Wie Hugo Oliveira mit Campingbussen ein 100-Millionen-Business macht

2013 startete Hugo Oliveira mit drei selbst ausgebauten Bussen Indie Campers. Der Wohnmobilverleih aus Lissabon soll bald 100 Mio. Euro wert sein. Wie geht das?

Wie riecht Freiheit? Vielleicht so: nach Meer, nach warmem Staub und, natürlich, nach Benzin. Hauptsache, die Sonne scheint. Und Hauptsache, der Wind weht einem hart durchs Haar.

An einem Spätnachmittag im Mai stehen Hugo Oliveira und André Leitão, beide 28, in einem Industriegebiet zwischen dem Flughafen und dem Fischereihafen von Lissabon neben einem Zementwerk und einer Spedition und 25 knallbunt beklebten Fiat Ducatos in einer mittelgroßen Lagerhalle und schauen auf: ein abgesessenes Sofa, zwei Dutzend an der Wand gestapelte Ikea-Kisten voll mit Tellern, Tassen und Besteck, sieben Surfbretter und einen Schreibtisch, auf dem ein paar Postkarten des Wohnmobilverleihs Indie Campers liegen.

Oliveira, den seine Freunde wegen seiner massiven Augenringe und seines lachenden, runden Gesichts meist Panda nennen, trägt ein ausgewaschenes Polohemd in einem Gelb, das nur knapp kein Beige ist. Leitãos Oberhemd hängt über die ausgebeulte Jeans. Wie sie mit ihren Smartphones in der Hand durch die Halle schlendern, kleine Scherzchen hier, da machen, könnten beide gut studentische Hilfskräfte bei Indie Campers sein. Backpacker, die sich für ein paar Wochen bei dem etwas hostelig, leicht angeditschten Wohnmobilverleih was dazuverdienen.

Keine Zeit für Anzugkauf

Aber dieser Wohnmobilverleih mit den Ikea-Kisten wirkt nur auf den ersten Blick wie ein Hostel auf Rädern. Und Leitão und Oliveira sind keine Aushilfen. Indie Campers ist mit seinen aktuell 450 mit Doppelbetten, Surfbrett und W-Lan ausgestatteten Campervans der Senkrechtstarter in einer boomenden Branche. Leitão ist Head of Operations. Oliveira der Gründer und Inhaber von Indie Campers. Und die lässige Gangart täuscht: Oliveira hat für Oberflächlichkeiten, für Statussymbole, Angeberei und so etwas wie Anzugkauf weder Zeit noch Nerven. Er baut nämlich gerade einen waschechten Konzern auf.

Das schreibt sich so einfach: Jemand baut einen Konzern auf, denkt ein altes Geschäftsmodell neu, Disruption, Disruption, packt ein bisschen W-Lan in den Wagen, schafft es, dass man eben nicht nervig zum Ausgangsort der Reise zurückmuss, sondern den Bus in halb Europa abgeben kann. Dazu kluges Contentmarketing und eine funktionierende Homepage, die nicht einfach nur ein seelenloses Buchungsformular ist, sondern sofort Bock macht, einen Billigflug nach Lissabon zu buchen, den Rucksack in den Campervan zu schmeißen, einen alten Mix über das Klinkenkabel auf die Anlage zu ballern und erst auf der Stadtautobahn zu schauen, an welchem Strand man sich in die Sonne knallen und das Brett raus in die Wellen schieben will.

Aber wie das mit offensichtlichen Geschäftsideen eben so ist: Die Idee ist nichts, die Umsetzung ist alles. Man muss machen. Und darin ist Hugo Oliveira sehr, sehr gut. Die Art, wie er über Indie Campers spricht, darüber, wohin die Reise geht, wie er Kritik sofort verarbeitet, weiterdenkt, wie er Tausend Faktoren aus dem Bauchgefühl abwägen und priorisieren kann: Das kann man nur sehr schwer lernen. Oliveira wurde das in die Wiege gelegt. Der Großvater gründete noch eine kleine Werkstatt. Der Vater bereits einen mittelständischen Betrieb für Stahlverarbeitung im Norden Portugals. Oliveira studierte BWL an der renommierten Universidade Nova de Lisboa, verbrachte sein Erasmus-Jahr in Turin, ging danach erst mal nach Australien, Work and Travel, Orangenpflücken, das komplette Klischee des jungen Europäers. Sich selbst finden. Aber dass er sein eigener Chef sein würde, sagt er, das wusste er früh. Was er machen wollte? Das nicht.

Eine Idee und eine Vision

Als Oliveira vor vier Jahren nach drei Monaten in Australien nach Portugal zurückkehrte, wusste er, was zu tun war: das Prinzip Campervan nach Europa und auf Vordermann bringen. In Australien hatte Oliveira die ausgebauten Kleinbusse mit den lässigen Sprüchen in jedem Surfercamp und jedem Nationalpark herumstehen sehen. In Europa gab es nur cremeweiße Wohnmobile für Senioren. Zum Kauf. Da musste sich doch was machen lassen. In Australien hatte Oliveira außerdem eine Lektion mitgenommen, die man weder in einer portugiesischen Unternehmerfamilie noch an einer Eliteuni aufschnappen kann. Nämlich: „Ich habe in Australien gelernt zu träumen. Eine Vision zu haben. Darin sind wir Portugiesen nicht besonders gut, daran zu glauben, dass große Pläne klappen können“, sagt Oliveira. Aber vor den großen Träumen stand vor allem harte Arbeit und eine Zeit voller Entbehrungen.

Zurück in Portugal, zog Oliveira mit Mitte 20 also erst einmal wieder nach Santo Tirso, seine 14 000-Einwohner-Heimatstadt im Norden, und bei seinen Eltern ein. Kaufte von seinem Ersparten einen alten Campervan, bat seinen Vater um ein bisschen Platz in der Stahlverarbeitung und begann, zu vermessen, zu sägen und zu feilen. Fragte seinen Vater um Rat, wenn er nicht weiterwusste. „Das Gute ist: Wenn man so viel arbeitet, hat man eh keine Zeit, Geld auszugeben“, sagt er heute. „Und meine Mutter hat sich gefreut, dass ich zum Essen zu Hause war.“

Als der erste Bus fertig war, gründete Oliveira mit einem österreichischen Freund Indie Campers. Noch im gleichen Sommer kauften sie zwei weitere Busse, bauten sie aus. Oliveiras älterer Bruder setzte ein Blog auf. Dann bearbeiteten sie den Freundeskreis: Jemand Bock auf eine Tour mit unserem Van? Die ersten Kunden waren Freunde des österreichischen Mitgründers. Es konnte losgehen.


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