerade 3,2 Mio. Euro einer Pre-Series eingesammelt. Jetzt geht es darum, das geplante Wachstum der kommenden Jahre vorzubereiten. Fragt man Bendlin, warum er ausgerechnet in Bielefeld gegründet hat, obwohl ihm doch Hamburg München oder Berlin offengestanden hätten, hat er folgende Antwort parat: „Ich bin Bielefelder, es stand für mich außer Frage, woanders zu gründen.“

Und: „Hier zu gründen ist, als würde man im Goldfischteich angeln“, sagt er. Die wirtschaftliche Stärke und vor allem der Modernisierungsdruck, dem die Unternehmen der Region unterliegen, sorgen dafür, dass es für ihn mehr als genug Kund:innen gibt. „Außerdem kann ich hier mit dem Rad zu Kund:innen fahren“, sagt Bendlin.

Candy-Cotton-Land?

Es sind also die traditionellen Unternehmen, die die Region für Gründer:innen wie Bendlin und seine Kolleg:innen attraktiv machen. „Ich schätze, dass es hier im Umkreis von 100 Kilometern rund 4.000 Unternehmen als potenzielle Kund:innen gibt“, sagt er – das ist der Goldfischteich, von dem er spricht. Und da er und seine Mitgründer eine Software auf den Markt gebracht haben, mit der Unternehmen sehen können, wo und in welchen Prozessen sie Geld sparen können und dies nachhaltig festhalten können, kann man es auch mit den Worten von Bielefelds Bürgermeister sagen: Das sind die neuen Ideen für die alten Strukturen – Win-win für Unternehmen und Startup.

Anne Dreier ist die Rektorin der Fachhochschule des Mittelstandes. Sie will das Gründungsgeschehen in OWL ausbauen. Foto: FH des Mittelstandes

Win-win-win, wenn man noch OWL an sich miteinbezieht. Denn mit Valuedesk hat die Region ein neues Unternehmen dazugewonnen, außerdem sind die drei Gründer nicht irgendwo anders hingegangen. Das klingt irgendwie erst mal nach Candy-Cotton-Land für Gründer. Aber wie immer ist es nicht ganz so rosig. Die Beziehung zur „alten“ Wirtschaft der Region kann eine Hilfe sein. Kann! Sie ist aber eher ein ambivalentes Mischverhältnis.

Neue Player:innen bringen eben auch neuen Konkurrenzkampf in den Markt. Klar, dass das nicht allen gefallen muss. Es ist sicherlich nicht vermessen, von einer Gründungsoffensive in OWL zu sprechen. Die aber ist kein homogener Prozess. Das Ganze gleicht eher einem impressionistischen Gemälde. Aus der Nähe betrachtet wirkt jeder Farbklecks für sich. Die Distanz aber gibt den Blick auf das Gesamtkunstwerk frei. Bis dieses Kunstwerk vollendet ist, ist es ein langsamer und sehr, sehr leiser Prozess. Und es ist ein Experiment: Unternehmen werden gegründet, versuchen ihr Glück – manche bleiben, viele nicht.

Exzellente Rahmenbedingungen

Und am Ende entstehen wieder neue Startups. Im besten Falle solche, die zu den schon bestehenden Unternehmen passen, sie ergänzen, optimieren. Die Rahmenbedingungen jedenfalls sind exzellent. Zumindest wenn man in Bars im Bielefelder Bahnhofsviertel genauso glücklich wird wie in den Gründer:innenschuppen auf der Berliner Torstraße.

„Unternehmen mögen die Region“, sagt Bürgermeister Clausen „Es gibt urbane Strukturen, gleichzeitig ist es ein bisschen überschaubarer.“ Für die alte Garde an Unternehmen ist das ja schon lange wahr. Dass das auch für neue gilt, daran arbeiten sie in der Region nun.

