Crime: Der tiefe Fall des Boyband-Architekten Lou Pearlman

Modellflugzeuge statt Charter-Flotte

All das Geld, das Pearlman an seinen Bands vorbeischleuste und sich selbst einheimste, waren aber vermutlich Peanuts im Vergleich zu dem groß angelegten Betrug mit seiner Scheinfirma. Angeblich vergaß Pearlman sein Luftfahrt-Business über seine steile Karriere im Musik-Biz, wie er selbst sagte, doch in Wahrheit nutzte er es weiter, um nebenbei unzähligen Menschen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Mit gefälschten Papieren und Bankdokumenten gaukelte er Investoren vor, er hätte ein florierendes Charter-Unternehmen, eine riesige Flotte, zeigte Broschüren, in denen all seine Maschinen abgebildet waren. Tatsächlich besaß er selbst nur drei Flugzeuge, bei den abgebildeten Maschinen handelte es sich um winzige Modelle, die von Pearlman persönlich in die Kamera gehalten und täuschend echt abfotografiert wurden. Doch die Masche funktionierte. Pearlmans vertrauenswürdige Art kam ihm auch hier zu Gute, viele Leute legten ihr Geld bei ihm an. „Es war so glaubwürdig“, meinte ein ehemaliger Investor, als der Schwindel aufflog. „Immer war ein Flugzeug oder Helikopter da, wenn er einen brauchte.“

Pearlmans Betrug funktionierte nach der Ponzi-Masche, eine Methode, bei der ein Unternehmen nur zum Schein existiert und das Geld neuer Investoren genutzt wird, um die älteren auszubezahlen. Wer diese Masche nutzt, ist darauf angewiesen, dass ständig neue Investoren an Bord kommen. Gehen die Investitionen zurück, kollabiert das System und fliegt in der Regel auf. Tatsächlich unterschied Pearlman aber etwas von anderen Verwendern der Ponzi-Masche: Neben seinem Fake-Business hatte er ein zweites, legales Standbein – die Musik. So fragte sich niemand, woher all der Reichtum kam.

Casting im Knast

Bis zum Jahr 2007. Dann kamen die Behörden Pearlman auf die Schliche und nahmen ihn auf Bali fest. Er wurde zu 300 Monaten Haft verurteilt – ein Monat für jede Million, die er illegal verdient hatte. Mit seinem Urteil bekam er die Möglichkeit, für jede Million, die er zurückbezahlt, seine Strafe um einen Monat zu verkürzen. Doch von all der Kohle war nichts mehr übrig.

Nach seiner Verurteilung zeigte er sich reumütig, wollte seine Taten wieder gutmachen, und stellte einen Antrag, aus dem Gefängnis heraus eine neue Band zusammenzustellen, mit der er genug Geld verdienen würde, um all seine 1.700 Ponzi-Opfer auszubezahlen. Er war fest davon überzeugt, es wieder ganz nach oben schaffen zu können, diesmal richtig, ehrlich. Doch das Gefängnis machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Casting ist im Knast nicht erlaubt.

„Es gab einen Typ in jeder Band. Wie eine Opferung“

Im Jahr seiner Festnahme kam heraus, dass Pearlman angeblich noch eine weitaus dunklere Seite hatte. „Vanity Fair“ berichtete, Big Poppa soll viele seiner Zöglinge sexuell missbraucht haben. Seine Vorliebe für die jungen Sänger sei ein offenes Geheimnis gewesen. Ebenso, dass er für seine Mühen, aus den Jungs Stars zu machen, einen Preis verlangte. „Wer sagt, er wusste nichts davon, lügt“, sagte sein ehemaliger Assistent Steve Mooney. „Es gab einen Typ in jeder Band. Wie eine Opferung.“ Mooney, der eine Zeit lang in Pearlmans Villa wohnte, berichtete von nächtlichen Schlafzimmerbesuchen einzelner Bandmitglieder und von zwielichtigen Treffen, bevor ein Typ neu in eine Band aufgenommen wurde. Rich Cronin, der verstorbene Sänger von Pearlmans Band LFO vermutete sogar, Pearlman hätte in Wirklichkeit nie vorgehabt, seine Bands berühmt zu machen: „Ich denke, er wollte einfach nur süße Typen um sich herum haben. Das war alles eine Ausrede.“ Pearlman stritt all diese Vorwürfe vehement ab, angeklagt wurde er nie, und die meisten seiner ehemaligen Bandmitglieder schwiegen dazu.

2016 – lange vor Ende seiner Haftstrafe – starb Pearlman im Alter von 62 Jahren an einem Herzstillstand. Mit ihm wurde auch die letzte Chance seiner unzähligen Ponzi-Opfer beerdigt, ihr Geld jemals wiederzubekommen.

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Corinna Segelken

Corinna studiert mit Leidenschaft Sprachkrams und Mediengedöns. Am liebsten schreibt sie über spannende Persönlichkeiten und interessiert sich ansonsten für alles, was mit ihrer Heimat Berlin zu tun hat. Oh, und sie liebt Twitter.

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