Life & Style Portugal. The Man im Gespräch

Portugal. The Man im Gespräch

Business Punk: Sind all diese kleinen Projekte denn finanzielle Standbeine, die in Zeiten von Streaming-Flatrates für euch notwendig sind?

Zach Carothers: Wir sind einfach interessiert. Aber auch Musiker, was heute heißt, auch auf Geld zu scheißen, weil damit nicht mehr viel zu machen ist. Oft sind es einfach nur Dinge, an denen wir Spaß haben.

Eric Howk: Ich würde sagen, sie sind opportunistisch. Vor vier, fünf Jahren ging es noch darum Band-Shirts zu verkaufen oder einen Song in eine Serie zu bekommen. Zum jetzigen Zeitpunkt sind solche Dinge die einzigen Einnahmequellen, die Independent-Musiker haben. Das wird in der Öffentlichkeit dann gerne als Sell-Out wahrgenommen oder als unehrlich. Also wird man sich vielleicht mehr an solch unternehmerischen Kollaborationen, an Re-Branding und so weiter versuchen. Ich sage nicht, dass Portugal. The Man da die Spitze des Innovations-Zuges sind, aber wir sind eine von vielen Marken. Natürlich sind wir eine Brand, und wir branden alles.

Zach Carothers: Bei solchen Sachen geht’s nicht in erster Linie ums Geld. Dafür machen wir dann eher Werbung und solche Dinge. Bei den meisten Kollaborationen ist es bis jetzt so, dass das einfach Dinge sind, mit denen wir gerne assoziiert werden würden.

John [John Gourley, Sänger von PTM] will ja immer gleich alles ausprobieren. Wenn er Fan von etwas ist, will er es umsetzen. Ich bin da etwas anders: ich meine ich liebe Schuhe, aber ich muss sie nicht gleich herstellen. Und er sagt: Ich liebe Schuhe, lass uns also Schuhe machen. Oft verkaufen wir das Zeug nicht mal.

Eric Howk: Einfach irgendwo die Nase reinstecken in ein Feld, in dem man ganz klar nichts zu suchen hat, damit verdienen wir kein Geld. Das sind kleine Projekte aus Leidenschaft.

Portugal. The Man Howk

Business Punk: Zurück zur Politik. Im interaktiven Video zur Single „Feel it Still“ lasst ihr den Zuschauer eine Art Tool-Kit zur politischen Partizipation suchen. Message: Mischt euch ein, ändert was. Würdet ihr sagen, Musik ist politisch oder sollte es sein?

Zach Carothers: Das müssen die Künstler entscheiden. Was sie dem Hörer oder Zuschauer sagen wollen. Als ich 14 war habe ich an jedem beliebigen Tag höchstwahrscheinlich Nirvana oder Rage against the Machine auf den Kopfhörern gehabt. Und ich wusste genau, worüber sie so wütend waren. Wenn ich mit Kurt Cobain sprechen könnte, würde ich ihm eine Millionen Fragen stellen, aber ich würde ihn nie fragen, was ihm ein Text bedeutet. Sie alle haben mir persönlich etwas ganz bestimmtes bedeutet und ich denke, dass es in der Kunst genau um diese Interaktion geht. In diesem bestimmten Video wollten wir etwas machen, das es – technisch gesprochen – so noch nicht gab. Und bei all dem, was gerade abgeht, dachten wir, warum addressieren wir nicht ein paar Dinge, die uns wichtig sind?

Eric Howk: Ich denke in „Feel it Still“ drücken wir eine Art von Empörung darüber aus, dass einige Dinge in diesem „Tool-Kit“ gar nicht politisch sein sollten. Zum Beispiel die Tatsache, dass sauberes Wasser Gegenstand politischer Debatte ist. Zum ersten Teil deiner Frage: einige meiner Lieblingssongs haben gar keine politische Botschaft. Ich denke auch nicht, dass es einen konsistenten politischen Faden in unserem neuen Album gibt. Klar, wir sind in einer Umbruchsphase in der niemand genau weiß, was passieren wird. Ähnlich wie 1969. Jetzt heißt es wieder: pass auf, was passiert.Portugal. The Man Carothers Howk

Business Punk: Skalieren wir die große Politik einmal herunter auf den Bereich, der euch am meisten betrifft: die Musikindustrie. Welche Probleme gibt es dort, wenn man etwa an Sexismus und andere Arten von Diskriminierung denkt?

Zach Carothers: Das gibt es natürlich überall. Ich denke, es gibt zumindest in der Musikindustrie etwas mehr Fairness…

Eric Howk: Aber auch nicht: Ich spiele manchmal mit einer Singer-Songwriterin in Seattle. Und jeder Artikel, der über sie geschrieben wird ist sexualisiert. Es gibt diese All-Female-Punkband aus Seattle, Tacocat. Ich habe noch nie einen Artikel gelesen, in dem sie nicht geschrieben haben, wie cute sie sind. Sie schreiben über ihre Klamotten und ihren Look. Es geht nie darum, worüber etwa dieser eine Song handelt oder dass dieser Basslauf Killer ist.

Zach Carothers: Trotzdem würde ich sagen, es ist etwas weniger Scheiße als früher.

Business Punk: Etwas weniger scheiße also. Aber ist Rockmusik nicht immer noch sehr maskulin, vielleicht zu maskulin?

Eric Howk: Nein, glaube ich nicht. Das hat auch damit zu tun, dass Plattenlabels an Bedeutung verlieren und man die Möglichkeit hat, einen Song mittlerweile im Schlafzimmer aufzunehmen und über das Internet mit der Welt zu teilen. Du kannst dir viel mehr das herausnehmen, was du willst. Aber es gibt natürlich noch absolut misogyne Rockbands. Die muss sich aber keiner anhören. Du kannst das, was du hören willst, viel leichter selbst kuratieren. Das Internet ist ein wunderbarer Ort.

Portugal. The Man Carothers Howk Reporter

Dieses Interview diente als Hintergrundgespräch für den Artikel „Never mind the sell-out“, der in der aktuellen Ausgabe 03/2017 erschienen ist. Titelgeschichte: “Besser als Tindern. Mitgründerin Whitney Wolfe verließ Tinder im Streit. Jetzt bekämpft sie mit der Dating- und Networking-App Bumble Sexismus.“ Mehr Infos gibt es hier.

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