Bürgermeister Clausen spricht gerne von den Founders und davon, was sie der Stadt und der Region bisher gebracht haben. Das Problem mit den neuen Ideen kenne er auch aus der Stadtverwaltung, in der in Bielefeld immerhin etwa 7.000 Leute tätig sind. „Wir haben da auch schon mit der Founders Foundation gearbeitet“, sagt er – außerdem habe sich seine Stadt bereits in das Projekt eingekauft. Schließlich bringe es Arbeitsplätze.

Kai Kuljurgis ist Gründer – er zieht Coindex in OWL hoch. Foto: Coindex

Die Founders sind das eine. Das andere ist, dass sich in OWL in den vergangenen Jahren ein ganzes Set an Initiativen gegründet hat, die versuchen, junge Menschen zum Gründen zu bewegen. Während die Founders Foundation mit ihrem Chef Sebastian Borek den Fokus eher auf schnell skalierbare Digitalbusinesses legt, ist die Fachhochschule des Mittelstands um ihre Rektorin Anne Dreier breiter aufgestellt. Oder die Fachhochschule Bielefeld mit ihrem Gründungsberatertag-Team aus Stefanie Pannier und Tim Kampe.

Ein regionales Netzwerk

All die Initiativen wirken auf den ersten Blick so, als arbeiteten sie jeweils für sich. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich aber: Sie bilden ein Netzwerk, das sich in den vergangenen Jahren über die Region gelegt hat und das Gründer:innen zum Start ihrer Karrieren den nötigen Halt und die Connections gibt. Allen diesen Verbindungspunkten ist ein Ziel gemein: für die Region und die Wirtschaft der Region neue Impulse zu setzen.

Einer, der Impulse gekriegt hat, ist Kai Kuljurgis, der dort sein Kryptobusiness Coindex hochzieht. „Initiativen wie die Founders Foundation haben in der Region einiges ins Rollen gebracht“, sagt er. Das sei wichtig, da Gründer:innen in der Gegend eben oft noch Verwunderung entgegenschlage. Wie ihm selbst etwa, wenn er erzählt, dass er mit Kryptowährungen arbeitet. Für die meisten ein Thema, das eher nach Berlin oder London, nicht aber ins Hinterland passe.

Ein Verdienst der Founders etwa sei, dass der Mittelstand das junge Netzwerk auf dem Schirm habe. Trotzdem fürchtet Kuljurgis, dass die Initiative hinter ihrem Potenzial zurückbleibt. Auf keinen Fall will Kuljurgis die getane Arbeit schlechtmachen – er findet aber, dass „die substanzielle Arbeit mit den Companys zu kurz kommt“. Wie bei vielen Gründungsinitiativen verberge sich das Ganze hinter einer großen Menge „visionären Gelabers“, und erst ein Blick unter die Oberfläche zeige, dass trotz all der Arbeit noch immer viele Baustellen bleiben. „Wer will man sein? Möchte man den Mittelstand in die Szene locken, sind die Gründungen vielleicht nur Beiwerk?“, fragt er.

Wie kann man den Erfolg messen?

Auch wenn Kuljurgis nicht nur Lob findet, unterstützt er die Arbeit des Gründer:innen-Netzwerks. Vielleicht geht es ja auch um etwas ganz anderes. „Die Themen sind halt jetzt präsenter“, sagt er. Damit macht er die Diskussion um die Messbarkeit auf und landet gleich bei einer Metrik, die am Ende nur schwer quantifizierbar sein wird. Gegründete Unternehmen zu zählen ist easy, Arbeitsplätze auch. Auch Kapital kann man relativ leicht zusammenrechnen.

Aber wie misst man Veränderungen im Mindset einer Region? Wenn jemand in OWL gründet, kann man dann fragen, ob er wegen der vielen Initiativen die Region nicht verlassen hat. Oder kommt man dann schnell an den Rand des kontrafaktischen Argumentierens?

