Weniger ist mehr: Warum Sprechpausen eine rhetorische Stärke sind

Mancher Schrei geht im großen Rauschen unter, und manchmal ist Stille sehr laut. Wenn die Macher von Game of Thrones die Handlung vorantreiben wollen, setzen Sie uns oft einem Stakkato von Hauen und Stechen aus. Ein Soldat nach dem anderen wird in einem wilden Gemetzel niedergemäht, und ein einziges dissonantes Geschrei erfüllt das Schlachtfeld. Okay, die Lannisters haben gewonnen, nächster Punkt. Wenn dagegen eine Hauptfigur eine andere schlachtet oder selbst draufgeht (wahrscheinlich mal wieder meine Lieblingsfigur), sieht das ganz anders aus. Diese disruptiven Ereignisse innerhalb der Storyline, in denen das Schicksal von Westeros eine entscheidende Wendung nimmt, bekommen viel Raum. Hier inszenieren die Dramaturgen mit Ruhe – langsam und qualvoll. Dabei bauen sie oft ausgedehnte Momente der Stille ein, damit die Erkenntnis durchsickern kann.

Diese Macht der Stille können wir auch im Alltag einsetzen. Oft tun wir nämlich genau das Gegenteil, gerade wenn es drauf ankommt. Wenn wir etwas Wichtiges zu sagen haben, erliegen wir leicht dem Fluch der vielen Worte. Das kannst du in vielen Präsentationen genauso beobachten wie bei Gesprächspartnern, die dir auf die Nerven gehen: Wenn Menschen einander unbedingt überzeugen wollen, neigen sie dazu, zu viel zu sagen. Doch damit, dass sie überargumentieren, erreichen sie genau das Gegenteil: Der Adressat erleidet einen Overkill, verliert den Überblick oder beißt sich genau am schwächsten von all den Argumenten fest. Zu viele Worte zu machen schadet der Überzeugungskraft.

Die Pause ist ein Ausdruck von Stärke

Wirkungsvoller ist oft: im richtigen Moment die Klappe halten. Ausgerechnet die großen Leinwandhelden sind oft eher stille Typen. Der stille Typ Mensch wird eher mit Stärke assoziiert als der geschwätzige. Ein Meister in dieser Disziplin ist etwa Clint Eastwood. Er hat einmal behauptet, der beste Rat, den er je von seinem Schauspiellehrer bekommen habe, sei gewesen: „Tu nicht einfach irgendwas. Steh einfach da!“ Mit diesem Trick gelingt es Clint Eastwood, stets mysteriös und spannend zu wirken. Und John Wayne, der ‚Duke‘ der stillen Kraftmeierei, sagte, seine gesamte Schauspieltechnik beruhe auf der strategischen Pause: Vor jeder Dialogzeile zähle er still bis drei. Auf der Leinwand sieht das aus, als ob er jeden Gedanken sorgfältig abwägt und jede Antwort gründlich durchdenkt.

Die Pause ist der rhetorische Ausdruck der Stärke, die in der Stille liegt. Die Kraft der Worte kommt erst dann zum Tragen, wenn die Worte ihre Kraft auch entfalten können. Deshalb sind die Momente, in denen wir nichts sagen, genauso wichtig wie das, was wir sagen. Wenn wir überzeugend sein wollen, reden wir oft ohne Punkt und Komma, weil wir viele Pfeile im Köcher haben. Doch Wirkpausen sind nötig, damit die Argumente beim Anderen überhaupt ankommen können.

Sieh es mal so: Nichts ist nerviger als jemand, der auf Facebook alle fünf Minuten ein neues Highlight seines Tages postet, und sei es die Currywurst mit Fritten. Oder ein Redner, der bei jedem Punkt darauf hinweist, dass dieser Punkt besonders wichtig ist. Oder eine Präsentation, die 250 Slides braucht. Wenn du etwas Wichtiges zu sagen hast, sag zwischendurch auch mal nichts. Eine Pause zeigt an: Achtung, jetzt zählt es.

Im Zeitalter der Geschwätzigkeit sind Pausen ein noch viel wirkungsvolleres rhetorisches Mittel als früher. Viele können gar keine Stille mehr ertragen. Stille lässt uns innehalten, eben weil man sie aushalten muss.

Wie Sprechpausen im Berufsalltag sinnvoll genutzt werden können

Rhetorische Wirkung braucht die rhetorische Wirkpause. Nutze dieses mächtige Stilmittel für deine Zwecke:

  • Übe dich in Stille: Leg in Redebeiträgen oder Präsentationen nach wichtigen Aussagen eine Sprechpause von bis zu drei Sekunden ein.
  • Gib im Gespräch den ‚Duke‘: Setz ein paar Takte aus, bevor du auf eine Frage antwortest. So wirkt deine Antwort gleich durchdachter und respektvoller.
  • Mach in Verhandlungen den Clint Eastwood: Verschieß dein Pulver nicht zu schnell. Schweige, wenn du den Anderen zuerst aus der Deckung locken willst.

 


René Borbonus

René Borbonus ist Trainer, Buchautor und Vortragsredner und zählt zu den gefragtesten Experten für professionelle Kommunikation im deutschsprachigen Raum. Er ist einer der meist gebuchten Redner zu seinen Themen Rhetorik und Kommunikation.

Zum Autor

Das können wir Dir auch empfehlen