Nico Rosberg über seine zweite Karriere als Investor für Zukunftstechnologien

Ex-Formel-1-Weltmeister Nico Rosberg ist zurück: Er pusht die Mobilität der Zukunft – und startet eine zweite Karriere als Ökotech-Investor.

Der Verkehr staut sich durch das ganze Land. Auf der D6007, die sich in eleganten Serpentinen runter zum Meer schlängelt. Im Tunnel Albert II, der in einem weiten Bogen in den Berg und wieder hinaus führt. An der Haarnadelkurve an der Place Wurttemberg, vorbei an der „Monaco Top Cars Collection“, am Monte Carlo wieder hoch und durch den Tunnel Larvotto hindurch.

Nico Rosberg aber, der Mann, der früher einmal so schnell Auto gefahren ist wie sonst niemand auf der Welt, sitzt in einem Audi E-Tron und klopft langsam mit der linken Hand auf den schmalen Bereich neben der Fensterscheibe auf der Türverkleidung. So ist Monaco an einem Montagabend eben. Jeder Meter zugebaut, alle Straßen optimiert, Tunnel und Brücken und scharfe Kurven. Trotzdem: Schritttempo im Steuerparadies.

Rasen ist nachrangig

Rosberg aber ist geduldig. An diesem Abend geht es nicht darum, möglichst schnell hin und her zu rasen, auch wenn links und rechts des Quai Albert I schon die ersten Aufbauten des demnächst stattfindenden Grand Prix von Monaco zu sehen sind. Überhaupt das Rasen, das ist für Rosberg heute nachrangig. Ihm geht es mittlerweile um andere Dinge: grüne Energie. Nachhaltigkeit. Techprojekte, die die Welt zu einem saubereren Ort machen sollen.
Rosberg hält am Quai Rainier III, der Außenmauer des Hafens von Monaco, wo die großen Kreuzfahrtschiffe anlegen. Von hier aus hat man den berühmten Blick über Monaco: vorne dicke Yachten, hinten dieser Fels namens Monte Carlo, dazwischen ein architektonischer Albtraum aus aufgestapelten Pauschalurlaubshotels. Rosberg zückt sein Handy. „Hier, habt ihr das gesehen?“

Vor wenigen Wochen saß Rosberg nämlich genau an dieser Stelle in einem Porsche GT2 RS, um ein Drag-Race für seinen Youtube-Kanal zu filmen. Simples Prinzip: gerade Strecke, zwei Autos und zwei Fahrer beim Kick-down. Das Besondere an diesem Duell im Hafen von Monaco aber war, der Wettbewerber des Porsche war ein voll elektrischer Tesla 3. Ein Auto, das ein bisschen aussieht, als würde damit auch hervorragend der Wocheneinkauf im heimatlichen Einkaufszentrum erledigt werden können. Ein ungleiches Duell. Ein Duell nämlich zwischen Benzin und Strom, zwischen Tradition und Moderne, wohl auch zwischen der Vergangenheit und der Zukunft der Mobilität. Vor allem war das Rennen zwischen dem Porsche und dem Tesla, das genauso inszeniert war wie diese Autorennspiele am Computer, das perfekte Sinnbild für das alte und das neue Leben von Nico Rosberg. Die allermeisten Menschen kennen Rosberg, 33, nämlich als Motorsportler, als Rennfahrer, als Formel-1-Weltmeister. Und als den Mann, der das alles so scheinbar locker und leicht aufgab wie kaum ein Spitzensportler vor ihm.

Foto: Marcel Wogram

Raus aus dem Kreis

Ein Vierteljahrhundert im Motorsport, elf Jahre in der Formel 1 und damit im Grunde sein komplettes Leben hatte Rosberg, Sohn der Formel-1-Legende Keke Rosberg, auf den Sieg in der Königsklasse hingearbeitet. Hatte sich gequält, körperlich wie seelisch, hatte ein Leben gelebt, das gerade noch so den Namen Leben verdiente. Alles für diesen einen Moment: mit Höchstgeschwindigkeit über die Ziellinie zu rasen und zu wissen, dass man bei 21 Grands Prix in der Saison die meisten Punkte beim „im Kreis fahren“, wie Rosberg es selbst manchmal nennt, geholt hat und damit also Weltmeister geworden ist.

Genau fünf Tage nach diesem Sieg trat Rosberg vor die Presse: „Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um bekannt zu geben, dass ich mich entschlossen habe, meine Formel-1-Karriere in diesem Moment hier zu beenden.“ Rosberg lächelte unsicher. In den Presserängen herrschte entsetztes Schweigen. „25 Jahre lang habe ich alles für die Rennen gegeben“, sagte Rosberg schließlich nervös, vielleicht sogar den Tränen nahe. Dann war Schluss. Schluss mit der Formel 1. Schluss mit dem Leben als Rennfahrer. Schluss mit dem Vertrag mit Mercedes, der Rosberg noch mal gut 17 Mio. Euro hätte einbringen können. Damit hatte Rosberg, der zu diesem Zeitpunkt von seinem neuen Leben noch gar nichts ahnte, schon den ersten wichtigen Schritt in die Welt der Startups und Investments gemeistert: Denn was ist schon der Unterschied zwischen einem Pivot und einem derartigen U-Turn?

„Das war ein beängstigender Moment, weil ich gar keinen Plan hatte“, sagt Rosberg, als er im Hafen von Monaco wieder ins Auto gestiegen ist. „Ich habe geschaut: Was haben andere Spitzensportler danach gemacht? Aber es gibt so wenige Beispiele, die tatsächlich geschafft haben, sich komplett neu zu erfinden.“ Was daran liegen mag, dass alle Maßstäbe durch den Profisport und solche Erfolge so irre verrückt sind, sagt Rosberg: „Sport ist so groß, das legt die Messlatte furchtbar hoch. Hinterher nochmals in diesen Dimensionen Erfolg zu haben ist wirklich schwierig.“ Aber Rosberg war fest entschlossen: Er wollte nicht für den Rest seines Lebens ein Has-been sein.

Also entschied er sich teilweise gegen die lukrativen Angebote als Grüßaugust und Brand-Ambassador, gegen die Werbeverträge, die nur seine Bekanntheit wollten, ohne wirklich auf den Rebrand der Marke „Nico Rosberg“ einzuzahlen. Lieber wollte er den Neustart. Aber einen richtigen. Es war wieder ein bisschen wie früher bei den Rennstarts: kurz abwarten, timen. Und dann, im richtigen Augenblick, wieder Vollgas geben. It’s lights out – and away we go.
Um zu verstehen, warum Rosberg so radikal den Schnitt mit der Vergangenheit und den Schritt in die Öffentlichkeit sucht, muss man ein paar Jahre zurückgehen: zu den Abzweigungen und Kurven in der Karriere des Nico Erik R.
Da ist zum Beispiel das Jahr 2002, in dem Rosberg nicht nur in der deutschen Formel BMW in einem vom kürzlich eingegangenen Musiksender Viva gesponserten, blau-gelben Rennwagen, sondern auch medial durchstartete. Der Deal war für beide Seiten klug, aber auch ungewöhnlich: Viva bekam neben dem Logo auf dem Wagen auch eine Dokusoap namens „Nicodrom“. Rosberg erhielt im Gegenzug neben dem Wagen und Geld ein eigenes TV-Format und konnte sich an der Seite von Michael Schumacher, Mika Häkkinen und Nick Heidfeld inszenieren.


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