Female Entrepreneurship Warum so wenig in weibliche Gesundheit investiert wird – und was Gründerinnen tun können

Warum so wenig in weibliche Gesundheit investiert wird – und was Gründerinnen tun können

Der FemTech-Markt ist vielversprechend und wächst. Die Bereiche, die es umfasst, werden immer mehr, beschränken sich nicht nur auf Schwangerschaft, sondern umschließen zum Beispiel auch Sexual Wellness. Bis 2025 soll der Markt auf 75 Billion Dollar wachsen. Und dennoch: Startups im FemTech bekommen wenig Investments.

Hana Besbes ist Expertin für Digital Health, investiert als Investment Manager mit dem Fonds Heal Capital europaweit 100 Mio. Euro in HealthTech Startups. Im Interview erklärt sie, weshalb Investor:innen bei Investements in FemTech zögern und was FemTech-Gründer:innen beachten sollten, um ein Investment zu erhalten.

Hana, wieso gibt es so wenige Investments im Bereich Frauengesundheit?

FemTech ist eine aufstrebende Kategorie im Bereich HealthTech VC, die in den letzten drei bis vier Jahren entstanden ist. Sie befasst sich mit einem kritischen Bereich des Gesundheitswesens – der Frauengesundheit. Ein Thema, das lange stigmatisiert wurde und zudem auch noch unterfinanziert, untererforscht und unterversorgt ist. Daher stehen FemTech- Gründer:innen vor der gewaltigen Aufgabe, alle Beteiligten – von Patientinnen über Anbieter:innen, Kostenträger:innen und Regulierungsbehörden bis hin zu Investor:innen aufzuklären.

FemTech ist nicht nur eine neue Kategorie in der Gesundheitstechnologie, sondern eine neue soziokulturelle Bewegung. Die Tatsache, dass VC ein von Männern dominierter Bereich ist, macht die Aufgabe nicht gerade einfacher. Denn oftmals fehlt es diesen an Awareness und dem Verständnis dafür, welche Bedürfnisse Frauen beim Thema Gesundheit haben. Ich hatte tatsächlich schon die Situation, dass ich von männlichen Investoren gefragt wurde: “Menopause? Wieso ist das ein Problem? Das ist doch ganz normal.” 

Wieso zögern Investor:innen?

Neben der Notwendigkeit zur Aufklärung und Sensibilisierung aller Beteiligten, einschließlich Investor:innen, stehen FemTech-Gründer:innen vor zwei weiteren großen Herausforderungen:

  1. Die Daten-Lücke: 

Frauengesundheit ist bisher noch nicht ausreichend erforscht und finanziert. Grund dafür ist, dass wir zu lange nicht an klinischen Studien teilnehmen durften. FemTech-Gründer:innen stehen daher vor der zusätzlichen Herausforderung, diese Daten-Lücke zu schließen und reale Erkenntnisse zu sammeln. Die technische Herausforderung besteht darin, eine solide Back-End Daten-Infrastruktur aufzubauen. Daher ist es wichtig, das Vertrauen der Frauen zu gewinnen, sie zur Teilnahme an Datenerhebungen zu motivieren und eine Community zu kreieren.

Dazu stehen wir noch vor einer weiteren Herausforderung: Investor:innen möchten vor einer Investition belegende Daten und klinische Validierung sehen. Aber FemTech-Gründer:innen benötigen Finanzmittel, um genau diese Daten-Infrastruktur aufbauen zu können.

  1. Neue Kategorie: 

Für Investor:innen sind Femtech-Startups eine innovative, neue Kategorie. Sie schafft neue Märkte. Das bedeutet, dass es schwierig ist, die wahre Marktgröße abzuschätzen und dass hauptsächlich Bottom-up-Analysen durchgeführt werden müssen.

© Besbas.

Nach welchen Kriterien suchst du FemTech-Investments aus?