Torsten Bendlin ist Co-Founder von Valuedesk. Foto: Valuedesk

OWL ist sicher nicht die einzige Region in Deutschland, die aktuell versucht, Gründer:innen anzulocken. Auch Regionen wie Heilbronn haben Initiativen gestartet. OWL aber unterscheidet die Art, wie hier Business gemacht wird. Viele der Mittelständler sind eigentümer:innen-geführt, einige sind seit Generationen in Familienbesitz. Da geht es weniger um Quartalszahlen als um das große Ganze.

Viele Unternehmen arbeiten so, dass sie ihr Werk an die kommende Generation weitergeben können. Wenn man bedenkt, dass viele der Gründer:innen in der Region diese Vorbilder seit jeher vor sich haben, ist anzunehmen, dass das auch einen Einfluss auf das Gründungsgeschehen der Region hat.

Um das zu beschreiben, lohnt noch einmal ein Blick auf das Hermannsdenkmal bei Detmold. Hermann hat irgendwo im Teutoburger Wald im Jahr neun den Römern gewaltig eins auf die Mütze gegeben. Sein lateinischer Name, Arminius, hat es mit Arminia Bielefeld auch in den Namen eines Fußballbundesligisten geschafft. Der Slogan des Vereins, „stur, hartnäckig, kämpferisch“, eignet sich recht gut, um die Unternehmer:innen der Region zu beschreiben, finden hier viele. Denn nicht nur den Unternehmern, die in der Region seit Generationen arbeiten, geht es um langfristigen, gerne langsamen, wenn’s nicht anders geht, auch langweiligen Erfolg.

Der Ostwestfale an sich gilt als eher bodenständig. Viele hier meinen, dass nicht die Frage entscheidend ist, wie viel Funding eine Gründung etwa eingesammelt hat, sondern ob sie Gewinn macht. Nachhaltiges Wirtschaften, Ideen entwickeln, Jobs schaffen. Dann kann man sich auch irgendwann mal auf die Schulter klopfen. Vielleicht.

Stefanie Pannier will das Gründungsgeschehen an der FH Bielefeld fördern. Foro: Stefanie Pannier

70 Prozent Überlebensrate

Dieses Denken macht die Frage, wie man den Erfolg einer so diffusen Gründungsinitiative messen kann, noch wichtiger. „Wir haben natürlich klare KPIs aufgestellt“, sagt Sebastian Borek, der Chef der Founders Foundation. Eine Metrik ist natürlich die Anzahl der gegründeten Unternehmen. Nach eigenen Angaben seien aus der Founders Foundation 20 Unternehmen hervorgegangen. Bei einer Überlebensrate von 70 Prozent kein schlechter Schnitt. „Dann ist eine wichtige Erfolgsmetrik: Wie viel Venture-Capital kommt in die Region?“, sagt Borek. Und: Wird in die Startups investiert? Gibt es Fol­ge­inves­tments? Und dann müsse man auch noch die anderen Stakeholder:innen im Blick haben.

Einer davon ist der Mittelstand, für den es wichtig sei, ebenfalls von der Entwicklung zu profitieren. Ein Vorbild sei dabei das Startup-Ökosystem in Israel gewesen. „Das ist nicht nur ein Inkubator oder eine Uni, die irgendwas macht. Und wir wollten auch etwas entwickeln, bei dem verschiedene Räder ineinandergreifen“, erklärt Borek.

Um langfristig erfolgreich zu sein, müsse man dafür sorgen, dass die Expertise nicht abwandert. „Ich glaube nicht, dass wir das in Deutschland schon richtig verstanden haben“, sagt Boreks Co-Chef Dominik Gross. Wie schafft man es also, dass die Startups, die es bereits gibt, auch wachsen können? „Das ist der nächste Schritt“, sagt Gross. „Dafür muss man auf die nächsten zehn Jahre gucken.“ Und natürlich auf die anderen Player, die ebenfalls daran arbeiten, dass ein Masterstudiengang in Paderborn langfristig mindestens genauso sexy ist wie einer in London.

