Der frühere StudiVZ-Gründer Michael Brehm rettet jetzt deinen Job – mit KI

Wobei: Spickzettel trifft es eigentlich nicht ganz. „Wir sind praktisch der Shortcut“, sagt Brehm, eine Art Shortcut zum Können. Wenn der Mensch, wie der Bestsellerautor Malcolm Gladwell in seinem Buch „Outliers“ schrieb, 10 000 Stunden brauche, um etwas Neues – Klavier spielen, Basketball, Callcenter-Gespräche – zu erlernen, will Brehms Unternehmen genau diese 10 000 Stunden abkürzen, wie schon der Name i2x andeutet, Achtung: mit Vinculum, also dem Querstrich auf dem X, für die römische Zahl 10 000. i2x steht für das Ziel, KI dazu einzusetzen, Menschen jede beliebige Fähigkeit beizubringen – bis sie diese so gut wie ein Meister beherrschen. Nur eben deutlich schneller.

Shortcut fürs Gehirn

Brehm ist überzeugt: Selbst in jemandem mit geringer Qualifikation schlummert reichlich Potenzial. Allein aufgrund der rein kognitiven Fähigkeiten des Gehirns sei es möglich, Menschen in die Lage zu versetzen, „Dinge zu machen, die noch vor zehn oder 20 Jahren nur wenige Spezialisten auf der Welt beherrscht haben“. Und i2x wird die KI bauen, die das ermöglicht.

Callcenter sind nur der allererste Anfang, eine clevere Branche, in der das ambitionierte Konzept keine abstrakte Vision bleibt. Sondern sofort Ergebnisse liefert. Langfristig aber will i2x der Shortcut für diverse Arten von Kompetenz sein, deren Beherrschung heute noch jahrelanges Lernen erfordert. Künftig wird daraus eine Frage des künstlich klugen Coachings.

Zugegeben, das klingt noch befremdlich. Geht man aber genau an jenem Ort, wo i2x heute sitzt, 120 Jahre zurück in die Zeit, als Berlin noch nicht Startup-City, sondern Industriemetropole war, als die AEG hier binnen wenigen Jahren sechsstöckige Fabriken aus dem Boden stampfte, wird das unfassbare Ausmaß der heranrollenden technischen Revolution erst deutlich.

Keine Bedrohung

Damals nämlich machte die Technologie ähnlich große Sprünge, erst auf dem Feld der Mechanisierung, dann der Automatisierung. Wo es wenige Jahre zuvor noch Handwerker gab, wurde der Mensch bald zum Gehilfen riesiger Maschinen. Körperkraft und Erfahrung waren plötzlich egal, die Maschinen fertigten die Bauteile viel genauer. Und um die zu bedienen, musste man nicht erst jahrelang lernen.

Warum, stellt sich heute die Frage, sollte sich KI nicht genauso nutzen lassen? Vermutlich ist künstliche Intelligenz für die Menschheit im Ganzen gar keine Bedrohung – sondern das nächste große Werkzeug, das uns hilft, die Sachen zu tun, die wirklich nur der Mensch kann.

Tatsächlich weicht das uniformierte Misstrauen gegenüber der KI immer mehr kritischer Neugierde. Mitte Juni veröffentlichte die Unternehmensberatung BCG unter dem aufmunternden Titel „AI – Have No Fear“ die Ergebnisse einer Umfrage zur Einstellung von Arbeitnehmern gegenüber künstlicher Intelligenz. Die schlechte Nachricht: Mit gerade einmal 15 Prozent, die im Job überhaupt schon einmal mit KI zu tun hatten, bewegt sich Deutschland zwar im Schnitt der untersuchten europäischen Länder, aber klar hinter den USA, Kanada und vor allem hinter China, wo bald jeder dritte Arbeitnehmer Umgang mit KI hat.

Ärmel hochgekrempelt: Michael Brehm geht es auch um die Ehre als Gründer. Foto: Hahn + Hartung

Auffällig an der BCG-Studie ist aber, dass unabhängig vom Herkunftsland 84 Prozent der Arbeitnehmer, die bereits Kontakt mit einer KI hatten, davon ausgehen, dass diese das Wachstum ihrer Firma in den kommenden fünf Jahren positiv beeinflussen wird. Anders gesagt: Wer KI kennt, schätzt KI. Und diese Akzeptanz wird der entscheidende Faktor im Wettlauf um die KI sein.

Dass KI die Schlüsseltechnologie der kommenden Jahrzehnte sein wird, bezweifelt heute niemand mehr. Daten mögen zwar das neue Öl sein, aber nur wer weiß, wie man Raffinerien baut, wird am Ende von den sprudelnden Daten profitieren. Vor Kurzem hat die Bundesregierung verkündet, Deutschland solle zur weltweit führenden KI-Nation werden. Aktuell arbeitet man an einem Plan, wie man der KI-Branche Daten der öffentlichen Hand und der Wissenschaft zugänglich machen kann, damit diese ihre Systeme an diesen Daten schult.

