Entzauberung: Bei Apple laufen die Mitarbeiter gegen Glastüren

Verehrtes Publikum, bitte stellen Sie sich das Ganze als ein etwas makabres Schauspiel vor.

Über dem Sonnenstaat Kalifornien geht die Sonne auf. Licht. Immer mehr Licht, das sich langsam am westlichen Rand der USA ausbreitet. In der Auferstehung der Welt tut sich das Städtchen Cupertino hervor. 60.000 Einwohner, etwa 70 Kilometer südlich von San Francisco entfernt – direkt im Herzen des Silicon Valley. Benannt wurde Cupertino nach dem italienischen Mönch Josef von Copertino. Ein Heiliger der katholischen Kirche, der sein sakrales Unwesen Mitte des 17. Jahrhunderts trieb. Der Legende nach flog der Heilige einmal 60 Meter in die Luft, um ein zehn Meter langes Kreuz zu empfangen. Es überrascht daher nicht, dass der 2011 verstorbene Steve Jobs genau an diesem Ort, beim heiligen Geist von Cupertino, seine neue Firmenzentrale errichten ließ. Der Apple-Gründer wurde Zeit seines Lebens, und erst recht nach seinem Tode, selbst als Heiliger gefeiert – und auch der Marke schreibt man unbestreitbar magisches Charisma zu.

Ein futuristisches Monstrum

Im vergangenen Jahr wurde der neue Hauptsitz von Apple dann fertiggestellt. Ein futuristisches Monstrum. Ein fast zwei Kilometer langer Ring aus Stahl und Glas – anmutig wie eine schwerelose Raumstation im schwarzen Nichts – beherbergt mehr als 12.000 Mitarbeiter. Inklusive: ein 9.000 Quadratmeter großes Fitness-Studio, ein Yoga-Zentrum, das sich über über zwei Stockwerke erstreckt. Alles unter dem größten Carbon-Dach, das die Welt je gesehen hat, klar. Wie ein Besessener arbeitete Steve Jobs vor seinem Tod an den Entwürfen, erzählte der Wired-Journalist Stephen Levy, der als einer der Ersten das neue Gebäude besichtigen durfte.

Der neue Apple Campus in Bildern

Kein Zweifel: Die pompöse Firmenzentrale von Apple soll Aufbruch, Zukunft und visionäre Power ausstrahlen. Hier stellt man sich hyperaktive High Professionals im Casual Business Look vor, die in kleinen Projektgruppen an der Überarbeitung der Welt arbeiten. An diesem Ort entsteht Großes. Episches. Zwanzigjährige Nerds programmieren die nächste Revolution.

Und dann das:

Eine Meldung, die so überhaupt nicht in unser Bild von dieser Wunderwerkstatt passt. Apple-Mitarbeiter laufen ständig gegen Glastüren. Bitte, was? Am innovatisten Ort auf diesem Planeten rennen die Big Brainer von Apple ständig gegen die Türen? Nein, das widersetzt sich unserer kognitiven Auffassungsgabe. Das passt nicht zusammen. Man stelle sich das bitte bildlich vor: Die größten Talente, die zwischen Oxford und Yale zusammengekratzt wurden, stolpern über irdische Hürden. Das ist einfach schlechte Comedy.

Notruf aus der Zukunft

Der „San Francisco Chronicle“ hat jetzt Mitschnitte aus mehreren Notrufen aus der Apple-Zentrale veröffentlicht. Sie zeigen, dass es sich hierbei um keine Einzelfälle handelt. Immer wieder kommt es zu Unfällen mit den „unsichtbaren“ Türen und auch Wänden. Ein dramaturgischer Ausschnitt:

Screenshot: San Francisco Chronicle.

Wir konstatieren also etwas zerknirscht: Das futuristische Headquarter bei Apple überfordert die eigenen Mitarbeiter. Ein makabrer Umstand und in gewisser Weise eine Entzauberung dieses sagenumwobenen Ortes. Aber sehen wir es doch so: Auch Apple-Mitarbeiter sind nur Menschen – die hin und wieder tagträumend gegen Hindernisse laufen. An den Türen und Wänden sollen in Zukunft nun Warnhinweise befestigt werden. Dem heiligen Copertino sei Dank.

 


René Krempin

René Krempin hat Kultur- und Medienwissenschaften studiert und über mehrere Stationen bei Print- und Online-Medien den Weg in die Agentur gefunden. Er ist freier Autor und arbeitet bei der Agentur OSK als Online- und Social-Media-Redakteur. Mit großem Interesse verfolgt er unter anderem die Entwicklungen in der eSports-Szene. In seiner Freizeit ist er aber auch gerne analog unterwegs: mit Freunden auf dem Bolzplatz.

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