Warum die neuen Sprachreisen eine Challenge für das Unternehmen sind

Vor Kurzem hat die Sprachlern-App Babbel ihr Angebot um Sprachreisen ergänzt. Gründer Markus Witte hat uns erzählt, wie dieser Markt tickt und warum der neue Geschäftszweig einige Challenges fürs Unternehmen mit sich bringt

Herr Witte, Babbel hat vor Kurzem den Ableger Babbel Travel gelauncht – ein Portal zum Buchen von Sprachreisen. War die Idee neu oder gab es den Plan schon immer?

Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Bislang haben wir uns immer darauf konzentriert, das Sprachenlernen online zu ermöglichen. Aber mehr und mehr wurde deutlich, dass unsere Kunden nicht nur unsere App nutzen, sondern auch andere Möglichkeiten, Sprachen zu lernen,wahrnehmen. Eine Zeit lang waren wir deswegen fast ein bisschen eifersüchtig. Irgendwann haben wir aber erkannt, dass das eigentlich genau richtig ist. So toll eine App am Anfang ist und so schön es ist, die immer dabei zu haben – irgendwann will man mehr. Deswegen haben wir gesagt: Wir müssen nicht nur dulden, dass unsere Kunden Sprachreisen machen und in Sprachschulen gehen, sondern wir müssen helfen, passende Angebote zu finden und zu identifizieren.

War das denn bislang so schwierig?

Der Markt ist komplett intransparent. Da kann man nicht einfach mal ins Internet gehen und schnell irgendwas buchen. Es gibt ein paar große Anbieter, aber größtenteils sind die Sprachschulen total fragmentiert. Häufig sind das Familienunternehmen, außerdem arbeiten in dem Bereich viele Freiberufler und Kleinunternehmer, die mal als Lehrer angestellt waren und irgendwann ihr eigenes Ding machen wollten. Diese Familiarität und Wärme ist häufig genau das, was die Leute wollen. Aber das Problem ist, da musst du zum Teil noch anrufen, dann hörst du Papier rascheln, und dann sagt jemand: „Wir hätten dann und dann noch einen Platz frei“.

Die Digitalisierung ist in der Branche also noch nicht angekommen?

Das ist eine riesige Spanne. Natürlich gibt es welche, die von vornherein digital denken, aber generell sind Schulen nicht die ersten, die digitalisieren. Insgesamt gibt es schon eine Digitalisierung in der Branche, die findet aber viel mehr vor Ort statt: Da steht dann ein Computer, auf dem du deinen Einstufungstest machst. Das ist viel eher die Denke der Sprachschulen, als dass man einen echten Online-Zugang hat.

Abgesehen davon, dass man Sprachreisen bei Babbel nun online buchen kann – wie heben Sie sich von der Konkurrenz ab?

Wir haben einfach richtig viel Kompetenz im Bereich der Sprachvermittlung, da gibt es nicht viel Konkurrenz. Außerdem verkaufen die Sprachschulketten nur ein einziges Produkt. Wir aber haben ein breites, kuratiertes Angebot und eine persönliche Beratung, denn wir haben sehr viel Fachkenntnis, was für wen unter welchen Umständen passt. Das macht sonst keiner.

Die Branche hat vermutlich nicht gerade euphorisch auf Ihr neues Business reagiert.

Die Zeit, dass die Sprachschulen Angst vor uns haben, weil sie glauben, wir nehmen ihnen den Job weg, ist lange vorbei. Es ist allen klar geworden, dass wir eher der Türöffner sind als der Disruptor. Und es ist allen klar, dass wir jetzt nicht selber Sprachschulen aufmachen und glauben, das eh alles besser zu können. Wir sind sehr auf Kooperation ausgerichtet. Dadurch ist es auch relativ einfach für uns, das Angebot zusammenzustellen. Und mit Lernern stehen wir ja sowieso in Kontakt. Dafür kommen jetzt zig andere Herausforderungen.

Zum Beispiel?

Bisher sind das Fragen wie: Wie genau läuft der Buchungsprozess? Wie viel Beratung braucht wer? Kann man über Musteranalyse herausfinden, was für wen passen könnte? Und: Die Leute wollen plötzlich mit uns sprechen. Bisher wollten sie das auch manchmal, denn wir haben einen Inhouse-Kundenservice, bei dem du richtig anrufen kannst. Aber dass jemand in dem Entscheidungsprozess mit uns sprechen will, ist völlig neu. Die Buchung der Sprachreisen erfolgt zwar online, aber irgendwann in dem Prozess wollen die Kunden schon mit einem sprechen. Das ist ja auch ein anderes Investment, als eine App zu kaufen.

Was bedeutet es für Ihr Unternehmen, einen zweiten Geschäftszweig einzuführen, der völlig anders funktioniert als das Kerngeschäft? Läuft so etwas smooth ab?

Da ist die große Herausforderung: Das neue Thema ist im Verhältnis zum Kerngeschäft winzig, aber es ist ein Teil der Zukunft des Unternehmens, darum wollen wir es priorisieren. Nur konkurrieren beide Bereiche zum Teil um dieselben Ressourcen. Das ist gar nicht einfach. Da müssen wir immer wieder entscheiden: Investieren wir jetzt in eine Zukunft, die wir noch nicht kennen? Oder in den Kern, von dem wir wissen, dass es funktioniert?

Und? Risiko oder Nummer sicher?

Wir haben das Problem dadurch gelöst, dass wir beide Bereiche so weit wie möglich separiert haben, um Abhängigkeiten zu vermeiden. Das geht aber nur bis zu einem bestimmten Punkt, weil wir ja nicht ein unabhängiges Sprachlernangebot machen wollen, sondern eins für unsere Kunden. Aber das Beruhigende ist: Das geht nicht nur uns so. Das Problem hat jede Firma, die mit einem Produkt anfängt und plötzlich ein zweites Angebot macht. Ich behaupte mal, der Schritt von zehn auf elf Produkte ist gar nicht so wild. Aber von einem auf zwei ist einfach ein krasser Schritt.


Tanja Lemke

Tanja ist Print-Redakteurin bei Business Punk. Wenn sie nicht gerade über Startups oder Musik schreibt, tingelt sie mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit durch irgendein asiatisches Land.

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