Breaking-Bad-Star Bryan Cranston: Auf der Nebenstrecke zur “Isle of Dogs“

Schlimme Kindheit, langes Rumlungern als Kleindarsteller, später Erfolg: Wie es Schauspieler Bryan Cranston auf der Nebenstrecke nach oben geschafft hat.

Von Patrick Heidmann.

Herr Cranston, sind Sie ein Hunde-Mensch?

Und wie, ich liebe Hunde! Hunde sind die besten. Sie sind loyal und wollen nichts außer Liebe, spielen und Gassi gehen. Niemand ist treuer als Hunde. Ganz schlicht gesagt: Die Welt wäre vermutlich eine bessere, wenn wir Menschen ein bisschen mehr wie Hunde wären. Denn wir verkomplizieren unser Leben ja immer unnötig. Für Hunde dagegen ist es egal, ob sie einem reichen Menschen gehören oder einem Obdachlosen. Solange sie geliebt werden, ist alles gut.

Sie wissen offensichtlich, wovon Sie sprechen. Aber einem Hund allein über die Stimme Persönlichkeit zu verleihen, so wie Sie es nun bei Wes Andersons „Isle of Dogs“ getan haben, ist sicher kein Kinderspiel.

Doch, eigentlich schon. Beziehungsweise ist es eben gar nicht so, dass ich einen Hund spiele. Über das Tier denke ich gar nicht nach, es ist für mich eine Rolle wie jede andere auch. Warum auch nicht, schließlich vermenschlichen wir im echten Leben unsere Haustiere doch auch. Ich musste mich in diesem Fall also nicht in einen Vierbeiner hineinversetzen, sondern nur in seine Situation. Er ist obdachlos, was also geht in ihm vor? Ist er wütend? Verunsichert? Entwickelt er Aggressionen, weil er nicht weiß, wo er die kommende Nacht schlafen wird und ob er Futter findet? Über solche Fragen habe ich also eine Persönlichkeit entwickelt, die zufällig auch ein Hund war.

Dass der Hund eine recht verkorkste Type ist, passt irgendwie ganz gut in die Reihe Ihrer sonstigen Rollen …

Da haben Sie vollkommen recht. Ist natürlich auch kein Zufall. Verkorkste Typen ziehen mich magisch an. Sie machen nicht nur am meisten Spaß. Ich kann mich auch persönlich am meisten mit ihnen identifizieren.

Warum?

Weil ich selbst einer bin. Meine Vergangenheit war alles andere als eitel Sonnenschein. Ich komme aus einem Zuhause, das geprägt war von Alkoholismus und Gewalt. Die ersten Jahre habe ich das zum Glück noch nicht wirklich mitbekommen, doch mit zehn oder elf Jahren wurde mir das immer bewusster, und es dauerte dann auch nicht mehr lange, bis die familiären Strukturen sich aufzulösen begannen.

Wie kamen Sie damit klar?

Natürlich schlecht. Mich überkam eine enorme Verunsicherung, ich zog mich immer mehr zurück und wurde ein sehr schüchterner, unsicherer Junge. Ich wurde quasi zur Schildkröte. Es dauerte Jahre, bis ich merkte, dass ich damit auf Dauer nicht weit komme. Aber erst einmal war ich auf mich alleine gestellt. Meine Mutter wurde zur Alkoholikerin, mein Vater war weg – und ich wusste nicht, wohin mit meiner Wut, meiner Angst, meiner Unsicherheit. Dass ich später Schauspieler wurde, hat auch damit zu tun, dass ich gemerkt habe, welche kathartische Wirkung es haben kann, die unterschiedlichsten Männer mit den unterschiedlichsten Problemen zu spielen.

Vor Kurzem haben Sie Ihre Autobiografie veröffentlicht. Hatte das Schreiben auch eine therapeutische Wirkung?

Ich denke, schon. Aber bis zu einem gewissen Grad habe ich das Buch auch einfach geschrieben, weil man mir die Möglichkeit dazu gab. Warum hätte ich Nein sagen sollen, wo ich doch gute Geschichten zu erzählen hatte? Denn das ist mein Leben schließlich: eine gute Geschichte. Jemand, der Hindernisse überwindet und seine Ängste in den Griff bekommt – das ist der Stoff, den man lesen will. Ich habe auch meiner Tochter immer beizubringen versucht, dass sie sich in ihrem Leben auch an die negativen Momente erinnern soll. Denn die ergeben später die besten Geschichten.

Haben Sie mit Ihrem Vater später Ihren Frieden gemacht?

Es dauerte damals zehn Jahre, bis ich ihn wiedersah. Mancher Schaden, der angerichtet war, ließ sich nicht reparieren. Unsere Beziehung blieb angespannt bis zu seinem Tod vor fast vier Jahren. Ich musste irgendwann akzeptieren, dass seine Offenheit und Ehrlichkeit allen Aussprachen zum Trotz ihre Grenzen hatten. Manche Menschen können eben nicht über ihren Schatten springen, und gerade bei Männern seiner Generation ist das vielleicht auch keine Überraschung. An seinem Sterbebett fanden wir einen Zettel, auf den er mit letzter Kraft geschrieben hatte, dass der schönste Tag in seinem Leben der war, als seine Kinder ihm verziehen. Puh … Ich bin sehr froh, dass ich nicht so geworden bin wie er, sondern meiner Tochter auch heute schon sagen kann, wie sehr ich sie liebe.

Zurück zu Ihren Rollen. Abgesehen von verkorksten Figuren: Wonach suchen Sie in Ihren Arbeiten noch?

Mir ist es wichtig, dass die Geschichten, an denen ich beteiligt bin, etwas zu sagen haben. Substanz ist das Einzige, was zählt, darüber hinaus habe ich keine Motivation. Geld ist heutzutage auf jeden Fall kein Ansporn für mich. Ehrlich gesagt interessiert es mich so wenig, dass ich Ihnen nicht einmal sagen könnte, welche Gage ich für „Isle of Dogs“ bekommen habe. Oder für das Theaterstück, in dem ich gerade in London auf der Bühne stand. Darüber zerbrechen sich meine Agenten den Kopf, aber nicht ich.

Das ist allerdings ein Luxus, den man sich leisten können muss!

Keine Frage, und ich will auch gar nicht überheblich klingen. Im Gegenteil weiß ich das Geld, das ich habe, sehr zu schätzen. Jahrelang hatte ich keines. Ich war arm, teilweise so arm, dass ich auf die Straße gesetzt wurde und eine Weile aus einem Koffer lebte. Die Zeiten sind zum Glück vorbei, heute bin ich wohlhabend. Nicht, weil ich das unbedingt wollte, sondern weil ich sehr viel Glück hatte und mich immer auf meine Arbeit konzentriert habe. Die macht mich glücklich, nicht das Geld.


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