Tim Kampe will das Gründungsgeschehen an der FH Bielefeld fördern. Foto: Tim Kampe

Ein weiter Weg, ahnen Stefanie Pannier und Tim Kampe. Aber sie arbeiten daran. Pannier und Kampe sind Gründungscoaches des Center for Entrepreneurship (CfE) an der Fachhochschule Bielefeld. Unter ihnen gab es zwei Umfragen unter den Studierenden. Die erste habe ergeben, dass 67 Prozent der Leute an der FH gerne mehr Veranstaltungen zum Thema Gründen hätten.

Die zweite Umfrage aber zeigte, dass sich 95 Prozent der Absolvent:innen nach ihrem Studium doch fest anstellen ließen. „Aus irgendeinem Grund gründen die Leute weniger“, sagt Pannier. „Wir wollen zeigen, dass das eine wichtige Karriereoption ist“, so Kampe.

Ideen, Ideen, Ideen

Der Ansatz der FH, das sagen Pannier und Kampe selbst, unterscheide sich sehr von dem der Founders Foundation. Ihnen geht es weniger um die schnell skalierbaren Ideen. „Bei uns ist es egal, ob du mit einer Idee für eine Handtasche zu uns kommst oder an einer neuen Plattformlösung arbeiten willst“, sagt Pannier. Im Gegensatz zu den Founders, die als Accelerator dienen wollen, will das CfE den Rahmen bieten, dass sich Leute um ihre Ideen kümmern können. „Viele Gründer:innen sind noch im Studium“, sagt Kampe.

Und: Studieren, eine Idee verfolgen und an den Abenden kellnern, das ginge eben nicht. Trotz des unterschiedlichen Ansatzes sehen sich Pannier und Kampe nicht als Konkurrenten der Founders. Im Gegenteil. Sie sehen sich als einen weiteren Farbtupfer im Gemälde, als Teil der Gemeinschaft. Die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Playern zeigt sich für die beiden auch darin, dass eine Teilnahme bei den Founders Hilfe bei Pannier und Kampe nicht ausschließt.

Stolze 23 Teams haben Pannier und Kampe seit 2017 bereits begleitet, aus einem Drittel ungefähr habe sich eine Gründung ergeben. Gerade arbeiten die beiden daran, dass noch mehr Studierende ihr Angebot wahrnehmen, denn bisher wüssten nur 15 Prozent überhaupt, dass es sie gibt. Und auch wenn die Erfolge noch überschaubar sind: Sie sind bereits wahrnehmbar.

Ein starkes Symbol

Mit Blick auf die vergangenen Jahre sagt Anne Dreier, die Rektorin der FH des Mittelstands: „Ich glaube, es ist attraktiver geworden, in der Region zu bleiben.“ Es habe sich ein B2B-geprägtes Ökosystem entwickelt. Darin findet man neben Gründer:innen und Unternehmen die Hochschulen, Player:innen aus der Zivilgesellschaft, aus der Sozialwirtschaft und dem Gesundheitswesen.

„Es hat sich eine Kultur entwickelt, die auf Kooperation basiert“, sagt Dreier. Wenn viele Leute aktiv werden, treffen auch viele aufeinander, die „sonst nie zusammengefunden hätten“. Selbst wenn die Leute nicht alle zu Gründer:innen werden, bringe die Initiative die Region weiter.

„Wir haben einen hohen Bedarf an Unternehmensnachfolger:innen“, sagt Dreier. „Auch da brauchen wir unternehmerisch denkende Menschen.“ Die Entwicklungsdynamik, die sich in den vergangenen Jahren entwickelt hat, passe daher hervorragend in die natürliche Entwicklung der Region.
Einen besonderen PR-Boost haben die Gründer:innen in Ostwestfalen Ende des vergangenen Jahres abbekommen.

