Nie wieder Mietvertrag: Dieser Mann baut Luxus-Refugien für Digitalnomaden

Aber damit sich die Gäste wirklich wohlfühlen, sei laut Haid ein einziger Punkt entscheidend: „Du brauchst eine Architektur der Optionalität. Du musst den Leuten die Möglichkeit geben, zwischen Anonymität und Partizipation wählen zu können.“ Heißt: Getrennte, aber von überall einsehbare Bereiche und mehrere Wege von A nach B, damit jeder selbst entscheiden kann, ob man in der Küche kurz Hallo sagt oder lieber unbemerkt ins Zimmer huscht. Dass so etwas ihren Mitgliedern wichtig ist, hat Roam allein durch Kundenfeedback gelernt. Überhaupt läuft bei Roam noch immer viel über Trial and Error. Als Testing-Ground dient der Standort auf Bali, dort wird alles Neue, etwa Kinderbetreuung, zuerst ausprobiert und bei Erfolg auf die anderen Standorte ausgerollt.

Im Moment hat Roam um die 2 400 Mitglieder und insgesamt über 11 000 Bewerbungen erhalten, sagt Haid. Über die Hälfte kommt aus den USA, Kanada, Großbritannien oder Australien. Grob lassen sich die Gäste in drei Gruppen einteilen: Erstens die Designerin Ende 20, die von London aus arbeitet. Zweitens das Pärchen Ende 30, das sich gerade überlegt, ob es für den Rest seines Lebens dem Angestelltendasein fristen oder nicht lieber einen anderen Karriereweg einschlagen soll. Und drittens die – überraschenderweise – größte Kundengruppe: Leute in den Fünfzigern und Sechzigern, die etwa Berater sind oder ein erfolgreiches Unternehmen aufgebaut haben, das mehr oder weniger von selbst läuft.

„Das ist ein bisschen unser Sweet Spot“

All die Roam-Gäste eint, dass sie aktiv sind. Kaum einer kommt zum Urlaubmachen und Seele-baumeln-Lassen. Interessant ist, dass es sich meist um eher um introvertierte Leute handelt. „Das ist ein bisschen unser Sweet Spot“, sagt Haid. „Wenn du extrovertiert bist, nimmst du dir eher ein Airbnb oder ein Hotel, weil du ohnehin schon 15 Freunde in jeder Stadt hast, mit denen du dich verabredest.“ Um die Community zu stärken, finden regelmäßig Events statt, mindestens einmal pro Woche wird auch ein gemeinsames Dinner veranstaltet.

Nimmt man alle Standorte zusammen, hat Roam derzeit 140 Zimmer, sagt Haid. „Und in ein paar Wochen hoffentlich das Doppelte.“ Denn die Pläne von Roam sind groß: Noch in diesem Jahr sollen Locations in sechs bis acht weiteren Städten dazukommen. Welche das sein werden, verrät Haid noch nicht, nur dass sie sich gerade an Orten wie Los Angeles, New York, San Francisco, Schanghai, Hongkong und Berlin umschauen.

Professionalisieren und Streamlinen

Ein Kriterium bei der Auswahl der Standorte ist das Bilden von Städtepärchen. „Es gibt halt wesentlich mehr Leute, die zwischen LA und New York pendeln, als zwischen Miami und Bali“, sagt Haid. Das Versprechen von Roam: Nie wieder einen Mietvertrag unterschreiben zu müssen. Und dieser globale Ansatz ist es auch, der Roam von anderen Coliving-Anbietern unterscheidet.

Die ersten vier Locations waren für Roam ihr Proof of Concept. „Wir sehen, dass das eine Wohnform ist, die funktioniert und die ihre eigene neue Kategorie werden kann“, sagt Haid. „Jetzt müssen wir uns professionalisieren und streamlinen.“ Zum einen bedeutet dies, das 60-köpfige Team aufzustocken. In Kürze wird es neben Haid auch noch einen zweiten CEO geben. Zum anderen will Roam ab sofort auch eigene Immobilien kaufen. Zu einem späteren Zeitpunkt wäre sogar denkbar, zusammen mit Partnern vor Ort Immobilien zu entwickeln.

Zwischen Lebensphasen pendeln

Gerade arbeitet Haid daran, einen Fonds aufzusetzen, der soll groß genug sein, um in den kommenden Jahren 50 bis 60 Nomadenherbergen aufzubauen. In drei Jahren soll es sogar einen Kosumentenfonds geben, „damit du dann sagen kannst: Bevor ich mir eine Wohnung in Berlin kaufe, kaufe ich mich bei Roam ein und partizipiere an deren Portfolio“.

Ein bisschen ironisch ist es, dass Haid, der gerade die Erde mit einer ausgeklügelten Infrastruktur für Ortsunabhängige überzieht, selbst zum ersten Mal nach vielen, vielen Jahren wieder einen festen Wohnsitz hat. Vor Kurzem hat er einen Mietvertrag in New York unterschrieben. Sesshaft will er aber nicht werden. Denn er glaubt fest, dass Menschen künftig immer zwischen zwei Lebensphasen pendeln werden: dem ortsgebundenen Leben und nomadischen Phasen, „wo sich das Zuhause über soziale Bindungen in verschiedenen Städten oder das Reisen mit dem Partner definiert“. Ein Leben, das er nur zu gut kennt. Und inzwischen weiß er auch, wo er beim nächsten Mal unkompliziert unterkommen kann.

 

Dieser Beitrag stammt aus der Ausgabe 02/2018. Darin porträtieren wir Lea-Sophie Cramer, Gründerin von Amorelie. Nach der Übernahme durch ProSiebenSat.1 soll sie die Konzerntochter zu einer Lifestylemarke ausbauen. Außerdem: Quiz-App HQ Trivia, Schauspieler Bryan Cranston, DJ-Gott David Guetta und wie immer viele weitere Geschichten. Mehr Infos gibt es hier.


Tanja Lemke

Tanja ist Print-Redakteurin bei Business Punk. Wenn sie nicht gerade über Startups oder Musik schreibt, tingelt sie mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit durch irgendein asiatisches Land.

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