Warum wir Fehler feiern sollten

Der Chef sah schon mal glücklicher aus. Gerade hat er wortreich geschildert, was für einen Stress er hatte, weil die Vertriebsstrategie nicht rechtzeitig fertig war. Alle ahnen, was jetzt kommt, und richten ihre Aufmerksamkeit vorsorglich schon mal auf die Poster mit den Claims aus der Imagebroschüre. „Bei uns zählt der Mensch“, steht da, und: „Kommunikation ist Trumpf“.

Dann kommt die Frage, auf die alle gewartet haben: „Wer hat das verbockt?“ Die Antwort ist ein vielstimmiges Schweigen.

Zwei Wochen später ist die Vertriebsstrategie fertig, und es hat sich herausgestellt: Die ursprünglich kalkulierten Kapazitäten waren viel zu niedrig. Wäre der frühere Termin gehalten worden, hätte das zu einem erheblichen Engpass geführt. Stattdessen hat sich nun die Umsatzerwartung verdoppelt. Der Chef hat auf einmal sehr gute Laune. Nach dem „Fehler“, der zur Verzögerung im Ablauf geführt hat, fragt niemand mehr.

Dabei wäre es genau jetzt an der Zeit, darüber zu sprechen. Der Fehler hat sich als Glücksfall erwiesen. Er sollte dringend wiederholt werden. Gerade noch mal schiefgegangen. Die richtige Ansage wäre jetzt: „Danke, dass du diesen Fehler gemacht hast. Lasst uns alle daraus lernen.“

Sagt aber kaum jemand. Wir können inzwischen über alles reden: Über Work-Life-Balance, über Sinn und Unsinn einer Frauenquote, über permanente Erreichbarkeit. Nur nicht über Fehler. Jeder Fehler, glauben wir, könnte die Karriere killen.

Dabei ist oft, sehr oft genau das Gegenteil passiert. Hätte Alexander Fleming eine verunglückte Versuchsanordnung nicht unters Mikroskop gelegt, anstatt sie zu entsorgen, wären harmlose Infektionen heute vielleicht immer noch tödlich. Pfizer ist auf ewig dankbar für das Totalversagen eines Forscherteams auf der Suche nach einem Mittel gegen Bluthochdruck, Resultat: blaue Pillen. Fehler können Milliarden bringen und Nobelpreise. Sie sind wichtige Schritte auf dem Weg zum Erfolg.

Findet auch Starinvestor Tim Draper. Hausnummern: Skype, Hotmail, Tesla. Er macht seine Millionen damit, Start-ups so lange zu finanzieren, bis sie alle notwendigen Fehler gemacht haben. Und dann sahnen alle gemeinsam ab.

Wir sollten nicht den Schuldigen unters Mikroskop legen, sondern den Fehler. Nicht das Strafmaß skalieren, sondern den Erkenntniswert. Wir sollten Fehler als Ressourcen begreifen – als Startkapital. Und es mit Tim Draper halten: „Wenn du außergewöhnliche Fehler machst, können großartige Dinge passieren!“


René Borbonus

René Borbonus ist Trainer, Buchautor und Vortragsredner und zählt zu den gefragtesten Experten für professionelle Kommunikation im deutschsprachigen Raum. Er ist einer der meist gebuchten Redner zu seinen Themen Rhetorik und Kommunikation.

Zum Autor

Das können wir Dir auch empfehlen