Irgendwie unvollendet

Brehm ist skeptisch. Natürlich helfe es, dass auch seitens der Politik mehr über KI gesprochen werde, sagt er, aber: „Wenn ich ein kleines Startup bin, dann will ich eigentlich in Ruhe gelassen werden.“ Er hat Mitarbeiter aus seinem eigenen Netzwerk rekrutiert und dabei auch jemanden wie Ilya Edrenkin überzeugt, der zuvor beim russischen Internetriesen Yandex für Sprach­erkennung und autonomes Fahren zuständig war. Warum Edrenkin CTO von i2x wurde? Weil Brehms Vision ihn überzeugt hat. Denn hey, wenn es die Menschen vor den Bots zu retten gilt, wer wollte da nicht mitmachen?

Aber natürlich geht es Michael Brehm mit i2x nicht nur um die Technik, nicht nur um den internationalen Weltlauf und auch nicht nur um diesen ohnehin stattfindenden Kampf zwischen Mensch und Maschine. Es geht ihm auch um seine Ehre als Gründer. Ein Deal-Portal, über das Pizza-Coupons verkauft werden, sei nicht sonderlich, wie Brehm es formuliert, „aspirativ“ gewesen. Und StudiVZ, das deutsche Facebook, das er mit den beiden Gründern Ehssan Dariani und Dennis Bemmann aufgebaut hat, blieb irgendwie unvollendet. Im Nachhinein, so Brehm, sei der Exit eigentlich zu früh gekommen.

Denn an dem Tag, als das StudiVZ-Führungsteam gerade neue Pressefotos machen wollte, kam der Anruf, der alles beendete. Sie hatten für die Fotos so richtig nach Berliner-Klischee-Gründer aussehen wollen, unrasiert, älteste Jeans. Brehm hatte sogar seinen Hoodie über Nacht in einen Rucksack gestopft, damit er zerknittert ist.

Doch dann kam der Anruf: Der Verlag Holtzbrinck will StudiVZ kaufen, ihr müsst nach München, sofort. Brehm und die anderen fuhren statt zum Shooting direkt zum Flughafen, stiegen so, wie sie waren, in den nächsten Flieger nach München und ins nächste Taxi zum Termin. „Wir kamen in den Besprechungsraum, und alle waren natürlich schick angezogen. Anwälte mit Anzug und Krawatte. Und wir in unseren zerrissenen Jeans und alten Turnschuhen, einer hatte sogar Sandalen an, da herrschte zehn Sekunden lang Schweigen“, erinnert sich Brehm. Diese Typen sollten gleich Millionäre werden? Doch dann wurde unterschrieben.

In zerrissenen Hosen und alten Turnschuhen legte Brehm früher bereits einen der größten Exits der deutschen Gründerszene hin. Die Jeans bleibt mittlerweile heil. Foto: Hahn + Hartung

85 Mio. Euro wechselten an diesem Tag den Besitzer, einer der bis dahin größten Exits der deutschen Gründerszene. Klar, ein Grund zu feiern! Aber: Bis ihr Anteil auf dem Konto ankommt, würde es zu lange dauern, um sich vernünftige Klamotten zu besorgen. Noch waren die drei mehr oder minder pleite. Ins P1 würden sie in ihrem Aufzug auch nicht reinkommen. Aber dass sie selbst im eher prolligen Kunstpark Ost in München an drei Discos abgewiesen wurden, erzählt Brehm, das war absurd. Am Ende feierten sie den Exit dann in einer Dönerbude.

Heute ist das eine lustige Anekdote, aber man merkt Brehm an, dass ihn der plötzliche Verkauf von StudiVZ unter immensem Druck der Investoren geprägt hat. Brehm hat i2x zunächst selbst finanziert, um sein eigenes Ding machen zu können. Später holte er den Risikokapitalgeber Holtzbrinck Ventures an Bord. Sollte er weiteres Kapital brauchen um i2x schneller wachsen zu lassen, dann lieber über einen Börsengang als durch das Geld weiterer Investoren. Nein, diesmal will Brehm die Sache komplett durchziehen. „Ich will beweisen, dass man von Deutschland aus eine technologiegetriebene Firma aufbauen kann, die in der Weltliga mitspielen kann“, sagt er. Und natürlich, dass Team Human noch lange nicht gegen die Bots verloren hat.


Der Text stammt aus Ausgabe 04/18. Darin widmen wir uns ausführlich neuen Trends in der HR-Branche. Cover-Story: Ex-StudiVZ-Chef Michael Brehm. Der will Menschen von KI coachen lassen, damit Bots sie nicht abhängen. Außerdem: Eine Stadt im Weltraum, der Coworking-Gigant Wework im Optimierungswahn und ein Dossier zum Thema HR. Mehr Infos gibt es hier.


Christian Cohrs

Christian ist der Redaktionsleiter bei BUSINESS PUNK und legt großen Wert darauf, dass Startups nicht in Schmieden hergestellt werden. Wenn er nicht an den Texten von Autoren herummäkelt (das ist nun einmal sein Job), schreibt er über Gründerthemen, Gewissensfragen und Schnaps.

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