Leadership & Karriere Dein Leben ist dein Kapital: Casey Neistat – vom Tellerwäscher zum YouTube-Millionär

Dein Leben ist dein Kapital: Casey Neistat – vom Tellerwäscher zum YouTube-Millionär

Ohne Filter, nie nach ihren Regeln, immer schneller als die andere: So filmt sich Casey Neistat zu New Yorks YouTube-Ikone und zum Millionär. Jetzt kann er sich alles erlauben (Text von Lukas Hermsmeier).

Es dauert, bis Casey Neistat die Tür zu seinem Studio in Tribeca öffnet. Eine Minute, zwei, drei. Klingeln, klopfen, nichts. Dann plötzlich spähen zwei braune Knopfaugen durch den Türspalt. „Du bist zu früh“, sagt Neistat und schaut auf seine weiße Armbanduhr. 1.55 pm, bedeutet: noch fünf wertvolle Minuten. Er setzt sich zurück an seinen Schreibtisch, schiebt sich die Sonnenbrille von den gegelten Locken auf die Nase und hält ein Snowboard mit Flammenmuster vor seine Kamera. Die letzte Einstellung für sein neuestes Youtube-Video, diesmal ist es eine Verlosung für seine Fans, die ihn ein paar Wochen zuvor auf einem solchen Snowboard durch das blizzardverschneite Manhattan haben cruisen sehen. Noch ein paar Klicks, Überschrift tippen, den Link zu Instagram setzen. „Ist jetzt live!“, ruft er. Und ein paar Stunden später werden über eine halbe Million Menschen den zweiminütigen Clip geschaut, Zehntausende geliked und Tausende kommentiert haben.

Man fragt sich, warum er, der Selfmade-Millionär, seine Videos überhaupt noch selbst produziert – und nicht schon längst einen Stab Assistenten hat? „Weil es nur um meine Perspektive geht, komplett subjektiv. Meine Videos sind einfach nicht skalierbar. Und: Niemand ist so schnell wie ich“, sagt Neistat, der an diesem wie an jedem Tag um halb fünf aufgestanden, 16 Kilometer gejoggt ist und bereits mehrere Stunden am Computer gearbeitet hat. Er verschwendet keine Zeit. „Arbeit und Familie. Was anderes mach ich nicht“, sagt er und wirkt dabei nicht mal unglücklich. Aber es erklärt, warum es für ihn auf fünf Minuten früher oder später tatsächlich ankommt.

Der Mann hat das erreicht, wovon so viele Kurzfilmemacher, Selbstdarsteller und Internetkreative weltweit träumen: Er ist sein eigenes Markenzeichen. Der 34-Jährige ist der berühmteste Youtuber New Yorks. Mehr als eine Milliarde Video-Aufrufe, über sechs Millionen Abonnenten. Seine Fans sind dabei, wenn er motorisierte Skateboards testet, wenn er seine einjährige Tochter Francine ins Bett singt, wenn er sich mit der Polizei anlegt und aus Trotz mit einem Fahrrad in Straßenabsperrungen kracht. Neistat wirkt wie die Inkarnation dieser hochtourigen Metropole, sein Leben wie ein einziger Sommerurlaub. Und vielleicht ist das seine größte Kunst: der Schein des Lockeren, des Selbstverständlichen, des Ewigmunteren. Ein stürmischer Alltag, jeden Tag auf ein paar noch stürmischere Youtube-Minuten komprimiert, die Schnitte so schnell wie seine jungen Fans auf der Tastatur. Es ist sein Kapital, das ihn so begehrt macht bei Marken, die eine authentische Inszenierung suchen. Wenn es für ihn passt, arbeitet er werblich mit ihnen zusammen – auf seine Art. Aber während die deutschen Youtuber eher für Schminktipps, Schleichwerbung und Produktpräsentationen stehen, legt sich Neistat mit Apple an, verwandelt Werbeetats in eine Hilfsaktion für philippinische Taifun-Opfer, stürmt rote Hollywoodteppiche und verletzt sich regelmäßig bei seinen urbanen Stunts. Mal albern, mal ernst, immer im Actionmodus.

