Wie das Banking-Startup Tomorrow den CO2-Fußabdruck seiner Kund*innen kompensiert

Möchte man seinen Lebensstil umkrempeln und etwas zum Thema Nachhaltigkeit beisteuern, hat man das eigene Girokonto eher als letztes auf der Checkliste. Kein Wunder, assoziiert man Banken in erster Linie mit Finanzen und nicht mit CO2-Emissionen und Investitionen in moralisch verwerfliche Rüstungsunternehmen.

Das Fintech-Startup Tomorrow will den Finanzsektor durch nachhaltiges Banking aufmischen und bietet seinen Kund*innen das erste Zero-Waste-Konto an. Damit wollen sie unter anderem den CO2-Fußabdruck der Kund*innen kompensieren. Wir haben mit Lilli Staack, Communications-Managerin bei Tomorrow, über das CO2-neutrale Konto gesprochen und warum sich moderne Banken in Sachen Nachhaltigkeit verpflichtet sehen müssen.

Was ist nachhaltiges Banking?

Lilli Staack: Geld arbeitet, sagt man so schön – aber woran? Beim Girokonto nutzen Banking-Anbieter*innen das Geld ihrer Kund*innen, um damit Kredite zu vergeben oder Investitionen zu tätigen. Heutzutage wird Geld auf diese Weise oft zu einem Teil des Problems: Es finanziert Branchen, die auf Kosten künftiger Generationen wirtschaften. Das kann die Rüstungsindustrie sein oder das Kohlekraftwerk, die Liste ist lang. Das möchten wir mit Tomorrow ändern. Das tun wir auf zwei Arten:

Erstens: Einlagenverwendung. Die Gelder, die auf den Konten der Kund*innen liegen, werden von der Bank investiert und vermehrt. Statt Rüstung und dergleichen investieren wir das Geld der Kund*innen in Mikrofinanzen und Green Bond.

Zweitens: Interchange-Fee aka die Interchange-Fee. Bei jeder Zahlung fließt ein Anteil vom Händler an die Bank. Statt selbst einzustecken, investieren wir ihn in den Klimaschutz. Mit jeder Zahlung werden Bäume im brasilianischen Regenwald geschützt. Das ist nicht nur gut für die Völker, die dort sonst von der Agrarindustrie vertrieben werden, sondern auch, weil diese Bäume natürlich riesige Mengen an CO2 binden.

Lilli Staack ist Communications-Managerin bei Tomorrow.

Ihr bietet jetzt ein Zero-Waste-Konto an. Wie wird durch das Konto CO2 kompensiert?

Wir kompensieren für jede*n Tomorrow-User*in CO2. Und zwar so viel, wie jede*r durchschnittliche Deutsche emittiert, das sind im Jahr etwa 11,3 Tonnen, im Monat also etwas weniger als eine Tonne. Hierfür arbeiten wir mit unserem Partner-Unternehmen ClimatePartner zusammen und investieren konkret in drei Projekte, die auf unterschiedliche Weise CO2 einsparen.

In welche Projekte investiert ihr und ist das alles tatsächlich „green“?

In Peru wird durch die Unterstützung von Kleinbauer*innen der Regenwald geschützt. In Vietnam werden Biogasanlagen installiert. In Uganda entstehen Bohrlöcher, die den Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser ermöglichen – und so das klimaschädliche Abkochen von Wasser über offenem Feuer überflüssig machen. Alle Projekte kommen neben dem Klima auch den Menschen vor Ort zu Gute.

Man zahlt dafür 15 Euro im Monat. Ist das tatsächlich der Preis, der ausreicht, um den CO2-Ausstoß zu kompensieren?

Ja, natürlich. Genauer genommen sind es fünf Euro, die wir pro Person und Monat durch ClimatePartner in den Klimaschutz investieren. Das entspricht knapp einer Tonne CO2. Wenn man als Privatperson beispielsweise seinen Flug ausgleicht, zahlt man einen anderen, höheren Preis. Das liegt daran, dass wir eine große „Menge“ abnehmen und den Projekten damit Planungssicherheit gewährleisten können und sie uns mit dem Preis entgegenkommen. Alle Projekte werden gemäß externer Standards regelmäßig geprüft und unterliegen den gleichen Bedingungen.

Die verbleibenden rund sieben Euro, die uns nach Abzug der Steuer bleiben, decken unsere internen Aufwände, also alles von technischer Entwicklung der App, der Bereitstellung der Konten, Abhebungen, Überweisungen über Kund*innen-Support und Kommunikation bis hin zum Nachhaltigkeitsmanagement der Projekte.

Kann man CO2-Sünden tatsächlich kompensieren?

Das Allerbeste ist es, seinen eigenen Fußabdruck zu vermindern – indem man zum Beispiel auf Flug- und Autoreisen verzichtet. Doch manchmal ist das schlicht nicht möglich. Die Kompensation der Emissionen ist dann die zweitbeste Lösung. Sie führt dazu, dass an anderer Stelle CO2 eingespart wird. Auch das Umweltbundesamt empfiehlt deshalb einen Dreiklang aus Vermeiden, Reduzieren und Ausgleichen. Perspektivisch soll Tomorrow Zero euch auch dabei helfen, eure CO2-Emissionen zu reduzieren. An einem entsprechenden Feature arbeiten wir.

Die Befürchtung, dass durch Kompensationen eine Ablasshandel-Mentalität einsetzen könnte, die als Rechtfertigung für mehr klimaschädlichen Konsum missbraucht wird, haben Wissenschaftler*innen der Universitäten Kassel und Hamburg widerlegt. Menschen, die schon einmal CO2-Emissionen kompensiert haben, neigen auch in anderen Bereichen zu einem klimafreundlichen Konsumverhalten. „Ausgleichszahlungen tragen effektiv zum Klimaschutz bei“, sagt Andreas Ziegler von der Universität Kassel. „Der häufig geäußerte Vorbehalt, es handele sich um einen Ablasshandel zur Rechtfertigung zusätzlicher CO2-Emissionen, trifft nicht zu.“

Warum seht ihr es als Bank in eurer Aufgabe, den CO2-Fußabdruck eurer Kund*innen zu kompensieren? Was ist die Verantwortung von Banken im Jahr 2020?

In unserem Empfinden sind Banken in der Vergangenheit ihrer Verantwortung nicht gerecht geworden. Wir empfinden es definitiv als DIE große Aufgabe unserer Generation, ein Umdenken und -steuern in Sachen Klimaschutz einzuleiten. Und wir sehen uns da ganz klar in der Verantwortung, eine komfortable Möglichkeit für User*innen zu schaffen, auch einen Beitrag zu leisten.


Nicole Plich

Nicole studiert den Klassiker „Irgendwas mit Medien” und hat noch den idealistischen Anspruch mit Wörtern die Welt zu bewegen. Wenn sie im Internet mal nicht nach lustigen Donald Trump-Memes sucht oder Fantheorien zu Game of Thrones liest, interessiert sie sich für Popkultur, Wirtschaft und was im Bundestag so vor sich geht.

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