Kolumne: Tijen Onaran über die Suche nach Ruhe im Speaker-Raum

Wer vor Publikum auftritt, braucht einen Ort, an dem er sich ein letztes Mal sammeln kann, ehe es auf die Bühne geht. Darum haben Schauspieler ihre Garderobe, und darum habe ich meinen Speaker-Raum. Dort kann ich mich frisch machen, ein Kleinigkeit essen, überprüfen, dass mir nichts zwischen den Zähnen hängen geblieben ist, und vor allem: meinen Vortrag durchgehen, weil ich das bei der Anreise in der Bahn natürlich nicht geschafft habe. Doch faktisch ist der Speaker-Raum leider kein Ort der Konzentration, sondern eine eigene Bühne, auf der jedes Mal das gleiche Drama aufgeführt wird.

Erster Akt.

Auftritt: der Moderator, Typ Thomas Gottschalk. Bestens gelaunt, lockerer Spruch beim Reinkommen. Es folgt ein Monolog: „Na? Aufgeregt? Nee, oder? Wie ich dich kenne, reinste Routine. Also, ich mach gleich das Intro. Dein Stichwort lautet ‚Queen der Digitalisierung‘, und im zweiten Block hole ich dich nach dem Typen von der Deutschen Bank rein. Wird schon schiefgehen. Hals- und Beinbruch und toi, toi, toi. Und keine Sorge, wenn du stockst, spring ich direkt rein. Weißt doch: Ein Moderator ist ein Mensch, der schneller spricht, als er denkt. Hahaha. In diesem Sinne, bis später!“ Moderator ab. Ich: „Uff.“ (Zu mir): „Jetzt der Vortrag.“ Es klopft.

Zweiter Akt.

Auftritt: zwei andere Speaker. Speaker 1: „Sorry, Tijen. Ich wollte nur kurz mit dir die Argumentationslinien unserer Vorträge abklären, damit es keine Doppelungen gibt.“ Speaker 2: „Manche würden ja am liebsten ihre Diskussionsbeiträge absprechen. Schade, meine Meinung.“ Speaker 1 (stöhnt): „Das ist Standard bei allen, die dem Publikum Mehrwert liefern wollen und nicht nur sich selbst beim Reden zuhören. Meine Meinung.“ Speaker 2 verdreht die Augen. Speaker 1: „Also, ich fange mit einem Wimmelbild an.“ Speaker 2 (zwinkert mir zu): „Kein Vortrag ohne Wimmelbild.“ Speaker 1: „Danach erkläre ich das Ganze anhand einer Data-Journey. Wäre super, könntest du mich nach Cloud und Datenschutz fragen.“ Speaker 2: „Mach ich! Spontan aus dem Publikum. Wie deine Mutter letztens.“ Verlässt lachend den Raum. Speaker 1 wütend hinterher. Ich greife zu meinem Manuskript, die Tür springt auf.

Dritter Akt.

Auftritt: der Veranstalter. Betritt hektisch den Raum und wischt sich den Schweiß von der Stirn. „Frau Onaran! Schön, dass wir uns endlich mal persönlich kennenlernen! Haben Sie auch alles, was Sie brauchen?“ Ich: „Ja, alles prima. Ich war nur gerade dabei, noch mal kurz meinen Vortrag …“ Veranstalter: „Ah, sehr gut. Soll ja nichts schiefgehen. Die Sponsoren sind auch schon da. Erste Reihe, von Ihnen aus gesehen linker Hand. Nur damit Sie Bescheid wissen. Nach der Veranstaltung haben wir sicher noch Zeit, uns zu unterhalten.“ Ich: „Ja, gerne!“ Veranstalter: „Schön, sehr schön. Ich muss weiter, kleines Problem mit der Technik. Aber wir sehen uns auf jeden Fall später!“ Ab und nie wieder gesehen. Noch wenige Minuten bis zum Auftritt. Die brauche ich wirklich. Durchatmen, Konzentration. Es klopft.

Vierter Akt.

Auftritt: Der Fotograf. „Entschuldige? Darf ich kurz stören?“ Ich (ermattet): „Ja, natürlich.“ Fotograf: „Es dauert nur eine Minute. Wir streamen die Veranstaltung live, und ich würde gerne eine kleine Stimmung einfangen. Bereit?“ Ich (ohne Ton): „Ja.“ Fotograf: „Wir befinden uns hier im Speaker-Raum, wo die Redner sich in Ruhe auf ihren Vortrag vorbereiten. So, Tijen, du musst gleich raus auf die Bühne: Was hast du in der letzten halben Stunde gemacht?“


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Der Artikel stammt aus unserer aktuellen Ausgabe. Titelstory: Wieso Nico Rosberg sich nach seinem radikalen Karriere-Schlussstrich 2016 gerade als Investor in Zukunftstechnologien neu erfindet. Außerdem haben wir ein Dossier zum Thema Travel Biz für euch. Darin berichten wir unter anderem über Away, das New Yorker Koffer-Startup, das mit clever konzipiertem Gepäck gerade zur Love-Brand der Millennials wird. Mehr Infos gibt es hier.


Tijen Onaran

Als Gründerin, Speakerin und Netzwerkerin ist unsere Kolumnistin den ganzen Tag unter Leuten und freut sich darum auf Momente der Ruhe und Konzentration. Nur leider gibt es Menschen, die ihr das nicht gönnen.

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