Handtücher aus Holz: Wie drei Hamburger eine ressourcen-positive Textilmarke aufbauen

Drei Hamburger Dudes wollten ein wirklich nachhaltiges Produkt machen – und landeten nach einiger Recherche bei Handtüchern. Ihre Marke Kushel verspricht: Wer sich damit trocken rubbelt, rettet die Welt. Zumindest ein bisschen.

Klimaschutz ist ja schön und gut, aber deshalb jeden Morgen kalt duschen? Will wohl kaum einer. Und: Handtücher aus Holzfaser? Klingen fies, hart und kratzig. Heißen aber erstaunlicherweise Kushel. Mattias Weser, einer der drei Gründer und Brand-Manager der Hamburger Marke, erklärt, wie man aus Bäumen kuschelige Handtücher und aus einer für die Umwelt guten Idee ein wirtschaftlich arbeitendes Unternehmen macht.

Herr Weser, Handtücher waren bisher unverdächtig und galten nicht als große Klimakiller. Oder doch?

Viele Hersteller*innen, und das betrifft nicht nur Handtücher, sondern alle möglichen Heimtextilien, setzen auf den Oeko-Tex Standard 100 oder GOTS-Baumwolle – den Global Organic Textile Standard. Das ist schön, aber weit entfernt von der Lösung des Problems. Darauf angesprochen, sagen sie: „Mehr kann man ja nicht tun!“ Aber das ist hilfloses Getue. Die verstecken sich da hinter hübschen Siegeln, die noch dazu wie im Falle Oeko-Tex nicht viel mehr sagen, als dass da keine für den Menschen giftigen Stoffe drin sind. Über die Nachhaltigkeit des Produkts gibt das keinerlei Aufschluss. Bei Baumwolle an sich ist der Wasserverbrauch das große Problem, der ist nämlich immens. Dazu kommt der Einsatz von Pestiziden und so weiter.

Aber wenn erfahrene Handtuch­macher*innen einfach behaupten, dass man nicht mehr tun kann?

Wir wollen Machbarkeit zeigen: Man kann wirtschaftlich agieren und zugleich nachhaltig sein. Das zu beweisen ist genau unsere Mission. Mehr noch sogar: Wir wollen klimapositiv sein.

Klimapositiv ist quasi die Steigerung von klimaneutral?

Genau. Wir wollen der Umwelt mehr Ressourcen zurückgeben, als wir bei der Produktion verwenden. Denn plus/minus null würde die Welt nicht retten, sondern den Untergang nur verlangsamen. Unsere Klima- und Ressourcenpositivität läuft über drei Stufen: Die erste, das Materialsourcing, ist am entscheidendsten. Momentan können wir da 44 Prozent CO und 98 Prozent Wasser einsparen. Was wir in der Supplychain an Ressourcen verbrauchen, kompensieren wir durch den Kauf von Goldstandard-Zertifikaten – wobei das das Einfachste ist. Zertifikate kaufen kann schließlich jeder. Am Ende pflanzen wir pro gekauftes Handtuch noch zwei Bäume.

Wie können Sie bei der Materialbeschaffung so viel Wasser einsparen?

Wir setzen auf einen Materialmix aus 70 Prozent Biobaumwolle und 30 Prozent Holzfasern aus Rotbuchen. Denn Bäume brauchen im Gegensatz zu Baumwolle keine externe Bewässerung und keine Pestizide. Und auch im Bereich der Biobaumwolle gibt es natürlich Unterschiede je nach Region und technologischen Standards.

Holzfasern klingen ehrlich gesagt ziemlich hart und kratzig.

Im Gegenteil. Die Tencel-Modal-Fasern, mit denen wir arbeiten, sind weicher und saugstärker als Baumwolle. Das war ein extrem wichtiges Kriterium bei der Produktentwicklung. Wir hätten auch Hanffasern nehmen können, aber die sind eben nicht so weich und bilden schnell so kleine Knötchen. Damit hätten wir zwar ein supernachhaltiges Produkt, aber wir würden es nicht verkaufen. Oder vielleicht nur an diejenigen, die ohnehin schon total nachhaltig motiviert sind. Das ist aber eine sehr kleine Zielgruppe. Wir wollen den Mainstream erreichen. Und der Mainstream kauft nun mal in erster Linie Dinge, die ihm selbst etwas bringen: ein geiles Produkt, eine coole Brand, mit der man sich und sein Selbstbild schmückt, oder etwas mit einem guten Preis.

Klingt nach äußerst kommerziellen Überlegungen – für ein nachhaltiges Produkt.

Wirtschaft ist der Katalysator, um Nachhaltigkeit voranzubringen. Natürlich wäre es das Allerbeste, wenn wir alle aufhören würden, uns ständig noch mehr Müll zu kaufen. Da das aber unrealistisch ist, glauben wir, dass man die Gier der Wirtschaft triggern und zeigen muss: Man kann sich mit Nachhaltigkeit profilieren. Und zwar mit echter Nachhaltigkeit, nicht mit Greenwashing-Kampagnen.

Und was hat es mit den gepflanzten Bäumen auf sich?

Also, es ist nicht so, dass wir einen Baum fällen, Handtücher daraus machen und dann genau dort zwei neue Bäume pflanzen. Die Wälder in Österreich und Umgebung, aus denen unsere Holzfasern kommen, werden ohnehin permanent nachhaltig aufgeforstet. Und würde man so rechnen, müsste man nur für jedes zehnte Handtuch einen Baum pflanzen, um klimapositiv zu sein. Aber: Wir pflanzen lieber mehr. Mit unterschiedlichen Organisationen pflanzen wir pro Handtuch zwei Bäume, die nicht als Nutzholz enden sollen. So haben wir in Hamburg 10.000 Bäume mit der Klimapatenschaft-Pflanzaktion gepflanzt. Und noch viel mehr mit Plant-for-the-Planet in Mexiko und Trees for the Future in Tansania. Insgesamt sind es aktuell um die 60.000 Bäume.

Sie verkaufen große Handtücher, kleine, ein Babyhandtuch. Neu dabei ist ein Bademantel. Ist das Produktportfolio damit voll?

Nein, als Nächstes wollen wir das Schlafzimmer erobern und dann ganz gemütlich zur Couch grooven und uns da einkuscheln. Wir wollen also über kurz oder lang das kuschelige Vollsortiment im Heimtextilbereich anbieten.


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Nina Anika Klotz

Nina Anika Klotz arbeitet als freie Journalistin in Berlin. Sie schreibt u.a. für Business Punk, Zeit Online, Mixology und Effilee. Am liebsten über Essen und Trinken. Nein, stimmt nicht, am allerliebsten schreibt sie über Bier. Craft Beer. 2013 gründete sie „Hopfenhelden“, Deutschlands erstes Craft Beer Onlinemagazin.

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