Productivity & New Work Warum sich Konzernchefs beim Thema Arbeitszeit gern mal in die Tasche lügen

Warum sich Konzernchefs beim Thema Arbeitszeit gern mal in die Tasche lügen

Eine längere Lebensarbeitszeit angesichts zusammenbrechender Rentensysteme und ja keine Vier-Tage-Woche – das gehört bei Konzernlenkern und Verbänden zur Standardargumentation, wenn sie sagen sollen, was sich am Standort Deutschland verbessern muss. Gehen sie dann zurück ins Büro, machen sie das Gegenteil: Der vorgezogene Ruhestand als Mittel, Stellen zu streichen, ist gerade wieder ganz groß in Mode.

Landauf, landab klagen Deutschlands Arbeitgeber, Chefs und deren Verbände über jene öffentlich diskutierten Ideen, wie sich Arbeitszeit verkürzen ließe. Vier-Tage-Woche? „Wirtschaftlich eine Milchmädchenrechnung“, nennt das Steffen Kampeter, Geschäftsführer bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Sein Präsident Rainer Dulger appelliert an die Bundesregierung, die Lebensarbeitszeit zu flexibilisieren: „Stoppt umgehend die Frühverrentungsanreize.“ Telekom-Chef Tim Höttges fügt hinzu: „Wohlfühlthemen“ wie die Viertagewoche seien „absurd angesichts der zurückgehenden Produktivität“. Und VW-Chef Oliver Blume erklärt, Diskussionen um mehr Work-Life-Balance oder eine Viertagewoche bei gleicher Bezahlung gingen „in die falsche Richtung“. Die Deutschen müssen nicht weniger, sondern mehr arbeiten, lautet die einhellige Analyse der Wirtschaftsführer in Interviews, auf Podien und bei Reden. Dies gelte angesichts des Fachkräftemangels und eines zusammenbrechenden Rentensystems, in dem immer weniger junge für immer mehr alte bezahlen müssen, ganz besonders.

Wirklich? Wenn ein paar dieser Firmenchefs montags wieder an ihre Schreibtische zurückkehren, treffen sie Entscheidungen, die so gar nicht zu dem passen, was sie eben noch verkündet haben. Zum Beispiel VW-Chef Oliver Blume: Der Konzern hat gerade ein großzügiges Altersteilzeitangebot für Beschäftigte des Jahrgangs 1965 angekündigt. Auch Menschen jüngeren Datums dürfen sich schon mal melden. Altersteilzeit biete dem Unternehmen „die Möglichkeit, Personal nachhaltig sozialverträglich abzubauen“, wird Personalchef Gunnar Kilian in einer internen Mitteilung zitiert. Parallel setzt Volkswagen auf ein Abfindungsprogramm, das jetzt in die „Turbophase“ geht. Werden sich beide Seiten innerhalb von zwei Wochen einig, zahlt VW neben der ausgehandelten Abfindung pauschal eine Sonderprämie von 50.000 Euro, wie mehrere Quellen berichten. Intern heißt es, so schreibt das Handelsblatt, dass das Interesse am Altersteilzeitprogramm groß ist. Bislang nehmen durchschnittlich 70 Prozent eines Jahrgangs bei VW das Angebot dafür an. Zuletzt hatte Kilian verkündet, dass allein seit Februar 4800 Anfragen zum Altersteilzeitprogramm eingegangen seien, 3000 davon aus dem erst kürzlich freigegebenen Jahrgang 1967. Die Altersteilzeit läuft bei VW in der Regel über sechs Jahre. Drei Jahre arbeiten die Beschäftigten weiter voll, erhalten aber weniger Geld. Dann gehen sie in den „passiven Teil“, den frühzeitigen Ruhestand.

Tatsächlich ist der vorgezogene und finanziell gut abgefederte Ruhestand eines der beliebtesten Regelungen, um „sozialverträglich“ Stellen zu streichen. Beim Autozulieferer Bosch sollen 1500 Stellen in der Antriebssparte wegfallen. Bis Ende 2025 will das Unternehmen seine Pläne an den baden-württembergischen Standorten Stuttgart-Feuerbach und Schwieberdingen umsetzen. Wie das geht? Nicht zuletzt durch Vorruhestandsregelungen, heißt es von Bosch. Im hessischen Babenhausen produziert der Autozulieferer Continental. Bis 2028 soll die Produktion nach Südosteuropa abwandern. Continental setzt dazu unter anderem auf Altersregelungen in Babenhausen. Oder auch SAP: Der deutsche Softwarekonzern will nach eigenen Angaben weltweit 8000 Stellen streichen. Ein Altersteilzeitprogramm soll Entlassungen vermeiden.

Mit Elan geht Bayer ans Werk. Der Leverkusener Chemiekonzern will in Deutschland massiv Stellen abbauen. Den betroffenen Beschäftigten werden hohe Angebote für Abfindungen und Vorruhestandregelungen gemacht. Die internen Regelungen und Beträge dazu hatte das Handelsblatt jüngst veröffentlich: Der Konzern bietet älteren Beschäftigten, die Möglichkeit zur Frühverrentung – schon ab 57 Jahren. Wer dieses Alter hat und schon mindestens 35 Jahre in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt hat, kann die „Flexi-AHV 57+“ nutzen. Dann wird die Abfindung sechs Jahre lang in monatlichen Beträgen ausgezahlt. Die Höhe richtet sich aus am monatlichen Bruttogehalt plus allen jährlichen Zuschlägen. Für ältere Beschäftigte, die bereits einiges an Arbeitszeit auf einem Langzeitkonto angespart haben, kann sich die interne Flexirente besonders lohnen. Laut dem Betriebsrat ist es dadurch möglich, dass die Zahlungen von Bayer bis ans Erreichen der Regelaltersgrenze dauern. Dann ist ein abschlagsfreier Eintritt in die Rente möglich.

Die Konzernchefs, die durch eine betriebswirtschaftliche Brille sehen und, wenn ihr Unternehmen an der Börse gelistet ist, auch den Aktienkurs und die Investoren im Blick haben, handeln damit völlig anders, als es aus einer volkswirtschaftlichen Betrachtung, in der es um eine langfristige Strategie zum Wohl des Landes geht, geboten wäre. Munich Re-Lenker Joachim Wenning sieht das so: „Der demografische Einschlag in den bevorstehenden 25 Jahren ist gewaltig. Deutschland verliert in diesem Zeitraum elf von 43 Millionen Erwerbstätigen.“ Deswegen schlägt beispielsweise Monika Schnitzer, Vorsitzende Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, vor, dass die Deutschen für jedes Jahr, um das sich die Lebenserwartung erhöht, acht Monate länger arbeiten sollen. Nach jetzigem Stand leben die Menschen in Deutschland alle zehn Jahre neun Monate länger. „Unserer Formel zufolge würde das bedeuten“, so erklärt Schnitzer, „dass die Bürgerinnen und Bürger alle zehn Jahre sechs Monate länger arbeiten müssen.“ Der Beifall für diesen Vorschlag ist ihr gewiss – allerdings nur auf Podien und Vorträgen und nicht, wenn es im Tagesgeschäft beim Konzern hart auf hart kommt.

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