Amazon Key: Das bisschen Privatsphäre für ein Plus an Komfort

Supermärkte, in denen es keine Kassen mehr gibt, fliegende Roboter, die das Last Minute Geburtstagsgeschenk noch rechtzeitig liefern, intelligente Lautsprecher, die mit dir über das Wetter plaudern: Klingt nicht mehr wirklich nach Science Fiction, sondern ist vielmehr schon heute Realität oder wird es bald sein. Wer dafür verantwortlich ist: Amazon, mittlerweile einer der größten und einflussreichsten (Tech-)Konzerne der Welt. Genau dieses Unternehmen bringt jetzt ein neues Produkt auf den Markt, dass lauter “Smart Home“ und “Das Internet der Dinge ist da“ ruft als die meisten anderen Innovationen: Amazon Key, ein intelligentes Türöffnungs-Systems, das, bestehend auf Kamera, elektronischem Türschloss und Cloud-Dienst, den Pakethandel revolutionieren will. Der Clou: Der jeweilige Kunde muss nicht mehr zuhause sein, um ein Paket zu erhalten.

Der Paketbote erbittet via App Zugang zur Wohnung. Nach entsprechender Authentifizierung durch Amazon öffnet sich das digital vernetze Schloss und der Lieferant kann das Paket in der Wohnung ablegen. Um Missbrauch des Ganzen vorzubeugen, wird das ganze durch eine Kamera – die sogenannte Amazon Cloud Cam – aufgezeichnet. Die Übertragung kann vom Kunden live oder im Nachhinein als Videoclip betrachtet werden. Das Angebot ist aber vorerst nur in den USA nutzbar. Ob es nach Europa kommt, wird sich erst noch zeigen.

Amazon Key, Privacy und die Vertrauensfrage

Klingt nicht schlecht, nie wieder beim ungeliebten Nachbarn klingeln! Amazon Key ist aber auch Ausdruck einer Entwicklung, die Gefahren in sich birgt: Ein Begriff, der gleichzeitig als Denkanstoß fungieren soll, ist in diesem Kontext Privacy. Dieser geht Hand in Hand mit einer These: Wer Amazon Key nutzt, tauscht ein Plus an Komfort für einen (eventuell ungleich größeren) Verlust von Privatsphäre ein: Damit der Dienst funktioniert, wird eine Kamera benötigt. Nun sind Kameras in vielen Haushalten kein Novum mehr. Kritisch wird es aber, wenn man die Terms of Use zu Amazon Key genauer liest: “If you use a Compatible Product capable of creating Recordings, we will process and retain your Recordings in the cloud to provide and improve our services.“

Recordings sind laut Amazon alle Audio-, Bild- oder Videodaten, die in Verbindung mit dem Amazon Key aufgenommen wurden. Weiter spricht der Konzern hier von „process and retain“: Das bedeutet, die Daten werden sowohl weiterverarbeitet als auch dauerhaft aufbewahrt – es sein denn, man macht sich die Mühe, diese zu löschen. Selbst hier bleibt Amazon schwammig, es heißt, die Daten werden vom eigenen Amazon Drive Account entfernt – ob das mit einer Tilgung aus der Datenbank des Unternehmens gleichzusetzen ist, wird nicht ganz klar. Was bedeutet es, wenn Amazon es als selbstverständlich ansieht, dass ihr Produkt nur nutzbar ist, wenn man die bei der Anwendung entstehenden Daten freigibt?

Der Konzern hat eine Haltung gegenüber dem Endverbraucher eingenommen, die ein erhebliches Maß an Kooperation einfordert. Die bedenklich hohe Erwartungshaltung Amazons kann vielleicht als Ausdruck eines Zeitalters verstanden werden, in dem es aus Sicht der großen Technologiekonzerne der Normalfall ist, dass der Kunde seine Daten bereitwillig weitergibt – man denke nur an Beispiele wie Google Home.

Die Sache mit dem Vertrauen

Ein weiterer Begriff, der in Verbindung mit Amazon Key häufig fällt, ist Vertrauen. Diesmal nicht in Bezug auf den Umgang mit persönlichen Daten, sondern in Bezug auf unsere Mitmenschen. Es erfordert kein geringes Maß an Grundvertrauen, Fremde – wenn auch videoüberwacht – ins eigene Heim zu lassen. Ein Sprecher von Amazon sagt zu dieser Problematik, die entsprechenden Paketboten seien allesamt bezüglich Fahrverhalten und eventuellen Vergehen in der Vergangenheit überprüft worden. Der Konzern spricht zudem davon, dass die Fahrer die Zustellungen direkt hinter der Eingangstür ablegen würden. Beides soll sicherlich aufkommende Bedenken bei potentiellen Kunden aus dem Weg räumen; ob dies tatsächlich der Fall sein wird, hängt größtenteils davon ab, welche Lebenseinstellung, Werte und Erwartungen an Mitmenschen eine Person hat.

Letztendlich lässt sich die problembehaftete Thematik auf zwei einfache Fragen herunterbrechen: Bin ich bereit, einem Global Player wie Amazon gewisse, möglicherweise intime Einblicke in mein Privatleben zu geben? Und vertraue ich dem Unternehmen, sowohl was den Umgang mit meinen Daten als auch – überspitzt formuliert – was die Sicherheit meines Hab und Guts angeht?


Paul Siethoff

Paul hat Kommunikation studiert und sieht seine Stärken vor allem im Kommunizieren. Da er einen Job braucht, in der er seine kommunikative Ader voll ausleben kann, zieht es ihn in den Journalismus. Hat er gerade mal Sendepause, zieht er ein paar Bahnen (im Wasser) oder versucht, politisch informiert zu wirken.

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