Welcher Praktikant bist du?

Es ist einfach gelogen, dass jedem Anfang ein Zauber innewohne. Als Praktikant – schon wieder! – irgendwo neu anzufangen ist mitnichten zauberhaft. Fakt. „Hallo, ich bin Sowieso, ich studiere Dingsbums und mache hier drei Monate Praktikum.“ Und dann sehen, dass das Gegenüber schon ab „Hallo“ nicht mehr zugehört hat? Nicht. Zauberhaft.

Dass Praktisein nicht leicht ist, wissen eigentlich alle, die es selbst jahrelang waren, bei rasend schnell wechselnden Arbeitgebern, in so ziemlich allen Semesterferien, in ganz Deutschland und auf der anderen Seite des Globus. Die gute Nachricht: Nach ein paar Jahren, vielleicht auch nur Wochen im richtig echten, festen Job ist das alles vergessen. Und ebenso schnell vergisst man sofort den Namen des Neuen, schickt ihn Briefmarken kaufen und drückt dem „Kann ich noch was tun?“-Typen am Freitag um 19 Uhr noch eine Nervaufgabe rein. Die schlechte: Auch das Praktikantenhaben ist –Überraschung! – nicht immer ein Zuckerschlecken. Auf welche Weise es nervt, hängt ganz davon ab, mit welcher Sorte Praktikant man es zu tun hat.

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Der Schwamm

Wieso, weshalb, warum? Er will mit seinem Praktikum einfach keine Zeit vergeuden und wirklich und echt alles, alles, alles wissen. Deshalb fragt er nach. Wie Praktis das ja tun sollen. Nur: Er fragt penetrant nach. Ständig! Selbst wenn man ihn zum Mittagessen mitnimmt, will er noch mal wissen, wie das mit der Einnahmen-Überschussrechnung bei dem Kunden Sowieso gerade genau gemacht wurde, ob man das nicht noch mal eben durchgehen könne und überhaupt was, wann und wo. Meistens kommt er mit seinen Fragen auch genau dann rein, wenn man entweder gerade konzentriert arbeitet oder wirklich nur ganz kurz mal eben schnell eine etwas intensivere Diskussion mit der Liebsten führt. Leerlauf lässt er nicht gelten, da meldet er sich lieber noch, bevor er mit einer Aufgabe fertig ist, und fragt, was denn die nächste sei. Dass er es mit seinem ungebrochenen Wissensdrang übertreibt, merkt er noch nicht einmal, als der entkräftete Teamleiter auf die 678. „Was kann ich jetzt tun?“-Frage des Tages antwortet: „Geh doch einfach mal früher nach Hause.“

Expertentipp: Haben Sie keine anderen Informationsquellen? Recherchieren Sie erst einmal in Eigenregie, bevor Sie andere unüberlegt und ungefragt in Beschlag nehmen. Das steht Ihnen einfach nicht zu.

Folie6Die dicke Hose

Strategiemeeting. Wenn das im Kalender hochpoppt, kriegt das mittlere Management Magenkrämpfe. Heißt meistens nichts Gutes. Und so hocken auch dieses Mal alle verbissen auf ihre Fingernägel starrend im Konferenzraum, während der Chef Düsteres über „rauen Wind“ herumorakelt, „nötige Neuaufstellung“ und „geforderte Anpassungsfähigkeit aller“ in einer schauerlichen Zukunft des Unternehmens fordert. Die Kollegen sagen wenig, geschnauft wird viel, und endlich scheint es geschafft – da meldet sich der neue Praktikant zu Wort. Der – wie hieß er noch? Keine Ahnung, ist ja noch keine zwei Tage hier. „Also vielleicht könnte man ja, zumindest hatten wir so einen Case mal in einem Seminar an der Uni, und bei meinem Praktikum in Schanghai, in einer Unternehmensberatung, da hatten die das auch mal …“ What? The? Fuck? Hat dem denn keiner gesagt, dass er in diesem Meeting allenfalls die Fly-on-the-Wall spielen darf? In den kommenden acht Wochen Praktikum erfreut er jeden mindestens einmal mit einer seiner „Superideen“, gern in großer Runde und vor Kunden. Ganz schlimm wird dieser Typus übrigens, wenn er sich ausschließlich zu ganz, ganz großen Aufgaben berufen fühlt und sich für die einfachen zu schade ist.

