Productivity & New Work Entscheider: Darf ich die Kolleg:innen als Kummerkasten missbrauchen?

Entscheider: Darf ich die Kolleg:innen als Kummerkasten missbrauchen?

JA!

„Na, wie geht’s dir?“ Diese Frage stellen wir wohl so um die drölfmal pro Tag. Vor allem dann, wenn wir im Office auf die länger nicht gesichteten Kolleginnen und Kollegen treffen. Die häufigste Antwort ist „gut“. Doch in wie vielen Fällen stimmt das schon? Wohl in den wenigsten.

Also: Fangt an, ehrlich zu antworten. Sagt der Kollegin ruhig, wie mies ihr geschlafen habt, dass euch gerade die To-dos um die Ohren fliegen, ihr Streit mit dem Mitbewohner hattet oder warum auch immer ihr deprimiert seid. Gibt ja heutzutage viel zu viele Gründe (*sniff*). Ist die Kollegin ein wahrer Teamplayer, wird sie euch zuhören. Schließlich funktioniert ein Team nur dann, wenn alle Mitglieder funktionieren.

Zu Höchstleistungen ist der Mensch bekanntlich nicht gerade fähig, wenn er mit Frust und Kummer beladen ist und alle Sorgen runterschluckt. Erzählt der Kollegin also davon – entweder sie bleibt ruhig oder aber hat sogar aufbauende Worte parat. So oder so: Es sollte euch helfen. Aber Obacht! Ein gewisses, vertrautes Verhältnis sollte schon zwischen euch bestehen. Wahllos dem einen Kollegen ein Ohr abkauen, mit dem ihr höchstens ein Mal die Woche ein Wort auf Teams wechselt, ist keine so gute Idee. Vielleicht gibt es in eurem Unternehmen ja sogar eine Art Feelgood-Manager:in. Einen Kollegen, der extra ausgewählt wurde, um den Kummerkasten fürs Team zu spielen.

Falls nicht, wäre das mal ein Vorschlag, den ihr an die Chefs:innen weitergeben könntet. Denn hat man im Arbeitsumfeld die Möglichkeit, seinen Kummer loszuwerden, fühlt man sich gleich wohler im Alltag. Also: Werdet ihr gefragt, wie es euch geht, sagt ruhig: schlecht, mies, scheiße, nicht so blendend. Und erklärt, warum. Es kann nur helfen.

von Katharina Boecker

NEIN!

Folgendes Szenario: Ihr schleppt euch müde und gestresst ins Büro. Der Hund wollte die ganze Nacht keine Ruhe geben, und der Streit mit eurer besten Freundin bereitet euch Kummer und Sorgen. Doch im Office schluckt ihr den Unmut dann herunter, um keine schlechte Laune zu verbreiten und euch auf das Tagesgeschäft zu konzentrieren. Aber was macht eure Kollege?

Heult sich einen ab wegen seiner Beziehungsprobleme. Seine Freundin hier, deren gemeinsame Zeit da. Er wagt es auch noch, ungefragt veraltete Chatverläufe in euer Gesicht zu halten, während ihr kläglich versucht, ungelesene Mails abzuarbeiten und To-dos von letzter Woche nachzuholen. Ob ihr es gerechtfertigt findet, wie seine Freundin reagiert hat, nachdem er nicht veganen, sondern herkömmlichen Frischkäse nach Hause brachte? Ob das als ein Affront auf ihre vegane Lebensweise gelesen werden könne?

Himmelherrgott, euch geht nichts mehr am Allerwertesten vorbei als diese semidramatische Großstadt-Seifenoper, deren Zeuge ihr ungefragt geworden seid. Dabei habt ihr eigene Probleme. Im Gegensatz zu eurem Kollegen tragt ihr euer Alltagsdrama aber nicht euren Kolleg:innen vor, sondern verschont sie respektvoll mit diesem Ärger. Denn hierbei geht es nicht nur um Professionalität. Es geht auch um Respekt. Natürlich seid ihr keine Roboter. Auch ihr müsst über eure Probleme sprechen, um mit diesen umgehen zu können.

Der große Unterschied ist aber, dass ihr dies in eurer Freizeit tut, mit einem guten Freund oder einer Therapeutin. Ihr respektiert euer Team und wisst, dass es belastend sein kann, Probleme von anderen zu hören. Vor allem dort, wo das alles nicht hingehört: im Office.

von Vincent Sahin

Dies ist ein Text aus unserer Ausgabe 1/2022: In unserem Dossier beschäftigen wir uns mit dem Comeback des luxuriösen Lifestyles: reisen, speisen, residieren. Wir haben außerdem die Königsklasse der Fin-Meme-Bubble Papas Kreditkarte und Hedgefonds Henning zum Doppelinterview getroffen. Und mit Sony Musics GSA-CEO über seine Wurzeln gesprochen, über Dante Alighieri und darüber was ein Plattenlabel ausmacht, wenn es gar keine Platten mehr gibt. Hier gibt es das Magazin zum Bestellen.

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