Productivity & New Work „Wir müssen ein Bewusstsein dafür schaffen, dass das Internet teilweise gegen uns arbeitet“

„Wir müssen ein Bewusstsein dafür schaffen, dass das Internet teilweise gegen uns arbeitet“

Die glorreichen Zeiten als alleiniger Star auf dem Desktop-Bildschirm sind für den Internet Explorer längst vorbei: Wer heutzutage ins Internet möchte, hat in Sachen Browser die Wahl der Qual. Ein Anbieter, der uns durchs World Wide Web leitet, ist Mozilla mit Firefox.

Weil laut Mozilla das Internet mittlerweile einige Nachteile bietet, hat Mozilla die Kampagne „Unfck the Internet“ gestartet.

Wir haben mit Robin Karakash, Mozillas Marketing-Direktor Europa, über ungewolltes Tracking, die Doku „The Social Dilemma“ und Schutz im Netz gesprochen.

Robin, um bei der Tonalität zu bleiben, die ihr in eurer Kampagne benutzt, was fucked dich derzeit am meisten am Internet ab?

Es gibt im Internet gerade sehr viele Baustellen. Eine Studie innerhalb unserer Zielgruppe hat gezeigt, dass die Menschen das Internet zwar lieben, aber auf der anderen Seite auch Angst haben. Gründe hierfür sind unter anderem Desinformationen und Hate Speech. Aber auch, dass Nutzer*innen ohne ihr wirkliches Einverständnis getrackt werden und nicht wissen, was mit ihren Daten passiert.

Und welches der Phänomene findest du am nervigsten?

Viele Versprechen, mit denen das Internet gestartet ist, stellen sich heute zum Teil als große Herausforderungen dar. Daran müssen wir jetzt arbeiten. Wir müssen ein Bewusstsein dafür schaffen, dass das Internet teilweise gegen uns arbeitet.

Wenn man von eurer Kampagne liest, wundert man sich schon, dass ausgerechnet eine Internet-Software gegen das Internet vorgehen will. Wieso habt ihr euch dazu entschlossen?

Wir lieben das Internet, aber machen uns Gedanken um dessen Entwicklung. Viele Leute machen sich keine Gedanken um ihre  Browserwahl, aber er ist das Tor und unsere Verbindung zum Internet. Da geht es darum, die beste Usability zu schaffen. Schnelligkeit, Komfortabilität, Intuition: Das sind alles Dinge, die an einem Browser wichtig sind, damit Nutzer*innen für sich das Beste aus dem Internet rausholen können.

Mozilla ist Non-Profit und vor 18 Jahren mit der Idee gestartet, ein offenes Internet für alle zu schaffen. Ich glaube aber, dass viele Leute das nicht wissen. Deswegen müssen wir lauter werden und gehen mit einer Kampagne an die Öffentlichkeit, die den Claim „Unfck the Internet“ trägt. Weil das Internet alle etwas angeht.

Habt ihr euch deswegen für die derbe Ausdrucksweise entschieden?

Das „Unfck“ ist in diesem Sinne positiv gemeint. Es bedeutet für uns, dass das Internet zwar Probleme hat, wir es aber gemeinsam reparieren können. Die Kampagne ist eine Einladung an alle Konsument*innen sich zu informieren, wie das mit ganz einfachen Schritten funktioniert.

Denn für viele Menschen ist das ganze Internet-Thema viel zu kompliziert. Ich glaube aber, dass Interesse besteht, es mitzugestalten und die Möglichkeiten geben wir ihnen jetzt.

Und welche Möglichkeiten bietet ihr da?

Wir haben verschiedene Features in unserem Firefox-Browser. Wir blocken beispielsweise viele Drittanbieter-Tracker standardmäßig. Wir stellen auch einen Protection-Report zur Verfügung, der angibt, wie viele Tracker durch Firefox geblockt worden sind.

Eine weitere Maßnahme ist das Add-on Facebook Container. Damit beschützen wir Nutzer*innen, nicht von unnötigen Cookies verfolgt zu werden. Facebook weiß nämlich anhand des Like-und Sharing-Buttons immer, was du im Internet tust, auch wenn du nicht bei Facebook oder Instagram eingeloggt bist.

Was wollt ihr mit eurer Kampagne bewirken?

Der Diskurs über die ganzen Probleme des Internets ist noch nicht auf einer Massenebene angekommen. Algorithmen können sehr viel Macht haben. Deswegen ist es wichtig, Alternativen aufzuzeigen und den Konsument*innen klar zu machen, dass jeder Klick im Internet zählt und eine bewusste Formierung für die Zukunft des Internets darstellt.

Wir wollen ein Bewusstsein schaffen, dass das Internet kein langweiliges Thema ist und wie wichtig Transparenz und Entscheidungsfreiheit dabei sind.

Robin Karakash, Marketing Direktor Europa bei Mozilla © Mozilla

Am Anfang hast du unwissentliches Tracking als eines der Probleme am Internet erwähnt. Kannst du kurz skizzieren, wie Unternehmen mit unseren Daten Geld machen?

