Nie wieder kündigen? Diese Software berechnet, wann Mitarbeiter aufhören wollen

Herr Kull, wie findet man heraus, ob jemand kündigen will?

Unser Algorithmus analysiert Mitarbeiterdaten und erkennt Muster, aus denen er die Abwanderungswahrscheinlichkeit ableitet. Steigt die über einen gewissen Schwellenwert, schlägt er Alarm.

Welche Daten schaut die Software sich an?

Alle Informationen, die eine Firma über ihren Mitarbeiter hat: Gehalt, Leistungsbeurteilung und so weiter. Außerdem geben Leute Interessen an, ihre Kompetenzen, welche Projekte sie im vorigen Job hatten und Informationen aus ihrem LinkedIn-Profil, wenn sie es importiert haben. Dazu kommen externe Informationen.

Welche sind das?

Ebenfalls über LinkedIn wissen wir, wie viele Jobs es gibt, auf die das Profil des Mitarbeiters passt; über Gehaltsbänder, ob er über- oder unterdurchschnittlich bezahlt ist; über Stellenmärkte, wie groß die Nachfrage für Leute mit seinen Skills auf dem Markt gerade ist.

Wie genau lässt sich daraus die Wahrscheinlichkeit errechnen, dass jemand kündigen wird?

Unsere Software braucht 1,5 Jahre Datenhistorie der Firma, dann spuckt unser Algorithmus die Abwanderungswahrscheinlichkeit zu 93 Prozent richtig aus.

Was genau treibt Leute in die Kündigung?

Viele Personaler haben die Vorstellung, es läge entweder am zu niedrigen Gehalt oder an der Unzufriedenheit mit dem Vorgesetzten. Unser Algorithmus hat aber keine Erfahrung – oder Vorurteile – aus 20 Jahren Berufsleben, sondern analysiert komplett neutral.

Und?

Die Maschine sieht zum Beispiel: Für einen Mitarbeiter in einer ähnlichen Situation haben wir die Abwanderungswahrscheinlichkeit unter 50 Prozent gesenkt, indem wir ihn auf ein herausforderndes Projekt gesetzt haben.

Wie reagieren die Leute, wenn man ihnen sagt, dass man ihre Personalakte in dieser Weise scannt?

Die meisten Kunden erklären es ihren Mitarbeitern so: „Die Informationen über euch haben wir ohnehin schon immer gehabt. Vor 20 Jahren auf Papier, später in Excel-Sheets, jetzt halt in der Cloud. Und wir nutzen sie, damit eure Führungskräfte besser Gespräche mit euch führen können und ihr zufriedener im Job seid.“

Und das überzeugt die Leute?

Viele Mitarbeiter, vor allem bei jüngeren Unternehmen, wünschen sich das sogar. Millennials wollen ständig Feedback bekommen und nicht nur einmal im Jahr eingestuft werden.

Aber mal abgesehen von besserem Feedback, was bringt Ihre Vorhersage den Mitarbeitern?

Wir versuchen, im Bereich Weiterbildung das Ganze auch umzudrehen. Unsere Software analysiert Mitarbeiter auf Basis ihrer Rolle, ihrer Skills, ihrer Peergroup und empfiehlt ihnen – ähnlich wie bei Netflix oder Amazon – Lerninhalte, die sie weiterbringen könnten.

Woher wissen Sie, welche Inhalte das sind?

Wir schauen, wer war mal in einer ähnlichen Situation und hat sich erfolgreich entwickelt. Dann sagen wir: Wenn du auch dahin willst, solltest du diese und diese Kompetenz auf die nächste Stufe bringen, hier ist das richtige Training dafür, auch wenn das auf den ersten Blick nichts mit deiner aktuellen Rolle zu tun hat. Nimm dein Glück selbst in die Hand. Leute wollen heute selbst entscheiden, wie es für sie im Job weitergeht – und nicht, dass der Vorgesetzte mit seinem Mitarbeiterlein irgendwelche Dinge plant.

 

Christoph Kull ist Country Manager Deutschland bei Workday. Große Firmen wie Google, Netflix und Facebook nutzen die HR-Software. Die soll künftig nicht nur die Mitarbeiter verwalten, sondern Kündigungen vermeiden.

 

 

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