Bullshit-Jobs: Vier Rätsel und fünf Thesen zum Sinn der Arbeit

Die geschilderten Widersprüche sind offensichtlich, aber wir haben uns einreden lassen, dass die Wirtschaft eben so funktioniert. Graeber fügt dem hinzu, dass sie weder so funktionieren muss, noch in der Vergangenheit so funktionierte. Seine Antworten auf die Rätsel, lassen sich in diesen fünf Thesen zusammenfassen:

1. These: Wert und Werte sind nicht das gleiche

Zwar wissen wir alle, dass Jobs im Bereich der Kunst und der sozialen Arbeit einen Nutzen haben, aber Bankmanager und Anwälte verdienen einfach mehr Geld. Den immateriellen gesellschaftlichen Wert ihrer Tätigkeiten kann man anzweifeln, aber durch den Gehaltsscheck bekommt er eine in Geldsummen gemessene Greifbarkeit. Das was Graeber unter Werten versteht, zeichnet sich demgegenüber dadurch aus, dass es nicht exakt gemessen werden kann. Das eine Kunstwerk ist vielleicht schöner als das andere, manchmal muss man die eigene Selbstverwirklichung hinter die Familie zurückstellen – aber solche Abwägungen beruhen nicht auf einer Kalkulation mit genau bezifferten Werten.

2. These: Manager-Feudalismus

Bullshit Jobs sind Teil einer gesellschaftlichen Ordnung, die auch darin besteht, dass Menschen konkurrieren und einander Posten zuschustern.

Das wusste schon 1955 der britische Soziologe Cyril Northcote Parkinson, als er scherzhaft die Lehrsätze formulierte:

  1. Jeder Angestellte wünscht, die Zahl seiner Untergebenen, nicht jedoch die Zahl seiner Rivalen zu vergrößern.
  2. Angestellte schaffen sich gegenseitig Arbeit.

Wer sich oben in der Hierarchie verorten darf, denkt vielleicht nicht so oft über den Sinn seiner Stelle nach. Es ist eine tief verwurzelte Einschätzung, dass gut verdienende Menschen vorher hart gearbeitet haben müssen. Das Einkommen wird als Gradmesser für Fleiß und Talent gedeutet. Dabei hatten die Betroffenen vielleicht auch einfach Glück oder einen Vorstandsvorsitzenden als Vater.

Dieser heutige Manager-Feudalismus unterscheidet sich nach Graber allerdings von der Adelshierarchie des Mittelalters dadurch, dass freie Handwerker dieser Tage sich nicht in die Produktion reinreden lassen mussten. Wenn ein Seiler oder ein Seifensieder vor ein paar Jahrhunderten seine Waren hergestellt hatte, dann erzählte ihm niemand, dass er bis 17 Uhr an seinem Arbeitsplatz bleiben müsse.

3. These: Arbeit wird zum Selbstzweck

Wir allerdings haben uns ziemlich gut an den Gedanken gewöhnt, Beschäftigung sei an sich etwas Gutes. Vielen Eltern ist es lieber, dass ihre Kinder irgendeinen Job machen, ober nun sinnvoll ist oder nicht. Graeber sieht darin die Auswirkungen einer alten theologischen Tradition, die in der Arbeit etwas Heiliges sieht – weil sie der göttlichen Schöpfung gleiche. Später argumentierten Denker wie Adam Smith oder Karl Marx, der Wert einer Ware entspringe primär der Arbeit und bei produjtiver Arbeits entstand etwas von Wert aus profanen Zutaten. Aber das führt gleich zum nächsten Problem:

4. These: Unsere Definition von Arbeit ist zu eng

Wenn Waren aufgrund der schöpferischen, produktiven Arbeit ihren Wert bekommen, was ist dann mit Arbeit, die nichts Greifbares produziert? Betreuungsarbeit wird meist schlecht bezahlt, obwohl fast niemand ihren Nutzen anzweifelt. Mit der industriellen Revolution setzte sich jedoch der Fabrikarbeiter als Inbegriff des Wertschöpfers durch. Tatsächlich wurde auch damals nicht hauptsächlich nur in Fabriken gearbeitet. Viele Arbeiterinnen im Zeitalter der Industrialisierung waren Dienstmädchen oder Kinderfrauen, viele Arbeiter Droschkenfahrer, Schuhputzer und so weiter. Diesen Tätigkeiten ist gemein, dass sie im weitesten Sinne Dienstleistungen sind. Das trifft auch auf viele Bullshit Jobs zu – nur weiß niemand, wem damit ein Dienst erwiesen wird. Sie können also weder aufgrund der Arbeit wertvoll sein (denn es gibt nichts zu tun), noch aufgrund des Nutzens für andere (der nicht feststellbar ist).

5. These: Zeit ist nicht das Maß der Arbeit

Die Entstehung von Bullshit Jobs wäre nicht ohne ein neues Verständnis von Zeit möglich. Einerseits gilt sie dabei als das Maß der Arbeit, andererseits als verkäuflich. Wenn man seinem Arbeitgeber vierzig Stunden zur Verfügung stehen muss und dafür bezahlt wird, gilt jede untätige Minute als verschwendet. Aber bei sinnlosen Tätigkeiten reagiert man darauf eben nicht mit mehr Einsatz – das würde ja zu neuen Bullshit-Tasks führen. Also lieber mehr Zeit lassen.

Oder wie Parkinson feststellte: „Arbeit dehnt sich in genau dem Maß aus, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht.“


Das Buch „Bullshit Jobs“ von David Graeber ist bei Klett-Cotta erschienen.


Jonas Bickelmann

Jonas studierte Philosophie und Politik in Berlin. Er schreibt über fast alles, weil Kunst und Wirtschaft auch Politik sind. Und weil RTL2 ein Thema der Philosophie sein sollte.

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