Expertentipp: Mund zu, Ohren auf. Die anderen sind mehr vom Fach als Sie und haben die bessere praktische Erfahrung. Spielen Sie sich nicht auf, sonst spielen Sie sich ins Abseits.

Praktikant3Der Welpe

Och, ist der süß! Wie so ein Hundebaby. Alles ist irgendwie ein bisschen zu groß, die Arme zu lang, die Beine zu schlaksig, das Hemd passt auch nicht. Aber wie gesagt: Wahnsinnig niedlich ist er. Dauernd passieren dem Frischling kleinere und größere Malheurs: Gestern war er eine Stunde zu spät, weil er, „keine Ahnung, weiß auch nicht, irgendwie in die falsche Bahn gestiegen“ war. Niemand weiß, wie viele Anrufer er beim Versuch durchzustellen schon aus der Leitung gekickt hat. Er verliert Unterlagen, schickt Newsletter mit offenem E-Mail-Verteiler, macht Kaffeeflecken auf den Holzfußboden, vergisst Namen und duzt Vorstandschefs. Aber so wirklich böse können ihm die Kolleginnen deswegen nicht sein. Wie sollten sie auch, wenn er doch dann wieder in ihr Büro geholpert kommt und so schief im Türrahmen stehend stammelt: „Du …, äh … sorry … könntest du mir noch mal helfen?“

Expertentipp: Wenn Ihr Welpenschutz abgelaufen ist, finden die Kollegen Ihr Verhalten nur noch nervig. Lernen Sie, sich zu disziplinieren, bevor man Sie vor die Tür setzt oder mit einem desaströsen Praktikumszeugnis belohnt. Denken Sie an die beste Karrierestrategie: „Easy to handle, able to deliver.“

Praktikant4Das ultimative Mädchen für alles

Sie – und ja, es handelt sich bei diesem Typus immer um eine Sie – ist ein Traum! Kocht Kaffee, bringt Post weg, besorgt, wenn’s sein soll, in ihrer Mittagspause schnell den Blumenstrauß für die sich in die Elternzeit verabschiedende Kollegin. Und das alles mit einem Lächeln. Ihre Lieblingsantwort ist: „Klar, mache ich gern, kein Thema!“ Und genau deshalb haben alle sie schrecklich gern und sind fürchterlich traurig, als sie wieder weg ist. Menno, jetzt muss man doch echt wieder selbst das Papier im Drucker nachfüllen. Was dabei alle und im schlimmsten Fall auch das Fleißmäuschen selbst ganz übersehen: Gelernt hat sie am Ende des Praktikums eigentlich gar nichts. Sie war ja die ganze Zeit vollauf mit Assistenz-, Orga- und Kümmeraufgaben beschäftigt. Aber egal: In ihrem nächsten Praktikum wird sie wieder mit der perfekten Crema auf ihrem Kaffee beeindrucken. Die Kollegen dort werden sie lieben!

Expertentipp: Ergreifen Sie die Initiative, seien Sie aktiv, und lassen Sie sich nicht mit unwichtigen Aufgaben überrumpeln. Fragen Sie, ob Sie an dem Meeting teilnehmen können. Sagen Sie, dass Sie sich mit dem Thema im Studium schon beschäftigt haben und gern Unterstützung leisten. Nur wer wagt, gewinnt.

