Museum of Failure: “Jedes Scheitern ist einzigartig“

Firmen sollten sich weniger für ihre Fehlschläge schämen, findet Samuel West. Der Innovations­forscher sammelt die spektakulärsten Fails in einem eigenen Museum.

Herr West, wann haben Sie das letzte Mal was vermasselt?

Der Prototyp für die Begrenzung der Pop-up-Ausstellung unseres Museums sah aus wie ein Iglu – schrecklich. Nach unserem Gespräch hole ich den neuen ab. Ansonsten habe ich sehr viel Erfahrung damit zu scheitern. Meine Freunde meinten, ich solle ein Bild von mir im Museum ausstellen. Aber ich bin der Boss, also werde ich das nicht machen.

Das Museum of Failure zeigt über 60 gescheiterte Produkte. Welches ist Ihr Lieblings-Fail?

Ich habe keinen, genauso wie ich kein Lieblingskind habe. Ich mag aber Geschichten wie die von Sony Betamax. Es verlor den Video-Formatkrieg gegen VHS. Der VHS-Erfinder JVC ließ andere Unternehmen unter Lizenz kompatible Geräte herstellen und erlaubte der Pornoindustrie, das Format zu nutzen. Beides verbot Sony und scheiterte – trotz besserer Technik.

ZUR KLICKSTRECKE:

Was haben die gescheiterten Produkte gemeinsam?

Meistens denken Unternehmen vorher nicht nach, was Nutzer am Ende davon haben. Trotzdem ist jedes Scheitern einzigartig. Um das für Lesefaule greifbar zu machen, bewerten wir jedes Produkt in den Kategorien Innovation, Design, Implementation und Disruption. Sony Betamax etwa war innovativ und gut designt, aber die Implementation ging schief. Intern haben wir auch das Fail-O-Meter. Das Parfum von Harley-Davidson ist dort weit unten, denn es war ein großer Fail, hat der Marke aber nicht weiter geschadet. Die Kodak-Digitalkamera dagegen wurde in ihrer Bedeutung vom Konzern, der sie erfunden hat, verkannt. Kodak setzte weiter auf analoge Fotografie und ging bankrott.

Was lernen wir von den Fails?

Drei Dinge. Erstens: Ohne zu scheitern, kann niemand erfolgreich innovativ sein. Zweitens: Die meisten Unternehmen verschwenden ihre Fehler, indem sie sich nicht mit ihnen auseinandersetzen. Drittens können wir als Individuen auf große Unternehmen gucken. Auch die mit ihren Experten und dem ganzen Geld scheitern oft bei neuen Vorhaben. Dann kann ich als Privatperson auch mal ein Risiko eingehen.

Welche Branche scheitert denn am besten?

Generell ist es so: Je innovativer eine Branche ist, desto eher passieren Fehler, und desto höher ist auch die Akzeptanz. In Behörden zum Beispiel passieren nicht weniger Fehler als in privaten Unternehmen, aber da es um Steuergelder geht, spricht niemand darüber.

Unterscheiden sich da auch die Kulturen?

Das hat viel mit Autorität zu tun. In Schweden und Dänemark beispielsweise respektiert man seinen Vorgesetzten zwar, kritisiert ihn aber auch ohne Hemmungen. In Deutschland dagegen stellt niemand seinen Chef infrage. Das ist schlecht für Innovationen. Das andere Extrem sind das Silicon Valley und die Startup-Kultur, wo Fehler sehr akzeptiert werden. Aber selbst bei dieser Fail-Forward-Mentalität fehlt noch die Fähigkeit, aus diesen Fehlern auch effektiv zu lernen.

Verfolgen Sie im Museum also auch eine Art Lehrauftrag?

Indirekt natürlich schon, aber das Museum in Helsingborg eröffnet erst am 7. Juni. Bis dahin und auch danach können Gruppen jeder Größe unsere Pop-up-Ausstellung und eine zweistündige Tour buchen. In der ersten Stunde stellen wir Produkte vor, die zum Background der Gruppe passen. In der zweiten Stunde machen wir einen Mini-Workshop. Dort geht es um ein Arbeitsklima, in dem man offen über Fehler sprechen und dann aus ihnen lernen kann.

Wie reagieren die Besucher auf die Ausstellung?

Sie lieben es, machen Fotos und schwelgen in Erinnerungen. Auch, wenn sie sich nicht für Innovationen oder Organisationspsychologie interessieren, verbinden sie etwas mit den Produkten. Dass wir Misserfolgen eine Plattform geben, findet Anklang.

Auch bei den Firmen hinter den ausgestellten Produkten?

Nein, die finden es peinlich und möchten nichts mit mir zu tun haben. Leider werden daraus keine Geschäftsbeziehungen mit Google oder Coca-Cola entstehen. Auch nicht mit Kodak, weil sie ja bank­rott sind. Aber zwei multinationale Tech­unter­nehmen haben uns sehr gute Sponsoringangebote gemacht. Das Problem ist, dass sie auch Dinge kontrollieren möchten. Dann verschwindet die Magie der Unabhängigkeit.


Leonie Habisch

Leonie fragt sich manchmal, warum sie nicht einfach was Ordentliches gelernt hat. Schreiben macht ihr trotzdem Spaß und zwar besonders, wenn sie dafür Interviews mit interessanten Leuten führen kann.

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