Seine Karriere begann nicht auf einem gepolsterten Drehstuhl vor der Webcam im Kinderzimmer. Sie begann in einer Wohnwagensiedlung, wo Neistat als 17-jähriger Schulverweigerer zwischen Abend- und Morgenschicht im Restaurant seinen Sohn Owen mit dem Camcorder filmte. Casey Neistat war Teenagervater und Tellerwäscher, nicht nur metaphorisch, sondern leibhaftig – und schuftete sich zum Millionär, der jetzt nicht nur ein Youtube-Star ist, sondern mit Beme auch noch eine neue Social-Media-Plattform aufbaut. Was also kann man von diesem Bilderbuchaufsteiger lernen?

WENN DU AUFMERKSAMKEIT WILLST: SCHREI AM LAUTESTEN

Geboren am 25. März 1981 in der Kleinstadt New London im Bundesstaat Connecticut, Vater Barry ein Verkäufer von Restaurantzubehör, Mutter Amy Kellnerin. Lower Middle Class. „Meine Eltern haben sich nicht wirklich um uns gekümmert. Gemeinsame Abendessen oder so etwas gab es nie“, erinnert sich Neistat, stattdessen im Wechsel Cornflakes und Makkaroni mit Käse. „Im Rückblick denke ich manchmal: Jesus! Aber ich bin auf meine Eltern nicht sauer. Ich will es mit meiner Familie besser machen.“ Als eines von vier Kindern war sein Alltag vom Kampf um Aufmerksamkeit geprägt. „Da war mein älterer Stiefbruder Van, dieser blonde, hübsche Junge mit den blauen Augen. Dann war da meine Schwester Jordan, was für ein süßes Mädchen. Und Dean, der Jüngste. Und mittendrin ich, der Unfall“, so Neistat. Sein Lieblingsbuch ist die Autobiografie des Bürgerrechtskämpfers Malcolm X. „Der hatte einen Haufen Geschwister. Und wie hat er am meisten Essen und Aufmerksamkeit bekommen? Er hat am lautesten geschrien“, so Neistat.

Die fehlende Beachtung seitens der Eltern hatte aber auch einen großen Vorteil: „Wir konnten machen, was wir wollen.“ Als die Familie in den noch kleineren Ort Gales Ferry direkt an der Themse von Connecticut zog, bauten die Geschwister Holzfestungen, legten Lagerfeuer und ärgerten Yale-Studenten. Neistat -gehörte zu den Letzten, die ohne Internet, Gameboy und Handy aufwuchsen. „Man musste sich nur umschauen und fand immer was. Ich war das neugierigste Kind, das mit den meisten Ideen“, sagt Neistat.

Bis heute ist er seiner Heimat treu. Vor sechs Jahren hat Neistat sich und seiner Familie ein Haus im südöstlichen Connecticut gekauft. Zu seiner Großmutter Louise, einer berühmten Stepptänzerin, die im Zweiten Weltkrieg zu den legendären Rockettes gehörte und auch in der Radio Music Hall in Manhattan auftrat, schaute Neistat sein Leben lang auf. „Sie ist das bewundernswerteste Wesen, das ich je kennengelernt habe“, sagt er. Als „Nana Neistat“, die bis zu ihrem Tod im Alter von 92 Jahren tanzte, starb, trauerten die Lokalzeitungen. Drei Wochen zuvor, im Oktober 2011, hatte Enkel Casey ihr noch ein Youtube-Video gewidmet, ein unfreiwilliger Abschiedsgruß.

ENTWICKLE DEINE TRÄUME ALS KIND – UND BLEIB SO

Für Neistat öffnete sich eine neue Welt, als seine Mutter ihre Kreditkarte dramatisch überzog, um einen VHS-Camcorder für die Familie zu kaufen. „Sie ließ uns Kinder damit spielen. Und ich war fasziniert.“ Auch der Sehnsuchtsort war schnell definiert. Der Film „Big“, der in die Kinos kam, als Neistat sieben Jahre alt war, machte ihn New-York-besessen. „Tom Hanks ist dieser kleine Junge, der über Nacht groß wird und nach New York geht. Und weil er als Erwachsener immer noch einen jugendlichen Geist besitzt, schafft er es, sich auf diesem gigantischen Spielplatz durchzusetzen.“ Und weil Neistat vom ersten Lieblingsfilm seines Lebens auch heute noch so kindlich schwärmt, bleiben die biografischen Parallelen mit dem Kid aus „Big“ unausgesprochen und doch unmissverständlich. „Ich habe diese Stadt immer romantisiert. So sehr, dass ich als Kind nicht auf Fotos der New Yorker Skyline schauen konnte, ohne traurig zu werden.“

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