Life & Style Aminata Belli über das Club-Sterben

Aminata Belli über das Club-Sterben

Wer hat in der Coronapandemie Sendepause? Menschen, die in der Gastronomie, in Clubs und im Kulturbetrieb arbeiten. In vielen Großstädten zeichnet sich dadurch ein Bild der Stille ab. Straßen sind leer, die gezeichnet vom Partylife waren.

Jägermeister hat die Kampagne #SaveTheNight initiiert. Sie soll zeigen, was die Stille mit Menschen macht, die direkt von ihr betroffen sind. In dem Experiment „Nightlife on Mute“ hat das Unternehmen Menschen aus der Musik- und Medienbranche an der Technischen Hochschule Deggendorf in einen schalltoten Raum ausharren lassen.

Eine von ihnen war Aminata Belli. Uns hat sie im Interview erzählt, wie der Raum auf sie gewirkt hat, wie man schwierige Situationen besser aushalten kann und warum es auch mal wichtig ist, zu tanzen.

Aminata, wann warst du das letzte Mal feiern?

Ich war das letzte Mal an Silvester feiern. Mein Vorsatz für dieses Jahr war eigentlich, weniger zu Hause zu sitzen und mehr in Clubs zu gehen in Berlin. Das war wohl nichts.

Vermisst du es, in Clubs zu gehen?

Seit ich bei der Jägermeister-Kampagne mitgemacht habe, ist es für mich schlimmer. Davor habe ich die ganze Zeit versucht, die Tatsache zu ignorieren, dass Clubs geschlossen haben. Ich habe nicht viel darüber nachgedacht und auch keine Musik gehört, die mich ans Feiern erinnert.

Die Auseinandersetzung damit in dem Experiment hat mich jedoch fühlen lassen, wie sehr ich es vermisse.

Wie hast du dich in dem schalltoten Raum gefühlt?

Der Raum ist ein bisschen so wie das Jahr 2020. Eine emotionale Achterbahn aus aushalten, langweilen, reflektieren, entdecken, erschrecken und akzeptieren. Am Anfang war es wirklich ganz still und ich war begeistert davon. Aber dann wurde es langweilig. Ich hatte irgendwann das Gefühl, die Lichter zu hören.  

Ich wollte nicht zulassen, dass ich sentimental werde. Dieser schalltote Raum gibt dir die Möglichkeit abzurutschen – wie im Lockdown. Wenn man Zuhause sitzt, kann man sich entweder ablenken oder aber man lässt sich in die Einsamkeit fallen. Da muss man aufpassen. Und so war das auch in dem Raum.

Ich stelle mir das ziemlich krass vor, weil wir im Alltag immer von einer Geräuschkulisse umgeben sind.

Normalerweise finde ich absolute Stille gut und unfassbar wichtig als Ausgleich zu meinem Job. Aber eben nur die Stille, die ich mir selbst aussuche. Die Stille in dem Raum hat mir jemand anders aufgezwungen. Die habe ich mir nicht ausgesucht und die konnte ich nicht kontrollieren. Das war das, was mir daran keine Freude gemacht hat.

Was hat die Stille im Raum mit dir gemacht?

Die Stille hat mich gezwungen, auszuhalten. In dem Raum habe ich versucht, nicht an die Sachen zu denken, die mich traurig machen. Ich hatte Angst, dass dieses Gefühl mich sonst übernimmt. Deswegen hatte ich die ganze Zeit über ein aushaltendes Verdrängungsgefühl in mir. Dadurch habe ich rückblickend den Eindruck, dass der schalltote Raum mich nicht so sehr eingenommen hat, wie er es hätte machen können.

Aushalten ist ein guter Punkt. Das ist das, was viele gerade sowohl im Job als auch privat durchmachen müssen. Hast du einen persönlichen Tipp, wie man besser aushalten kann?

Aushalten funktioniert gut, wenn man ein Ziel vor Augen hat. Vorausgesetzt, man kann sich eines schaffen. Wenn ich nicht gewusst hätte, dass mich jemand wieder aus dem Raum rausholt, hätte ich das schlechter aushalten können. Das ist auch genau das Problem an der Situation gerade. Wir wissen nicht, wie lange wir die Maßnahmen noch durchhalten müssen und wie lange die Coronasituation noch anhalten wird.

Wenn man sich kein Ziel setzen kann, sind Rituale ganz hilfreich, wenn man etwas aushalten muss, was dem Herzen wehtut. Beispielsweise kann man jeden Tag um 12 Uhr spazieren gehen. Dann hat man wenigstens eine Konstante im Leben. Auch wenn sich das beknackt anhört, aber letztendlich wirken Rituale festigend – zumindest unterbewusst.

