Ben Cohen: „Wir waren beide Loser und hatten nichts zu verlieren“

Angefangen hat es 1978 mit einem kleinen Scoop Shop in Burlington, Vermont, in einer umgebauten Tankstelle. Die Freunde Ben Cohen und Jerry Greenfield eröffnen ihre erste Eisdiele. Nicht, weil sie so überzeugt von ihrer Idee sind. Sondern weil ihnen nichts Besseres eingefallen ist. Über die Jahre verschreibt sich das Unternehmen dem Caring Capitalism – und wird 2000 für 345 Millionen vom niederländisch-britischen Konzern Unilever aufgekauft. Die soziale Mission bleibt trotzdem, ein unabhängiger Vorstand wird eingesetzt. Auch 40 Jahre später steht der Speiseeishersteller für fair gehandelte Produkte, soziales Engangement und verantwortliches wirtschaftliches Handeln. Im Berliner Scoop Shop in der Weinbergstraße, der Anfang Juli eröffnet hat, erzählt Ben bei einer Portion Eis, wieso er am Anfang kein guter Boss war und wie man den Mut findet, selbst zu gründen.

Ben, wieso Eiscreme?

Wir wollten eigentlich ein Restaurant eröffnen, aber ein Freund hat uns abgeraten.

Aus welchem Grund?

Zu viel Konkurrenz. Dann standen nur noch Bagels und Eis zur Auswahl. Und letztlich haben wir uns doch fürs Eis entscheiden, weil wir da nicht so viel investieren mussten. Die Betriebskosten für die Maschinen und so weiter hätten wir uns nämlich gar nicht leisten können. Also haben wir die günstigere Lösung gewählt, einen Fünf-Dollar-Fernlehrgang absolviert und Jerry hat ein großes hochkompliziertes Buch gelesen. Und dann haben wir an einer Tankstelle den ersten Scoop Shop aufgemacht.

Der erste Scoop Shop in Verlington eröffnet im Jahr 1978. Copyright: Ben & Jerry’s

 

Das war vor über 40 Jahren. Gefällt dir, was dabei rausgekommen ist?

Na klar. Immerhin dachten wir am Anfang, wir machen das jetzt ein paar Jahre, verkaufen den Laden danach und fahren als Sattelschlepper durch die Gegend. Aber so einfach, wie wir uns vorgestellt haben, war es nicht.

Sondern?

In der Anfangszeit hat es sich eher so angefühlt, wie wenn man von einer Klippe stürzt und sich an jedem noch so kleinen Zweig festhalten will. Wir haben 24/7 gearbeitet und Eiscreme war alles, womit wir uns beschäftigt haben. Der Erfolg kam erst schrittweise. Für uns war es definitiv leichter, großartiges Eis zu machen, statt Geld zu scheffeln.

Wenigstens wart ihr befreundet.

Das stimmt. Wir haben uns im Sportunterricht kennengelernt, weil wir die zwei langsamsten und pummligsten Kinder in der Klasse waren. Also sind wir miteinander abgehangen, durch die Gegend gefahren und haben gemeinsam Musik gehört. Als ich irgendwann kein Geld und keine Wohnung hatte, bin ich zu Jerry getrampt, weil er von all meinen Freunden geografisch am nächsten war. Und er hat mich ein paar Monate lang bei sich schlafen lassen. Nach dem College wurde Jerry nicht fürs Medizinstudium angenommen und ich konnte nicht als Töpfer arbeiten. Wir waren beide Loser und hatten nichts zu verlieren. Deswegen war es ein guter Zeitpunkt für uns, etwas zu riskieren. Was dabei herausgekommen ist, mag ich eigentlich ganz gerne.

Eis zur Ehe-für-alle. Copyright: Ben & Jerry’s

Nie daran gedacht, alles hinzuschmeißen?

Nein, wieso denn? Ich bin selbst angestellt und jetzt nicht mehr viel mit Management zu tun. Viele Menschen wünschen sich so einen Job, wie ich ihn habe. Ich bin zufrieden.

Womit im Speziellen?

