Life & Style Diese Künstlerin verbindet Malerei mit AR: Sieht so die Zukunft der Kunst aus?

Diese Künstlerin verbindet Malerei mit AR: Sieht so die Zukunft der Kunst aus?

Eine Designerboutique in Berlin-Mitte: An der Wand hängt ein großes Ölgemälde mit bunten, dreidimensionalen Schnörkeln. Leuchtendes Gelb, helles Blau, glänzendes Silber, tiefes Rot und dunkles Lila vermischen sich, greifen ineinander, bilden einen Haufen, füllen die Leinwand komplett aus. Das Bild ist plastisch, springt einen förmlich an. Man kann es nicht übersehen. Davor steht die Künstlerin: Julia Jäger alias Ju Schnee. Klein, blonde Haare, mit Fischerhut, Jeans und Oversized-Pulli.

Das Werk mit dem Titel „Exhale“ wird im Rahmen des Berliner Pop-up-Art-Walk von einer großen Spirituosenmarke ausgestellt, auch andere junge Künstler:innen und Prominente wie Noah Becker und Leyla Fisher sind Teil der Veranstaltung. Es ist der erste Tag. Freunde und Bekannte sind vor Ort. Eine Menschentraube steht vor dem Ölgemälde von Jäger. Sie alle halten ihre Smartphones darauf. Zum einen, um Fotos von dem Werk samt Künstlerin zu machen. Zum anderen aber auch, um es mittels Augmented Reality zu animieren.

Blickt man mit der App Artivive auf das Werk, fallen die Schnörkel am unteren Ende aus dem Bild. Die flache Leinwand wird plötzlich zu einem Raum. Die Schnörkel kommen dann von oben wieder ins Bild reingeflogen, fallen in den Raum wie von der Schwerkraft angezogen, häufen sich – und fallen dann wieder raus aus dem Bild. Immer und immer wieder. Ein bisschen sieht das so aus, als wäre eines dieser pink-türkisen 90er-Jahre-Memphis-Designs plötzlich lebendig geworden.

Digitale Kunst mit Malerei zu verbinden – das ist das Alleinstellungsmerkmal von Julia Jäger. Andere Künstler:innen gehen oft klassischer vor, trennen die Disziplinen. Jäger aber versteht sich als interdisziplinäre Illustratorin und ist gleichzeitig auch ein bisschen die Influencerin unter den Künstlern und Künstlerinnen. 25 000 Follower:innen auf Instagram, eine Ausstellung bei einem Alkoholhersteller? Nicht ganz die klassische Kunstwelt.

Aufgewachsen ist Jäger in Graz, in einem bodenständigen, bürgerlichen Haushalt. Keiner Künstlerfamilie, wie sie betont. Auch wenn sie als Kind schon wusste, dass sie Künstlerin werden wollte, entschied sich Jäger für ein Grafikdesignstudium. Ganz typischer Gedanke: Lieber etwas machen, womit man sicher Geld verdienen kann. Noch während des Studiums machte sich Jäger im Bereich Kommunikationsdesign selbstständig. Die Idee, Künstlerin zu werden? Geriet in den Hintergrund. Jäger zeichnete zwar noch, zeigte ihre Bilder aber niemanden. „Ich dachte damals, dass die Menschen meine Zeichnungen nicht verstehen, weil sie superbunt und crazy sind“, sagt sie.

Als Jäger mit ihrem Mann nach Berlin zog, fing sie aber an, digitale Illustrationen zu entwerfen, kümmerte sich um Aufträge, baute sich von null ein Netzwerk auf und eine finanzielle Basis. Über Instagram knüpfte sie Kontakte. Noch in Graz, 2016, erstellte sie einen Account. Gab sich den Künstlernamen Ju Schnee, der von ihrem Mädchennamen Julia Schneeberger stammt. Ihr erster Job war ein Mural in einem großen Fotostudio, in dem immer wieder externe Fotograf:innen und große Marken arbeiten. Das war 2017.

Künstlerin Julia Jäger aka Ju Schnee. ©Svenja Trierscheid

Drei Jahre später bezieht Jäger ihr eigenes kleines Atelier in Berlin-Mitte in der Nähe vom Rosenthaler Platz. Ein Café grenzt an das nächste. Menschen sitzen draußen, trinken Kaffee. Die Tram rattert im regelmäßigen Takt. Jägers Atelier liegt jedoch in einer ruhigen Seitenstraße. Nah am Trubel, aber weit genug entfernt, um ihn auszublenden. Ihr Atelier ist, wie ihre Ölgemälde, bunt. Türkise Treppen führen hinein, der Boden ist rosa, eine Wand ist sattgrün gestrichen und wird geziert von einem leuchtenden Kringel mit zwei Schleifen – die „Schnee-Shape“, wie Jäger sie selbst nennt.

Die Form ist über die Jahre zu ihrer Signatur geworden. „Ich hatte eine Phase, in der ich krampfhaft nach einem eigenen Stil gesucht habe. Aber alles, was ich gemacht hatte, hat sich nicht natürlich angefühlt“, sagt sie. „Dann habe ich mal drauf geachtet, was ich male, wenn ich nicht nachdenke.“ In welcher Situation geht das besser als beim Telefonieren? Die einen malen Blumen, während sie der Person am anderen Ende zuhören, Jäger malt Kringel. „Das war perfekt. Ich fand die Idee schön, dass etwas so Banales auch der Protagonist sein kann. Ich fing an, den Kringeln Raum zu geben, sie aufzublasen, groß zu machen und alles andere wegzulassen“, sagt Jäger.

Ihre Kringel gibt es mittlerweile als Gemälde und Skulpturen – und als Datei. Einige ihrer Ölwerke hängen als Original an der Wand, digitale Werke ausgedruckt als Prints. Ihre Skulpturen baumeln als Mobile von der Deckenleuchte. Zwei große Leinwände, auf denen die Anfänge ihres nächsten Projekts zu sehen sind, stehen auf Holzstaffeleien. Gegenüber ein großer, lilafarbener Tisch. Außerdem: ein Sofa und ein Schreibtisch mit Laptop. Überall, wo man hinblickt, ist Farbe.

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