Das Startup, das es ins Zentrum der Aufmerksamkeit geschafft hat, kam zwar nicht direkt aus der Region, sondern aus Münster. Doch dass der Getränkelieferant Flaschenpost von Dr. Oetker für 1 Milliarde Euro gekauft worden ist, ist trotzdem ein bisher einmaliger Vorgang im deutschen Hinterland. Und für viele auch einer mit Vorbildcharakter, zeigt er doch, dass die etablierten Unternehmen die heimatliche Szene genau im Blick haben.

Stephen Weich ist Gründer von Falschenpost. Sein Unternehmen hat er an Dr. Oetker verkauft. Foto: Flaschenpost

Stephen Weich, der CEO von Flaschenpost, erkennt in der Region OWL und Münster gleich mehrere Standortvorteile: „Es gibt hier viele Talente, und man kann sich auf das Business konzentrieren, das man hochziehen möchte“, sagt er. Außerdem gäbe es da noch große Player:innen in der „Older Economy“. Ein starkes Netzwerk, von dem Flaschenpost am Ende eben auch profitieren konnte.

Das Besondere an dem Deal sei ja, dass beide Unternehmen aus einer Region stammen. „Das ist eher selten“, sagt Weich. Ein Mangel an Finanzierungsmöglichkeiten für größere Startups mache irgendwann die Frage wichtig, was ein guter Exit-Kanal sein könnte. Was also, wenn das Flaschenpost-Dr. Oetker-Schema Schule macht und mehr Mittelständler:innen sich die Ideen der Neugründungen einkaufen? Dann könnte das vielleicht ein neuer Treiber für die Gründerszene der Region sein.

Ein Marathon, kein Sprint

OWL hat, so viel lässt sich sagen, vermutlich bereits die erste, wichtige Hürde genommen. Aber ein Startup-Ökosystem aufzubauen ist ein Marathon und kein Sprint. Und dass man den schafft, wird OWL noch beweisen müssen. Torsten Bendlin drückt das so aus: „Es gibt wohl kein Unternehmen hier, das in den letzten Jahren nicht mit einem Startup zusammengearbeitet hat“, inklusive der obligatorischen Failures.

„Wir müssen jetzt beweisen, dass unsere Ideen auch Geld bringen“, sagt Bendlin. Sonst war alles nur eine Idee. Denn mit jeder gescheiterten Zusammenarbeit steige bei den Menschen hier in der Region natürlich auch die Skepsis. Jetzt heißt es also: stur, hartnäckig und kämpferisch bleiben – gut, dass sie damit in der Region schon in der Vergangenheit Erfolg hatten.

Dieser Text stammt aus unserer aktuellen Ausgabe 1/21. 132 druckfrische Seiten mit acht Storys über die Zukunft der weltweiten Gesundheitsindustrie. Außerdem: Start unserer neuen Serie Personal Finance, ein Besuch im ehrgeizigen Gründer-Hotspot Ostwestfalen-Lippe und die Geschichte von zwei Gründerinnen in Kolumbien, die ein weltweit agierendes Fashionlabel aufbauen. Also ab zum Kiosk oder zum Aboshop.

Portrait Bastian Hosan

Bastian Hosan

Bastian kommt aus der tiefsten Provinz in Rheinland-Pfalz und hat Geschichte, Geographie, Kommunikationswissenschaften und Journalismus in München studiert. Alles Fächer, die einem an jedem Kneipentresen genug Gesprächsstoff für mindesten 25 Jahre geben. Und genügend Futter für Geschichten aus allen Bereichen – auch aus der Wirtschaft. Seine Ausbildung hat er an der Deutschen Journalistenschule in München absolviert. Seitdem hat er in unzähligen Redaktionen gearbeitet. Digitales hat er bei einem Tech- und Medien-Startup gelernt, außerdem war er einige Zeit in der PR. Wenn er nicht an irgendwelchen Geschichten oder Tik-Toks arbeitet, läuft er sooft er kann durch Berlin.