Life & Style Ghost in no Shell – Virtuelle Influencer:innen und ihr Einfluss aufs Social Web

Ghost in no Shell – Virtuelle Influencer:innen und ihr Einfluss aufs Social Web

Ein Gastbeitrag von Lucas Mohr

Hatsune Miku tanzt mit großen Kulleraugen und türkisfarbenen Haaren über die Bühne, lautstark bejubelt vom Publikum. Vor der Pandemie war das Standard. Tausende Fans kamen zu ihren Live-Konzerten. Auf Youtube folgen ihr mehr als 1,6 Millionen Nutzer:innen.

Eine beachtliche Leistung, für jeden Menschen. Doch die Teenagerin ist kein Mensch. Sie existiert nicht mal wirklich. Hatsune Miku gehört zu einer Reihe von CGI-Stars und virtuellen Influencer:innen, die seit einigen Jahren an Popularität gewinnen. Es gibt eine große Bandbreite von ganz unterschiedlichen „Personen“. Und ihr Erfolg zeigt: Sie sind gekommen, um zu bleiben.

Virtuelle Influencer:innen sind computergenerierte fiktionale Charaktere, die in sozialen Medien wie reale Menschen agieren. Sie haben eigene Social-Media-Kanäle, auf denen ihnen eine treue Fan-Community folgt. Unter ihren Follower:innen sind vor allem jüngere Nutzer:innen und sie spielen in der Popkultur eine aktive Rolle: Sie zieren Magazincover, geben Interviews, veröffentlichen Musik. Ihr Aussehen ist vielfältig und reicht von fotorealistischen bis offensichtlichen comic- bzw. anime-artigen Kunstfiguren.

Verschwimmende Grenzen

Ausschlaggebend für ihren Erfolg ist, dass sie nicht als leere Hüllen auftreten, sondern eine eigene, starke Persönlichkeit besitzen und mit ihren Follower:innen interagieren. Die Computer-Promis haben Hobbies, Vorlieben, Sorgen und vertreten – oft auch sehr deutlich – eine eigene Meinung. Mittlerweile überschreiten sie zunehmend die Grenzen zwischen digitaler und realer Welt, wenn sie für reale Mode-Designer:innen posieren, mit Promis Selfies machen oder eben Konzerte für Tausende Fans geben.

Aktuell lassen sich die meisten virtuellen Influencer:innen vier Typen zuordnen:

Models

Ähnlich wie ihre Kolleg:innen aus Fleisch und Blut, posieren virtuelle Models für Modeschöpfer:innen und stellen deren Kreationen zur Digital-Schau. Wie beispielsweise das virtuelle Model Shudu Gram. Sie ist bereits bei den British Academy Film Awards als Hologramm auf dem roten Teppich erschienen und hatte in der australischen sowie der arabischen Ausgabe der Vogue eigene Fotostrecken.

Markenunabhängige Influencer:innen

Wie reale Influencer:innen gehen sie Kooperationen mit unterschiedlichen Unternehmen ein, zeigen aber hauptsächlich wie sie „leben“. Zu den erfolgreichsten Vertreter:innen dieser Kategorie gehört Lil Miquela. Bereits zu Beginn ihrer Influencer-Karriere kooperierte sie mit hochkarätigen Marken und posierte mit Stars wie Bella Hadid. Sie ist aber auch bekannt für ihre starken politischen Statements und setzt sich für die LGBTQI*+-Community oder die „Black Lives Matter“-Bewegung ein.

Markenbotschafter:innen / Testimonials

Anders als ihre unabhängigen Kolleg:innen sind virtuelle Markenbotschafter und Testimonials an ein Unternehmen gebunden, das hinter ihrer Kreation steckt. KFC zum Beispiel, erschuf einen eigenen virtuellen Markenbotschafter – basierend auf Colonel Sanders, dem Gründer der Fastfood-Kette, der KFC durch seinen extravaganten Lebensstil einen Lifestyle-Touch verlieh.

Corporate-Influencer:innen

Manche virtuellen Influencer:innen gehen es bodenständiger an. CGI-Corporate-Influencer:innen „arbeiten“ in einem Unternehmen und teilen ihre Einblicke mit ihren Fans. So war Instagram-Avatarin Kenna beispielsweise vier Monate lang Praktikantin in der Produktentwicklung von Essence. Auf ihrem Instagram-Kanal ließ sie ihre Follower:innen hinter die Kulissen der Kosmetik-Marke blicken.

Virtuelle Authentizität

Virtuelle Influencer:innen sind zeitlich unabhängig, flexibel einsetzbar und steuerbar. Das macht sie zu attraktiven Kooperationspartner:innen für Unternehmen. Dennoch müssen sich reale Social-Media-Stars wahrscheinlich keine Sorgen machen, dass die digitale Konkurrenz sie ersetzt. Menschen werden immer auch Menschen folgen. Zwar ist die Umsetzung künstlicher Meinungsbildner:innen aktuell noch ein wenig anspruchsvoller, als die Kooperation mit ihren echten Kolleg:innen, doch durch immer zugänglichere Technologien und kompetenter Beratung von Expert:innen sehen wir sie sicherlich immer öfter in unseren Feeds.  


Lucas Mohr ist Head of Digital Strategy bei der Kölner Agentur OSK. Mit seinem Team aus Digital-Profis berät er internationale Kunden zu den Themen Social Media, Influencer und Podcasts. ©Mohr/OSK

Dass viele der CGI-Promis schon jetzt überaus erfolgreich sind, zeigt, wie groß das Interesse der Community an ihnen ist. Doch woran liegt das? Was sehen ihre Fans in ihnen? Eine These: Möglicherweise ist es der Umstand, dass sie in ihrem Streben nach Authentizität mitunter nahbarer wirken als manche realen Kolleg:innen. Dann wäre nicht das tatsächliche Vorhandensein von Authentizität ausschlaggebend für die Nutzer:innen, sondern ein authentisches Auftreten nach außen. Somit stünden die Geschichten virtueller Influencer:innen im Fokus ihres Erfolgs, neben ihrem Look und Coolness-Faktor.

Digitale Avatare werden realen Meinungsbildner:innen den Rang im Netz sehr wahrscheinlich nicht ablaufen. Im Internet ist schließlich ausreichend Platz für alle Influencer:innen, ob real oder virtuell. Verändert haben sie die Social-Media-Landschaft dennoch, denn ihre Existenz und ihr Erfolg deuten an, dass das Wort „real“ im Social-Web ein dehnbarer Begriff ist. Echt ist, was Nutzer:innen als echt empfinden. Ein physischer Körper scheint dafür nicht mehr zwingend notwendig zu sein.

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