Ich suche vor allem nach innovativen Konzepten, die dazu beitragen, die Daten-Lücke zu schließen. Meiner Meinung nach geht das auf zwei Arten: 

Durch die Versorgung: Hier schaue ich mir an, inwieweit die Lösung des FemTechs wirklich einen Unterschied macht und ob sie Frauen als Patientinnen in den Mittelpunkt stellt. Eine gute Versorgung hört nicht bei der Diagnose auf, sondern lässt die Patientinnen während der gesamten Behandlungszeit nicht alleine. Positivbeispiele sind Startups mit einem hybriden Modell aus digitalen und stationären Angeboten wie Tia, Oula oder Kindbody.

Durch die Einbettung neuartiger Biomarker und Interventionen: Hier suche ich nach FemTechs, die eine Lösung für eine 10x bessere Diagnose oder Behandlung entwickeln. Besonderen Wert lege ich dabei vor allem auf Fortschritte der reproduktiven oder sexuellen Gesundheit, Fruchtbarkeit, Menopause oder anderen Erkrankungen. Auch ein weniger komplexes Produkt, wie ein Schwangerschaftstest, der über eine Plattform vertrieben wird, kann dabei schon ausreichen, solange die Sammlung von Daten im Fokus steht.

Deswegen ist auch der Community-Gedanke so wichtig. Erfolgreiche FemTechs brauchen eine Gemeinschaft von Frauen, die bereit sind, die Forschungs- und Entwicklungsarbeit mit wertvollen Daten zu unterstützen. Daher ist die Datenbasis für mich tatsächlich der entscheidende Faktor, wenn es um den Wert und Mehrwert eines Unternehmens geht. Ich kann mir vorstellen, dass Hertility Health, Wawa Fertility, Syrona Health, Bia Care, Daye, Juno Bio, The Lowdown, und Levy Health das schaffen.

Welche Fakten dürfen im Pitch Deck in diesem Bereich nicht fehlen?

  1. Ich schaue, ob eine Frau im Gründer:innen-Team ist. In ein Team, das ausschließlich aus Männern besteht, investiere ich nicht. 
  2. Das Produkt entspricht einer der beiden oben genannten Arten
  3. Die Gründer:innen denken langfristig und haben den eisernen Willen, die Datenlücke zu schließen. Nur so lässt sich der Weg für neue Therapiemöglichkeiten ebnen. 

Was müssen FemTech-Gründer:innen mitbringen, um Chancen auf eine Finanzierung zu haben?

FemTechs sind wirklich nur etwas für Leute mit Biss und enormem Durchhaltevermögen. Das ideale Gründer:innen-Team besteht aus Expert:innen, die einen Medizin-, Forschungs- und Technologie-Hintergrund haben und zudem Business-Affinität besitzen. Außerdem ist auch das Marketing wichtig, da FemTechs relativ neu und entsprechend unbekannt sind.

Nach außen hin braucht es eine starke Gründerin, die das Vertrauen der Kundinnen gewinnen kann. Das Thema Community habe ich bereits angesprochen. Im Endeffekt wünsche ich mir ein multidisziplinäres Team, was jedoch leider ziemlich selten ist. 

Wie können sie beweisen, dass sie Game-Changer:innen sind?

Um das herauszufinden, stelle ich in der Regel folgende Fragen: „Welches Problem von Frauen verbessert ihr um den Faktor 10?”, „Wie radikal verändert ihr den Standard der Frauengesundheit?”, „Habt ihr ein wirklich neues Produkt oder eine bahnbrechende Therapie?”. Da will ich konkrete Lösungen hören. Natürlich ist es schön, wenn ein FemTech meine durch Endometriose verursachten Schmerzen um 20 Prozent lindern kann. Aber ich habe dann immer noch 80 Prozent Schmerzen.

Auch Nutzerzahlen und die Engagement-Rate spielen für mich eine Rolle. Benutzen die Frauen eine App wöchentlich oder täglich? Haben sie Vertrauen in das Produkt? Gibt es eine Community und darauf aufbauend eine Datenstrategie? Zuletzt achte ich auch darauf, ob das Konzept auch skalierbar ist – in Europa und weltweit. Die Hälfte der Weltbevölkerung sind Frauen – und sie alle haben Anspruch auf eine angemessene Gesundheitsversorgung.

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