Praktikant5Der Senior

„Wo ist der Prakti?“ – „Der musste heute früher los, seine Tochter von der Schule abholen.“ Hä, was? Ja, so etwas kommt vor: Spätberufene, die nach Ausbildung und Berufseinstieg noch ein Studium nachlegen, sitzen dann bei ihren Pflichtpraktika in den Großstadtagenturen schon mal wie die Opis rum. Und es kann ein bisschen schräg sein, wenn die 26-jährige Senior Consultant (Abi mit 17, knackiges Bachelorstudium und generell recht strebsam) dem 34-jährigen Praktikant (Abi mit 20, Zivildienst, zwölf entspannte Semester Magisterstudium Germanistik, ein paar mittelprächtige Jobs und schließlich doch noch ein Aufbaustudium Kommunikationswissenschaft, mit viel Ruhe) erklärt, wie der Drucker funktioniert. Andererseits: Oft stellen sich die alten Eisen besonders gut an. Und ist doch auch schön, wenn der Praktikant beim Mittagessen mal was anderes zu erzählen hat, als immer nur über die Unordnung in seiner WG-Küche zu lamentieren.

Expertentipp: Kommen Sie in die Gänge, sonst fährt der Zug ohne Sie ab. Schließen Sie besser heute als morgen Ihre Ausbildung ab, sonst werden Sie vom Dauerpraktikanten zum Dauerjobsuchenden.

Praktikant6Der Spanier

Was für ein großartiger Lebenslauf, muss sich der Teamleiter da wohl gedacht haben: Kommt aus Barcelona, studiert internationales Management und PR in Berlin, war Teil des Erasmus-Programms und in Taipeh, hat ein Praktikum in Budapest und eins in Wladiwostok gemacht. Einziges Problem: Er spricht eigentlich nur Spanisch. Und unverständliches Kauderwelschenglisch. Das war beim superschnellen Vorstellungsgespräch auf Skype irgendwie gar nicht so aufgefallen, die Verbindung war eher schlecht, und über den Rest hat sich der Kandidat mit ein paar zusammengestammelten Businessfloskeln rübergerettet. Immerhin: Er lächelt viel und zieht sich gut an. Und ein bisschen Glanz bringt so ein „Expat“ doch auch in jede mittelgroße Startup-Hütte.

Expertentipp: Mehr Schein als Sein funktioniert nur kurzfristig. Tun Sie sich und den anderen einen Gefallen und überlegen Sie, welchen Beitrag Sie im Unternehmen leisten können – oder ob Sie diesen Beitrag vielleicht besser anderswo leisten könnten.

Praktikant7Der Muss-Halt-Praktikant

Der klassische Pflichtpraktikant. Erkennt man daran, dass der Typ, von dem eigentlich keiner mehr weiß, wie er hieß, in seinen zwölf Wochen Praktikum hier nicht einmal gefragt hat, ob er etwas helfen könne. Stattdessen ist er immer schön hinterm Rechner abgetaucht und hat den ganzen Tag auf Facebook vorbeiplätschern lassen. Oder Youtube. Oder Youporn. Wer weiß das schon so genau? Man hat ja nichts mitgekriegt von ihm, bis er am letzten Tag mit einem ziemlich aufgeblasenen Praktikumsbericht hinter seinem Bildschirm hervorkam und sich ohne Kuchen, Bier oder auch nur ein Dankeschön für immer verabschiedet hat. Wenn dieser Typ Praktikant Glück hat, tut er mit seiner Antriebslosigkeit keinem weh und kommt gut damit durch.

Expertentipp: Chance vertan. Im Praktikum knüpft man erste Kontakte in die Arbeitswelt und schafft so nicht selten den Einstieg in den ersten Job.

 

Illustration: Peachbeach

Dieser Text stammt aus der Business Punk 02_2015. Weitere Infos zur aktuellen Ausgabe gibt es hier!


Nina Anika Klotz

Nina Anika Klotz arbeitet als freie Journalistin in Berlin. Sie schreibt u.a. für Business Punk, Zeit Online, Mixology und Effilee. Am liebsten über Essen und Trinken. Nein, stimmt nicht, am allerliebsten schreibt sie über Bier. Craft Beer. 2013 gründete sie „Hopfenhelden“, Deutschlands erstes Craft Beer Onlinemagazin.

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