Fynn Kliemann ist Heimwerker-Ikone und nun auch Musiker – warum?

Heimwerker-Ikone, Youtuber, Autor und nun auch noch Musiker. Fynn Kliemann macht alles. Warum?

Von Celia Parbey

Der Lack blättert ein bisschen. Kein Coworking-Space, dessen Wände nicht mit Motivationssprüchen bepinselt wären: „Hustle harder“, „Tu, was du liebst“, „Only a mediocre person is always at his best“. Doch mal ehrlich, am Ende mag etwa die Digitalisierung der Buchhaltung sinnvoll sein – aber eine Herzenssache, ein Leidenschaftsprojekt? Eher nicht.

Dabei gibt es einen Typen, der sich die in Startups gepredigte Can-do-Attitüde gar nicht an die Wand zu schreiben braucht, denn er lebt sie. Fynn Kliemann heißt er, lebt in der niedersächsischen Provinz und hat auf einem leicht abgerockten Bauernhof seinen eigenen D.I.Y.-Staat ausgerufen, das Kliemannsland. Also keinen wirklichen Pseudostaat mit sich als Fantasiekönig, sondern einen drei Hektar großen Freiluftspielplatz für Nicht-erwachsen-werden-Woller. Das Kliemannsland liegt zwischen Bremen und Hamburg. Den Hof hat Kliemann vor ein paar Jahren gekauft und baut ihn seitdem immer weiter aus. Mittlerweile 366 000 Follower schauen bei Youtube zu, wie er dort mit seinen Buddys im Garten eine Wasserskianlage baut oder sich ein Grillmoped zusammenschweißt.

Parallel dazu hat Kliemann seit Jahren in seinem Heimstudio an einem komplett anderen Projekt gesessen: seinem ersten Musikalbum mit dem für einen Machertypen wie ihn zunächst überraschenden Titel „Nie“. Ende September ist es erschienen und sei „ein Herzensprojekt“, sagt Kliemann. Monatelang hat er abends Beats gebastelt und Texte geschrieben, die den in seinen Clips notorisch verspielten wie gut gelaunten Kliemann als verletzlichen, ruhigen, nachdenklichen Mann zeigen.

Willkommen im Kliemannsland: DIY for Life.

Die Initialzündung für „Nie“ kam von einem Mit­arbeiter eines großen Plattenlabels, der ihn ansprach. „Es war die Motivation, endlich mal die Platte zu machen, die ich seit Ewigkeiten im Kopf hatte, die aber eigentlich nie fertig werden sollte“, sagt Kliemann. Schnell war man sich einig, doch dann kam ihm sein D.I.Y.-Gemüt in die Quere. Kliemann entschied, das zu tun, was er immer tut: alles selber machen von Produktion bis Vertrieb, also gründete er sein eigenes Label, Two Finger Records.

Verkaufszahlen? Egal

Kliemann ist einer, der die Dinge nicht nur anwendet, sondern ganz genau verstehen will, wie sie funktionieren. So ist es bei seinem Album, so war es bei seinem 2017 veröffentlichten Buch, für das er seinen eigenen Verlag gründete, und so ist es auch beim Kliemannsland. Wenn er Bock auf ein Projekt hat, schert er sich nicht darum, wie die Verkaufszahlen aussehen könnten. Deshalb ließ er „Nie“ auch nur in einer Auflage in Vinyl pressen und als CD produzieren. Wer bis zum 28. September kein Album vorbestellt hatte, ging leer aus. Kliemann sagt, er tue das, „weil er Musik machen möchte, die ewig währt, aber nur manchen etwas bedeutet“. Sein Album soll später nicht auf irgendwelchen Grabbeltischen liegen, weil zu viele davon produziert wurden. Es sei so eine Art Schutz für die Kunst.

Woher aber dieser Trieb kommt, alles ganz genau verstehen zu wollen, das kann Kliemann selbst gar nicht so genau benennen. „Vielleicht von der bescheuerten Idee, dass ich nie Kinder haben wollte, weil man denen alles Mögliche erklären können muss“, sagt er. Was natürlich ein bisschen schade ist, denn mit seiner Was-ist-was-Herangehensweise wäre er der ideale Typ, um Kindern Antworten auf alles Mögliche zu geben, angefangen bei simplen Fragen wie: „Wie schließt eigentlich ’ne Autotür?“ bis zu: „Was ist eine Quantenverschränkung?“ Dafür weiß Kliemann ganz genau, warum die meisten seiner Projekte – abgesehen vom Dauerprojekt Kliemannsland – One Shots bleiben. Wenn er ein Projekt abgeschlossen hat, ist bei ihm oft die Luft raus. Auch wenn er sich die Option auf ein weiteres Album offenhält.

Wobei es noch ein Dauerprojekt gibt, Kliemanns Medienagentur Herrlich Media. Die gründete er vor sieben Jahren zusammen mit Florian Bottmann als Ergebnis eines wüsten Brainstormings. Damals hätten die beiden sich zusammengesetzt und ausgehend von der Idee „Ich brauche niemanden, ich mach mein eigenes Ding, und ihr könnt mich alle mal“ (O-Ton Kliemann) überlegt, was für ein Startup sie gemeinsam gründen könnten. Dabei he­rausgekommen seien „ziemlich gute Ideen und auch ganz viel Schrott“, sagt Kliemann. Herrlich Media gehörte zu den ziemlich guten Ideen und sei zum wirtschaftlichen Rückgrat seiner „Spaßprojekte“ geworden, so Kliemann. Das Geld, das er mit der Agentur einnehme, erlaube es ihm, selbstbewusster in Verhandlungen mit Partnern seiner anderen Projekte einzusteigen – und eben kurzerhand einen Majordeal zugunsten einer D.I.Y.-Plattenproduktion auszuschlagen. Außerdem, so Kliemann, erde ihn die Agentur. Brot-Business als Gegengewicht zum Personenkult, der inzwischen um ihn herrscht.


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