Warum es falsch ist, sich als Politiker*in aus Social Media herauszuhalten

Ein Gastbeitrag von Christiane Germann.

Gleich zwei große Namen haben kürzlich verkündet, dass sie ihre Facebook-Seiten aufgeben wollen: Bundeskanzlerin Angela Merkel und Grünen-Bundesvorsitzender Robert Habeck. Vorab: Beide aus sehr unterschiedlichen Gründen. Während Angela Merkel nach der Abgabe des CDU-Vorsitzes schlicht ihre Social-Media-Strategie anpasste, jammerte Robert Habeck in der Presse herum. Twitter und Facebook seien für ihn keine Dialogmedien, sie würden ihn lediglich „unkonzentriert“ machen und Fehler provozieren. Er setze deshalb jetzt wieder auf „direkten Austausch“ und „echte Gespräche“.

Habecks Statements zeugen von mangelndem Verständnis von Social Media und Digitalisierung, vielleicht sogar von Demokratie. Denn: Heutzutage sind eben neben Marktplätzen auch soziale Netzwerke ein Ort, an dem sich tagtäglich Menschen begegnen, austauschen, einmischen, informieren und Informationen teilen. Social Media sind selbstverständliche Mittel der Kommunikation und Meinungsbildung geworden, auch und gerade für Politik und Institutionen. Genau so wenig, wie ich einer Politikerin oder einem Politiker empfehlen würde, auf persönliche Gespräche zu verzichten, würde ich jemanden wählen, der im Zeitalter des digitalen Austauschs verlangt, dass ich zwingend zu ihm ins Bürgerbüro oder ins Parteizelt komme, um eine Frage stellen zu können. Viele Wählerinnen und Wähler haben dazu nicht die Zeit, die Möglichkeit oder auch die Lust. Einige sind fast nur noch digital erreichbar.

Heraushalten ist nicht

Social Media ist kein Trend, der wieder „weggeht“, sondern etwas, mit dem man wie mit der Globalisierung oder Digitalisierung schlicht umgehen muss. Für einen Politiker bedeutet das, dass Social-Media-Aktivität im Jahr 2019 ein selbstverständlicher und ernstzunehmender Teil seines Jobs ist. „Heraushalten“ geht nicht.

„Aktivität in sozialen Netzwerken“ bedeutet wiederum nicht, dass man zwingend überall gleichzeitig ein Profil oder eine Fanpage haben muss. Und schon gar nicht, dass man die gesamte damit verbundene Arbeit alleine stemmen muss. Die meisten twitternden und facebookenden Personen des öffentlichen Lebens lassen sich von professionellen Kommunikations-Teams unterstützen, was absolut verständlich und auch empfehlenswert ist. Passiert trotzdem mal ein Kommunikations-Patzer, dann verzeiht die Community diesen bei einer glaubhaften Entschuldigung auch schnell. Im übrigen können ja auch bei analogen Parteiveranstaltungen Versprecher gefilmt und ins Netz gestellt werden. Der Effekt ist dann der gleiche.

Ich empfehle Politikerinnen und Politikern übrigens, sich statt auf die Nachteile lieber auf die zahlreichen Vorteile einer Kommunikation über soziale Netzwerke zu konzentrieren. Ja, sie kostet Zeit und etwas Herzblut, aber viel weniger Geld als alle anderen Mittel der Öf- fentlichkeitsarbeit und Parteiwerbung. Wichtige Nachrichten können kostenlos innerhalb von Minuten mit einem Klick an die gesamte Öffentlichkeit gesendet werden. Gerade in der Krisenkommunikation ist das hilfreich.

Mit Humor, Marketing und radikaler Personalisierung rettete Christian Lindner die FDP 2017 vor dem Untergang. Unser Redakteur Daniel Erk widmete dem Relaunch eine ganze Titelgeschichte (Foto: Henning Ross/ Link zur Story via Foto).

Und auch das, was man aus der Community empfängt und zurück bekommt – vom „Like“ bis zur netten oder kritischen Rückmeldung – ist enorm wertvoll, um mitzubekommen, wie die eigene Arbeit draußen auf- und wahrgenommen wird. Der wichtigste Vorteil: Wer in sozialen Netzwerken mitmischt, überlässt die Deutungshoheit über wichtige Politik- und Gesellschaftsthemen nicht anderen.

Für viele Politikerinnen und Politiker ist Social Media aus all diesen Gründen das Kommunikationsmittel schlechthin: Mindestens Dorothee Bär und Christian Lindner haben über Robert Habecks Social-Media-Rants vermutlich den Kopf geschüttelt.

Übrigens geht man dann doch niemals so ganz: Sowohl die Kanzlerin, als auch der Grünen-Vorsitzende sind weiterhin bei Instagram aktiv. Und in Robert Habecks Instagram-Stories findet sich neuerdings ziemlich viel Text.


Christiane Germann ist Social-Media-Beraterin für Behörden und Verbände und Mitgründerin der Amt 2.0 Akademie. Sie arbeitete viele Jahre im öffentlichen Dienst, unter anderem als Social-Media-Managerin im Bundesinnenministerium. Heute schult und unterstützt sie Institutionen bei der Kommunikation über soziale Netzwerke. 


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