Hast du auch ein Ritual?

Leider nein. Obwohl ich immer ganz schlau von Ritualen spreche (lacht). Ich versuche seit Jahren, eine Struktur oder Regelmäßigkeit in mein Leben zu bekommen. Aber die einzige Regelmäßigkeit ist immer die Unregelmäßigkeit.

Das Thema war jetzt schon Gegenstand medialer Diskurse: Was sagst du Menschen, die sich darüber lustig machen, dass jungen Leuten das Nachtleben fehlt?

Clubs sind für viele Menschen Safe Spaces. Das Nachtleben und insbesondere Clubs sind für viele oft die einzigen Räume, in denen sie sich entfalten und sie selbst sein können. Das ist gerade in der LGBTQI+-Community so. Clubs sind Räume, die Freiheit bieten. Sie ermöglichen, man selbst zu sein, ohne Angst haben zu müssen, beschimpft zu werden.

In der ersten Hälfte des Jahres habe ich Feiern auch gar nicht so vermisst. Da war ich froh, dass ich in einem Alter bin, in dem ich gerne mit meinem Arsch auf der Couch bleibe. Ich weiß aber, dass das vor fünf Jahren noch anders war. Da wollte ich etwas erleben. An dieses Gefühl sollten sich die Menschen erinnern.

Ich hatte da auch den Eindruck, dass bei der Debatte ausgelassen wurde, dass mehr dahintersteckt als Party machen.

Es wird immer davon geredet, dass die Wirtschaft weiterhin funktionieren muss. Doch all die Rädchen, die das liefern sollen, brauchen auch mal einen Ausgleich. Das schaffen beispielsweise Clubs und Bars. Wenn das wegfällt, führt das eventuell dazu, dass Menschen im Zweifel weniger glücklich oder ausgeglichen sind und dann wiederrum weniger gut arbeiten können. Auch unter diesem Aspekt sollte man das Thema versuchen zu verstehen. Zu einer gesunden Gesellschaft gehört feiern gehen und freidrehen dazu.

Absolut, auch wenn Tanzen momentan nicht das Wichtigste ist.

Ich finde schon, dass es super wichtig ist, auch mal zu tanzen. Tanzen ist wichtig für die Energie, das Leben Leben sein zu lassen und ein paar Sachen zu vergessen, die einen betrüben. Gerade in Deutschland wird zu Hause nicht viel getanzt. Man muss erstmal irgendwo hingehen, um tanzen zu dürfen. In anderen Kulturen ist tanzen Teil des Alltags.

Tanzt du manchmal zu Hause?

Witzige Story: Im Januar habe ich mir selbst eine Challenge gestellt und beim Laufen auf der Straße getanzt. Das war zuerst total unangenehm, weil ich meine Comfort Zone verlassen musste. Alle Leute haben mich natürlich angeschaut. Sie dachten, ich wäre einfach nur ein Druffi aus Berlin.

Letzte Woche habe ich das nochmal gemacht. Die Blicke und Reaktionen der Menschen waren im Vergleich zu Januar krass anders. Viele haben sich gefreut oder mitgetanzt. Das hat mich sehr glücklich gemacht.

Wie findest du die „#SaveTheNight-Kampagne“ im Großen und Ganzen?

Ich finde die Kampagne total wichtig und gut. Vor allem die Frage: Was können wir, also jede*r Einzelne*r, jetzt ganz konkret machen, damit es nicht so still bleibt, wenn es nach Corona weiter geht? Ich finde es wichtig, dass wir für die Branche Aufmerksamkeit schaffen, weil viele sie vergessen.

©Jägermeister

Kleinigkeiten können da schon helfen. Ich habe letztens einen Tweet von jemanden gelesen der meinte, wenn in Museen neben Skulpturen und Bildern Preisschilder hängen würden, dann dürften sie öffnen. Das fand ich so krass.

Der Tweet hat mir in Erinnerung gerufen, wie prekär die Situation momentan ist. Dass man das im Hinterkopf hat, finde ich wichtig. Wir brauchen dieses Bewusstsein, denn auch wenn wir im Moment nicht direkt betroffen sind, so sind wir es auf lange Sicht.

Mal angenommen Konzerte, Shows und Festivals können nächstes Jahr normal stattfinden, was wäre das Erste, wo du hingehen würdest?

Ich glaube bei dem ersten Großevent, das stattfinden wird, bin ich dabei. Egal, was es ist. Ich würde mich ja sehr freuen, wenn es ein „20 Jahre No Angels“-Reunion-Konzert geben würde (lacht).

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