Entscheider: Muss man fastende Kollegen unterstützen?

Ja. Ich mache mir ja schon lange gar nichts mehr vor. Ich bin ein vollkommen und restlos schwacher Mensch. Umso staunender verfolge ich die Energie zehrenden Vorsätze und Bemühungen anderer Leute in meiner Umgebung. Denke ich ab und zu in ehrlichen Momenten tatsächlich mal darüber nach, nur noch zwei- statt viermal in der Woche die Mittagspause am Currywurststand zu verbringen, applaudiere ich innerlich jedem Kollegen, dem es gelingt, die angekündigte Woche ohne Zucker dann auch durchzuziehen.

Was uns zum Fasten bringt, diesem ex-religiösen Ding, das für den Büromenschen passend ausgehöhlt wurde. Würde ich ja gerne auch machen, schaffe ich aber nie im Leben. Doch jeder, den der Trainer in der E-Jugend mal aus der Startaufstellung gestrichen hat, weiß, dass es noch eine Variante gibt: Fan sein. Anfeuern. Bestärken. Das ganze Spektakel vom Seitenrand verfolgen und mitfiebern, ohne sich zu stark zu verausgaben. Und es sind wahnsinnige Szenen, die sich abspielen: Die Kollegin dringt tief in den Strafraum Küche ein, setzt gefährlich zum Griff zum Kühlschrank an – nur gutes Zureden und Ermuntern können sie in letzter Sekunde noch weggrätschen. Ein anderer Kollege meldet sich in der Lunch-Slack-Gruppe zu Wort, wo es denn heute Mittag hingeht? Moment, Moment, wurde da nicht noch neulich groß getönt, dass bis Ende des Monats nur Sauerkrautsaft, Glaubersalz und Wasser verzehrt werden? Die Privatnachricht mit den drei warnenden Zeigefinger-Emojis sorgt da schnell für Ruhe im Karton. Und fehlt da nicht ein Snickers in der Snackbox? Na, in wessen Mülleimer liegt die Verpackung wohl? Das alles ist spannend, vor allem, wenn man auf die einzelnen Fastenden zusammen mit den anderen Currywurst-Fans ein paar größere Scheine am Laufen hat.

Ob Fußball oder Fasten: Jeder echte Entscheider weiß, dass Machenlassen schon immer the way to go war. Und ich freue mich wie sonst nichts auf meine Zeit als Office-Abramowitsch. Im Ernst: Das schafft ihr!

Alexander Langer


Nein. Dieser Typus ehemaliger Raucher, der mit verspielt-schmerzlichem Lächeln seine Mitmenschen bittet, doch ihre Zigarettenpackung „wenn möglich“ im Büro nicht so offen liegen zu lassen. Nein, nicht weil er sich am Rauchen an sich stören würde. Er wisse doch selbst, wie viel „Spaß“ das Rauchen machen könne. „Also mir gemacht hat.“ Denn er sei ja so glücklich, dass er es endlich „aufgegeben“ habe. Nur eben „leider, leider“ so oft noch das Verlangen verspüre. Weshalb man, „sei so lieb“, doch bitte die Schachtel in die Tasche, Schreibtischschublade oder sonst wohin stecken möge.

Kein Problem, kann man nun sagen, ist ja nur eine Kleinigkeit. Vielleicht hält mancher die Koketterie des Kollegen mit der eigenen Verführbarkeit gar für irgendwie charmant. Aber ist sie das? Ist es hier nicht vielmehr so, dass jemand seinen Mangel an Selbstdisziplin versucht dadurch zu kompensieren, dass er Unbeteiligte auffordert, ihn vor sich selbst zu beschützen? Man könnte dieses Vorgehen soziale Selbstkontrolle nennen. Und selbst jetzt, wo eh kein Mensch bei Verstand mehr raucht, begegnet einem diese paradoxe Form des Versuchs, das eigene Unvermögen durch indirekte Fremdkontrolle einzufangen. Dann nämlich, wenn wie in jedem Frühjahr mindestens ein Kollege wieder sein christliches Restkulturerbe entdeckt und sich zwischen Aschermittwoch und Ostern eine Fastenzeit auferlegt, um endlich die im Winter aufgespeckten Kilos loszuwerden, weil es mit dem sportlichen Neujahrsvorsätzen halt doch wieder nicht geklappt hat.

Mal ganz abgesehen davon, dass dieser Track-Record schon bei ihm selbst Zweifel am Fastenprojekt wecken sollte, muss sich niemand zum Diät-Blockwart machen lassen und erst recht nicht das Bierfach im Bürokühlschrank leeren, nur damit dort Gemüseberge oder Saftkursäfte Platz finden. Guter Rat an den Kollegen: Nimm deinen Jahresurlaub, schließ dich ein, übe echt Willensstärke. Und nimm endlich deine ungenutzte Sporttasche mit, die seit Januar im Büro andauernd im Weg steht.

Christian Cohrs

Der Text stammt aus unserer aktuellen Ausgabe. Titel-Story: Der japanische E-Commerce-Unternehmer und Milliardär Yusaku Maezawa und warum er mit Elon Musk zum Mond fliegen wird. Außerdem gibt es ein Dossier zum Thema „Future City“. Darin besuchen wir eine Gruppe aus Architekten, Tüftlern und Gründern, die in Rotterdam gerade ein halbverrottetes Spaßbad saniert und ausprobiert haben und zeigen, wie man alte Häuser neu nutzen kann. Für mehr Infos hier entlang


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