Von wegen süßes Nichtstun: Über die Gefahr am Boreout im Berufsalltag zu erkranken

Wenn man sich dazu entscheidet, Unternehmensberaterin zu werden, ist man sich der Gefahr bewusst, ein Burn-out zu erleiden. Man hört schließlich ständig von überarbeiteten Managern, die zu viel Gas gegeben haben. Ein Bore-out kommt einem hingegen viel unwahrscheinlicher bis hin zu unmöglich vor. Schließlich ist man jung, leistungsfähig, und willig die Extrameile zu gehen. Und die Beratung ist doch dafür bekannt, High-Performern das zu geben, was sie brauchen, oder?

Für mein letztes Projekt als Consultant flog ich pro Woche ein paar Meilen, doch waren das garantiert keine Extrameilen: Ich traf den Kunden einmal pro Woche für einen mehrstündigen Workshop und beschäftigte mich die jeweils anderen vier Arbeitstage mit der Vor- und Nachbereitung dieses Workshops. In dieser Zeit wurde ich zum Profi im Überspielen von Unterbeschäftigung: Ein extra starrer Blick auf den Laptop, der aussagt: „Ich konzentriere mich, nicht stören“, ein Privacy-Screen vor dem Bildschirm, der ungewollte Spionage-Blicke abwehrt, leere Termin-Platzhalter im Outlook-Kalender, die mich busy aussehen lassen.

Anschließend war ich für unbestimmte Zeit auf keinem Projekt, also „on the bench“ oder auch „on the beach“ wie wir Consultants sagen – nur leider ohne Palmen oder Kokosnüsse. Ich wartete, bis sich eines der vielen Projekte in der „Pipeline“ auftaten oder eine der vielen „Opportunities“ in meine Hände fielen. Als mir jedoch nur mein eigener Kopf in die Hände fiel und ich eines Tages von einem Kollegen bei der Arbeit geweckt wurde, wusste ich: Es ist Zeit, von Zuhause zu arbeiten. „Working from Home“ (WFH) ist, was wir Consultants gelegentlich zu schätzen wissen. Bevorzugt an Freitagen. Dann können wir unsere Wäsche in Ruhe waschen. Aber wehe dem Berater, der durch die plötzliche Freizeit gechallenged wird, indem nun jeden Tag WFH angesagt ist. Dann wird aus WFH bald WTF – What the Fuck mache ich mit all der Freizeit!? Dann läuft man Gefahr, ein Bore-Out zu erleiden.

Niemand, der einem den Alltag mehr organisiert. Keine Deadlines mehr, die eingehalten werden müssen. Keine Meetings und Calls mehr in Outlook. Und das Abendessen muss auch aus eigener Tasche gezahlt werden, da man keine Reisekosten mehr erstattet bekommt. Der erste Tag war besonders schlimm. Es war Montag und ich saß den ganzen Tag vor dem Laptop und starrte auf meine E-mail Inbox. Zum Abendessen machte ich mir ein Müsli, es war mein Drittes an diesem Tag. Der Dienstag verlief schon wesentlich besser. Ich rief meine Mutter und ein paar Freunde an und vereinbarte Telefontermine für Mittwoch. Am Mittwoch dann ging ich vor den Calls erst einmal Geschirr einkaufen, mir war gar nicht aufgefallen, dass ich nie welches besaß, seit dem ich vor einem halben Jahr in diese Wohnung eingezogen war. Donnerstag entschied ich, etwas bildungstechnisch Wertvolles zu tun: Zuerst Thailändisch kochen, dann ein Buch lesen. Am Abend dann legte ich die Füße hoch. Ich war mit meinen Achievements zufrieden. Von dem Zubereiten des Essens fertigte ich ein Prozessschaubild an und die durchschnittliche Lesegeschwindigkeit postete ich auf Facebook. Am Freitag dann hatte ich ein Bore-Out.

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