Es ist ein werbebasiertes Modell, das darauf abzielt, Konsument*innen und Produkte in dem bestmöglichsten Verhältnis effizient zusammenzubringen. Das funktioniert über sehr viele Datenknüpfpunkte. Die wesentliche Frage dabei ist: Was machen die Unternehmen mit den Daten und wird das den Konsument*innen gegenüber auch transparent kommuniziert?

Wir glauben, dass das nicht immer der Fall ist. Gerade in Europa arbeiten Unternehmen daran, weil sie von Regierungen dazu aufgefordert werden. Aber die Entwicklung in dem Bereich ist so rasant, dass die Politik Probleme hat, mit der Regulierung hinterher zu kommen.

Wir sind aber nicht gegen Werbung an sich. Im Gegenteil, das ist eine Wirtschaftsader. Wir sind aber dafür, dass Konsument*innen stärker ermöglicht wird, eine Auswahl zu treffen, wie mit ihren Daten umgegangen werden soll.

Eure Kampagne versucht auch, auf Hate Speech aufmerksam zu machen.

Genau, wir haben ein Add-On namens „Aus B!tch mach Heldin“. Da geht es darum, Aufmerksamkeit für Hasskommentare gegen Frauen zu schaffen. Dieses Add-On macht aus Schimpfworten im Internet, die auf weibliche Nutzerinnen abzielen, das Wort Heldin. Egal, wo du gerade im Internet surfst.

Damit soll das Bewusstsein geschaffen werden, dass Hatespeech im Netz existiert, man jedoch aktiv dagegen vorgehen und damit spielen kann, indem man sich nicht unterkriegen lässt. Das Phänomen ist aber ein echtes Problem.

Das zeigt aber auch, dass man selbst aktiv werden muss, um dem Ganzen zu entgehen und das nicht von Plattformen gemacht wird. Wie stehst du dazu, dass sie sich da aus der Affäre ziehen?

Auch ein schwieriges Thema. Ich glaube, da müssen viele Sachen noch ausgehandelt werden. Aber wenn das Internet uns polarisiert, wenn es uns in Filter-Bubbles steckt, wenn wir nicht mehr zu einer freien Meinungsäußerung kommen, weil wir nur noch durch die Brille von bestimmten Systemen denken können, weil uns die Informationen per Algorithmus zugewiesen werden, dann müssen wir vielleicht auch anfangen anders zu denken, wie wir da reingehen. Da gehören Politik und Bildung dazu.

Und ein Internet-Browser.

Ja. Wir sind jetzt in der 82. Version und arbeiten daran, dass sich Schutz und die Magie des Internets in Balance halten können.

Wie findest du die Doku „The Social Dilemma“?

Gut. Ich empfehle wirklich sie anzuschauen, weil sie sowohl die Mechanismen, als auch die Gefahren einmal verdeutlicht, denen wir als Menschen ausgesetzt sein können.

Gab es etwas, was dich am meisten schockiert hat, was dir vielleicht auch nicht so bewusst war?

Die Doku hat es geschafft, mir selbst nochmal ein anderes Bewusstsein zu schaffen. Ich habe meine Social-Media-Aktivitäten nochmal überdacht, weil Algorithmen bestimmte Trigger auslösen.

Trigger im Sinne von Abhängigkeiten. Beispielsweise dass man immer wieder Notifications bekommt, die einen immer wieder in die App locken und dadurch anregen, mit ihr zu interagieren. Da habe ich gemerkt, dass ich abhängig von meinen Nachrichten bin. Auch wenn ich das durch meine Arbeit eigentlich alles weiß, hat die Doku dafür gesorgt, dass ich nochmal meine Einstellungen überarbeitet habe.

Bei Facebook habe ich meine kompletten Werbeprofile gelöscht. Das war ein ganz schöner Aufwand. Das hat 1,5 Stunden gedauert.

Warum ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt für so eine Kampagne?

Ich glaube, dass die junge Generation bereit ist, sich mit all den problematischen Themen zu befassen, sie im Alltag aber momentan nicht in der Lage ist, sich neben all der Ablenkung auf Social Media, dem Beruf, der Pandemie und der aktuell politischen Lage auch noch on top damit zu befassen. Wir wollen ihnen jedoch zeigen, dass es gar nicht so schwierig ist, sich zu schützen.

Wenn du sagst, die jetzige Generation ist bereit sich damit zu befassen, hat es dann die Generation davor verpennt?

Ich glaube nicht, dass man das sagen kann. Mit jeder Technologie geht ein großes Versprechen einher, wie sie Dinge besser machen will. Vieles ist neu und muss erst einmal ausgehandelt werden. Jetzt hat man mit dem Internet aber schon eine lange Geschichte und kann sehen, was funktioniert und was nicht. Und da sind wir gerade an einem Scheidepunkt, an dem wir als Konsument*innen aktiver werden müssen.

Wie würde für dich das ideale Internet aussehen?

Das Internet ist toll. Es ermöglicht mir gerade in diesen Zeiten, mit sehr vielen Menschen verbunden zu sein, zu lernen, zu kommunizieren und zu lachen. Ich liebe es. Was ich nicht gut finde ist, dass es Menschen polarisiert. Die freie Bewusstseinsfindung ist das, was Menschen und Demokratien ausmacht. Sie ist das, was im jetzigen Zeitalter so wichtig ist. Wenn das nicht mehr richtig funktioniert, dann bekomme ich da Angst.

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