Kinos vs. Streaming: Wie die Coronakrise den Konflikt auf ein neues Level hebt

2018 war ein trauriges Kinojahr. Nicht, weil ein Film namens „Sauerkrautkoma“ gezeigt wurde, sondern weil so wenig Kinobesucher*innen kamen wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Im folgenden Jahr ging es zwar wieder bergauf, aber jetzt sorgt der Covid-19 dafür, dass sich seit Monaten niemand mehr in den Kinosessel fläzt, um sich mit Nacho-Käsesoße zu bekleckern. Für viele Kinos geht es um die Existenz, für Filmunternehmen um viel Geld, das jetzt anders eingenommen werden muss. Die Lösung: Streaming.

Mit „Trolls: World Tour“ wagte etwa Universal Pictures ein Experiment. Statt ins Kino kam der Animationsfilm Anfang April in den USA direkt als Premium Video On Demand. Für stolze 19,99 Dollar kann man ihn für 30 Tage ausleihen und innerhalb von 48 Stunden nach Filmstart anschauen.

Es mag an der mangelnden Auswahl an PVOD-Konkurrenz, der allgemeinen Isolationslangeweile oder quengelnden Kindern liegen, aber: Der Film machte mit fast 100 Millionen Dollar in den ersten drei Wochen mehr Umsatz als der Vorgänger 2016 in fünf Monaten. Ein Erfolg, der Universal überzeugt zu haben scheint, in Zukunft umzudenken.

„Sobald die Kinos wieder aufmachen, gehen wir davon aus, unsere Filme in beiden Formaten zu releasen“, verkündete NBCUniversal-CEO Jeff Shell gegenüber dem Wall Street Journal. Heißt, neue Filme werden zeitgleich im Kino als auch auf VOD-Plattformen anlaufen. Eine Strategie, die noch mehr Besucher*innen aus den Kinosälen scheuchen könnte. Der Zeitraum zwischen der Veröffentlichung auf der Leinwand und im Streamingmarkt wurde zwar ohnehin schon immer kleiner, dennoch hatten Kinos das Privileg, neue Filme zuerst vorzuführen.

Man muss nicht viel Fantasie haben, um sich vorzustellen, wie die Kinobetreiber*innen auf die neue Aussicht reagieren: stinksauer.

Boykott von Universal-Filmen

„Es enttäuscht uns, aber Jeffs Aussagen bezüglich Universals einseitigen Maßnahmen und Absichten lassen uns keine Wahl. Daher wird AMC ab sofort keine Universal-Filme mehr in unseren Kinos in den USA, Europa und dem Mittleren Osten zeigen“, verkündete Adam Aron, CEO und Präsident von AMC Entertainment in einem offenen Brief an Donna Langley, Chairwoman von Universal Pictures.

AMC ist die weltweit größte Kinokette, die in Deutschland die UCI-Kinos betreibt. Dort werden nach dem Lockdown also keine „Fast & Furious“-Filme oder „Jurassic Worlds“ mehr zu sehen sein. Sollten andere Filmunternehmen ähnliche Pläne wie Universal verkünden, wolle Aron auch diese mit einem Boykott bestrafen.

Ob sich AMC mit diesem radikalen Schnitt ins eigene Fleisch schneidet und noch weniger Kinobesucher*innen anlockt oder Universal doch umschwenkt, wird sich zeigen. Sollten die nächsten PVOD-Releases unter den Erwartungen zurückbleiben, ist ein Zurückrudern seitens Universals zumindest wahrscheinlich. Als nächster großer Film wird „The King of Staten Island“ am 12. Juni erwartet, eine Komödie für ein deutlich älteres Publikum als noch „Trolls“.

Hoffentlich kein großes Kinosterben

Also wie steht es denn um deutsche Kinos? Zurzeit natürlich schlecht, da braucht es keine Konkurrenz wie PVOD oder Streaming, da reichen die Auswirkungen des Coronavirus. Nicht ohne Grund gibt es Initiativen wie #HilfDeinemKino oder #SupportYourLocalCinema, die lokale Kinos unterstützen.   

Hoffnung gibt das beschlossene Rettungspaket der Filmförderungsanstalt (FFA). Die Maßnahmen sehen etwa die Stundung der Darlehensforderungen und Abschlagszahlungen für geschlossene Kinos vor.

Ob das alles reicht, um ein großes Sterben von Kinos abzuwenden, bleibt abzuwarten. Und dann geht es schon in die nächste Runde gegen Netflix und Co.

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