Wir waren damals neben ein paar anderen die Pioniere der Social Businesses, die ihre Macht und Verantwortung benutzen, um sich für das Wohl der Gemeinschaft einzusetzen. Ich bin froh, die Firma zu repräsentieren und zu unterstützen. Weil sie sich was ums Gemeinwohl schert. Hier in Berlin geht es beispielsweise darum, Barrieren wegzuschmelzen und geflüchtete Menschen willkommen zu heißen. Wir haben die Verantwortung, uns um diejenigen zu kümmern, die unsere Hilfe brauchen.

Die ersten Pints. Copyright: Ben & Jerry’s

Diese Verantwortung nutzen aber nicht alle Unternehmen so wie ihr.

Den meisten Unternehmen geht es nicht darum, die Lebensqualität der Community zu verbessern. Für sie steht der Profit im Mittelpunkt. Deswegen interessieren sie sich nicht dafür, welche Auswirkungen ihre Handlungen haben. Sie kümmern sich hauptsächlich um Qualität, Auslieferungszeit und Preis. Und das hat eben eine Menge negative Aspekte zur Folge.

Was macht Ben & Jerry’s denn anders?

Wenn du eine soziale Mission hast, kümmerst du dich auch um den Affekt, den dein Produkt auf die Community hat. Das macht deinen Job viel bedeutender und hilft dir, beim Recruiting die richtigen Entscheidungen zu treffen. Die Werte müssen das Unternehmen führen und am Anfang jedes Strategieplans stehen. Bei Ben & Jerry’s bauen wir durch gemeinsame Werte auch eine tiefgründige Basis zwischen der Firma und den Kund*innen auf.

Also habt ihr von Anfang an alles richtig gemacht.

Nein, gar nicht. In den ersten Jahren war ich zum Beispiel kein besonders guter Chef. Damals hab ich mich immer nur auf das konzentriert, was schiefging. Natürlich war das auch irgendwie meine Aufgabe als Chef. Aber es gehört eben auch dazu, Mitarbeiter*innen im richtigen Moment für das zu loben, was sie gut hinbekommen haben. Das habe ich nicht gemacht, weil ich zu verbissen war.

Was soll das heißen?

Das kann man mit einem Bankautomaten vergleichen: Wenn du positives Feedback gibst, steckst du Geld rein. Wenn du negatives Feedback gibst, nimmst du Geld raus. Aber wie soll das funktionieren, wenn du nie was reingesteckt hast? Gar nicht. Das habe ich erst im Laufe der Jahre gelernt.

Der Berliner Scoop Shop am Tag der Eröffnung. Copyright: Lena Heckl

Wie findet man die Firmen, die die richtigen Werte vertreten – und auch noch gut bezahlen?

Meiner Meinung nach ist es erst mal gut, überhaupt Werte zu haben, auf die man sich berufen kann, und nach Firmen zu suchen, die diese unterstützen. Denn wenn du zwar gut verdienst, aber in einer Firma arbeitest, mit deren Werten du nicht übereinstimmst, wirst du an anderer Stelle dafür bezahlen …

Soll heißen?

Deine Alkoholrechnung wird wahrscheinlich ziemlich hoch sein. Und im schlimmsten Fall kann man immer noch etwas selbst aufziehen.

Den Mut haben nicht alle.

Wir hatten damals ja nichts zu verlieren. Für uns war es ein guter Zeitpunkt, etwas zu riskieren. Denn es gibt immer unendlich viele Gründe, irgendetwas nicht zu tun. Dann lohnt sich die Frage, was wohl das Schlimmste ist, was passieren kann. Jerry sagt manchmal, er habe keine Angst davor, zu versagen. Und Edison, der Typ, der die Glühbirne erfunden hat, hat über sich selbst gesagt, dass er nie etwas falsch gemacht that. Er hat einfach nur 100 Wege herausgefunden, wie man keine Glühbirne entwickelt.


Juli Katz

Juli Katz liebt Wirtschaftsthemen erst seit Kurzem, dafür aber intensiv.

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