Drei gute Gründe, warum sich Väter mehr Elternzeit nehmen sollten

Ein Gastbeitrag von Nick Marten

Die ungleiche, quantitative Verteilung in der Kindererziehung zwischen Müttern und Vätern beginnt schon direkt nach der Geburt: in der Elternzeit. Laut des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) haben von den Männern, die im Jahr 2018 Elterngeld bezogen, fast 72 Prozent nur die zwei, fast schon obligatorischen, Partnermonate in Anspruch genommen. Es sind also die Frauen, die im Schnitt deutlich länger zuhause bleiben und auf das Kind aufpassen. Gemäß aktueller LinkedIn-Studie ist der Wunsch der Männer aber ein anderer: 69 Prozent sagen, dass sie gerne und möglichst lange in Elternzeit gehen würden. Warum liegen Wunsch und Wirklichkeit so weit auseinander? Und warum lohnt es sich aus meiner Sicht für Väter, mehr Elternzeit zu nehmen? 

Elternzeit ist ein Investment in die Familie

Die Hauptursache, weshalb Väter in längerer Elternzeit eine Seltenheit sind, ist das Geld. So geben laut einer Linkedin-Studie 53 Prozent der Väter und 56 Prozent der Mütter an, dass die Gehaltsunterschiede zwischen Mann und Frau ein wesentlicher Grund für die ungleiche Verteilung der Elternzeit seien. 

Nick Marten (32) ist Vater von einem Mädchen (1) und einem Jungen (4). Seinen Job als Pressesprecher und Kommunikationsberater für OTTO hat der Hamburger zuletzt für sechs Monate ruhen lassen und diese Zeit als hauptberuflicher und alleiniger Familienmanager verbracht.

Es ist nachvollziehbar, dass Familien von der Idee für eine gleichberechtigtere Elternzeit Abstand nehmen, wenn die finanzielle Absicherung gefährdet ist. Familien jedoch, die eine geteilte Elternzeit stemmen könnten, möchte ich zurufen: Investiert! Investiert in die Zukunft der eigenen Familie! 

Ich selbst habe bei meinem zweiten Kind ein halbes Jahr Elternzeit genommen und wusste nach wenigen Tagen, dass es eine goldrichtige Entscheidung war. Mein Alltag besteht seitdem aus Ausflügen zu Krabbelgruppen und Spielplätzen, Plantschen beim Babyschwimmen, aber auch aus dem waghalsigen Spagat zwischen Haushaltswahnsinn, Kinderkrankheiten und der Bedürfnisstillung eines (mittlerweile) elf Monate alten Babys und eines vierjährigen Kindes. Mit anderen Worten: Meine Elternzeit ist Action pur und ziemlich weit weg vom Mythos „Vaterurlaub“. 

Warum diese Zeit – trotz aller Anstrengungen – für mich die wohl beste Investition aller Zeiten ist? Weil ich live dabei sein konnte, als meine Tochter zum ersten Mal krabbelte, ihr erstes Wort brabbelte („Mama“) und sich traute, ihre ersten Schritte zu gehen. Momente, die unbezahlbar sind.

Karriereknick oder Arbeitgeber*in, den man(n) knicken kann

Ein weiterer, oft genannter Grund, der laut DIW- und Linkedin-Studien gegen eine längere Elternzeit der Väter spricht, ist eine mögliche Benachteiligung im Beruf. So befürchten fast ein Drittel aller Väter, dass es für Männer schwieriger sei, gegenüber den Arbeitgeber*innen eine längere Elternzeit zu begründen. Sind das berufliche Abstellgleis und der Karriereknick für Väter also vorprogrammiert? Ich denke nicht. 

Foto vom Autoren

Mut macht mir hier mein Chef bei meinem Arbeitgeber, dem Onlinehändler OTTO. Unser Gespräch über meinen Wunsch, für ein halbes Jahr in Elternzeit zu gehen dauerte etwa zwei Minuten. Seine Reaktion: „Du musst das machen, Nick.“ Nicht nur der Chef, sondern auch das komplette Team reagierte ähnlich unterstützend. Obwohl sie diejenigen waren, die die Mehrarbeit auffangen mussten, gab es hundertprozentige Rückendeckung für meine Pläne. 

Viele werden jetzt denken: „Mensch, hat der ein Glück.“ Ja, richtig. Aber ich frage mich auch, ob Arbeitgeber*innen, die sich hinsichtlich der Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht mal ansatzweise kooperativ zeigen, heute noch zeitgemäß und morgen noch zukunftsfähig sind? Und: Möchte ich als Arbeitnehmer*in überhaupt in einem Umfeld Karriere machen oder eine längere Laufbahn anstreben, wenn mir diese Freiheiten verwehrt bleiben? Oder gibt es nicht mittlerweile in jeder Branche eine Alternative auf dem Arbeitsmarkt, die deutlich attraktiver, weil familienfreundlicher ist? 

Ich denke und hoffe: Statt Benefits à la Dienstwagen, Obstkorb, Kicker und Co. werden flexible Arbeitszeitmodelle und Work-Life-Balance die Währung sein, mit der zukünftig Mitarbeiter*innen gehalten werden.

Lasst das mal den Papa machen

Ein dritter Showstopper für eine gleichberechtigtere Elternzeit hat mich persönlich überrascht. 54 Prozent der Mütter begründen laut LinkedIn-Studie die Ungleichverteilung der Elternzeit damit, dass Frauen ein stärkeres Bedürfnis hätten, bei ihrem Kind zu bleiben. Fast jede dritte Mutter sagt weiterhin, dass es für die Betreuung des Kindes sogar besser sei, wenn die Frau zuhause bleibe.  Ausgerechnet die Frauen selbst sind Skeptikerinnen beim Thema geteilte, ausgeglichene Elternzeit zwischen Mann und Frau? 

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Aus meiner Sicht wäre diese Einstellung eine verpasste Chance – für Mann und Frau. Bereits in einer geteilten Elternzeit können die Weichen für eine gleichberechtigte Kindererziehung gestellt werden. 

Meine Partnerin und ich haben uns bewusst für das Fifty-Fifty-Modell entschieden, den gleichen Anteil von Arbeit und Elternzeit. Dadurch haben wir heute ein größeres Verständnis für den Alltag des anderen. Wir kennen die Situationen im Büro und Zuhause und die damit verbundenen Herausforderungen. Wir wissen, dass die – für uns beide gleichermaßen gültige – Vereinbarkeit von Beruf und Familie ohne gegenseitige Rückendeckung nicht funktionieren kann. 

Deswegen mein Schlussappell an angehende und aktuelle Väter, die anders sein wollen als Vätergenerationen vor uns: Zeigt euren Partner*innen, dass ihr für eure Kinder zuhause bleiben und sie unterstützen wollt!


Business Punk Redaktion

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