Personal Finance Interview: „Das Interesse an der Börse passiert über den Wald“

Interview: „Das Interesse an der Börse passiert über den Wald“

Cash vor lauter Bäumen: Autor Stephan Philipp darüber, wie er zwei scheinbar widersprüchliche Welten vereint.

Herr Philipp, Sie sind Experte des Waldes und Experte der Börse. Wie sind Sie mit beiden Welten in Kontakt gekommen?

Ich bin am Rande des Waldes in einem kleinen Dorf in Oberbayern aufgewachsen. Das Interesse für Landwirtschaft und Natur war daher immer schon da. Ich habe Forstwissenschaften und Consumer Science studiert. Anschließend habe ich bei der bayerischen Forstverwaltung gearbeitet, heute bin ich stellvertretender Landesforstdirektor in Vorarlberg. Seitdem bin ich dem Wald verbunden.

Der Wald also als Berufung. Ist das bei der Börse und Anlageprodukten dann ebenfalls der Fall?

Ich habe mich schon als Kind mit der Börse beschäftigt, weil mein Vater sehr börsenaffin war. Ich würde die Börse als Hobby bezeichnen, in das ich sehr früh hineingewachsen bin. Nach der Finanzkrise 2008 habe ich mich dann immer intensiver mit der Börse auseinandergesetzt. Fast mein gesamtes liquides Vermögen ist an der Börse angelegt.

Welche der beiden Welten hat in Ihrem Leben mehr Gewicht?

Mein Beruf im Bereich Ökologie nimmt den größeren Teil ein, aber die Ökonomie ist eben ein großes, privates Interesse von mir. Das Spannende daran: Die Forstwirtschaft verbindet Ökologie und Ökonomie auf eine einzigartige Art und Weise.

Erklären Sie uns bitte den Zusammenhang.

Es ist so: Die Börse und der Wald sind beide relevant, egal, ob für die Schülerin oder den Rentner. Dabei haben sicher 90 Prozent der durchschnittlichen Bevölkerung ein völlig falsches Bild von beiden Welten.

Das da wäre?

Das Bild vom Wald sieht so aus: Am besten in Ruhe lassen, nicht bewirtschaften und bloß keine Bäume fällen. Dabei werden durch eine sinnvolle Nutzung des Waldes stabile Wälder geschaffen, die klimatolerant sind, und die Biodiversität häufig sogar erhöht, außerdem ist Holz ein einzigartiger Rohstoff. Und da, wo ich den Baum fälle, kann ein neuer wachsen. Das sind nur zwei Beispiele.

Und welches vielleicht falsche Bild haben wir Menschen von der Börse?

Es wird gerne gesagt, dass es bei der Börse nur um Zockerei geht. Dabei gibt es ebenfalls sehr konservative Weisen, in Firmen zu investieren. Vor allem, wenn es Firmen sind, die seit Jahrzehnten existieren. Zum anderen spiegelt sich alles, was politisch, sozial oder technologisch passiert, irgendwie an der Börse wider. Das ist doch hoch spannend und kann zu Aha-Erlebnissen führen, die auch immer wieder in Menschen ausgelöst werden, die ich durch den Wald begleite. Es gibt wirklich einige Analogien zwischen Wald und Börse.

„Investieren wie ein Förster“ Finanzbuch Verlag, 160 Seiten, 15 Euro

Diese Analogien haben Sie in einem Buch mit dem Titel „Investieren wie ein Förster: Was Sie vom Wald für die Börse lernen können“ zusammengefasst. Können Sie eine Analogie beispielhaft erläutern?

Ja, das langfristige Handeln zum Beispiel. Im Wald geschieht alles in Generationen. Wir ernten die Bäume, die unsere Urgroßeltern gepflanzt haben. Alles, was wir in der Forstwirtschaft schaffen, wird für Jahrzehnte oder Jahrhunderte geschaffen. Genauso sollte man auch seine Anlagen an der Börse langfristig planen, vielleicht sogar generationsübergreifend. Es wäre sinnvoll, seine Aktien mit dem Ziel zu kaufen, sie vererben zu können und nicht selbst verkaufen zu wollen. Eine weitere Analogie, über die sich schmunzeln lässt, ist die von Rehen und Finanzbeamt:innen.

Diesen Zusammenhang müssen Sie bitte hier erklären.

Das ist tatsächlich weit hergeholt, aber ich spreche damit zwei Themen an, die nicht gerade unwichtig sind: die Jagd und die Steuern. Der erste Punkt: Forstwirtschaft und Jagd stehen im emotionalen und politischen Konflikt. Schon immer, wenn es um das Schießen von Wild geht.

Und der zweite Punkt?

Wir Menschen stehen der Zahlung von Steuern oft kritisch gegenüber. Das liebste Hobby der Deutschen ist es, Steuern zu sparen. Bei manchen führt das sogar zu Steuerhinterziehungen. Dabei ist eine Besteuerung fair. Sowohl die Jagd als auch die Steuern sind auf gewisse Weise unverzichtbar.

Schauen wir auf die Rolle des Menschen. Welche Parallelen sehen Sie zwischen Förster:innen und Investor:innen?

Beide müssen langfristig sowie breit denken. Diversifikation auf allen Ebenen. Bloß keinem Hype nachlaufen oder auf einen Trend vertrauen, sondern ausgewogen denken. Gleichzeitig ist eine positive Grundhaltung für beide enorm wichtig. Ebenso wie Gelassenheit.

Wie sind Ihnen solche Analogien in den Sinn gekommen? Haben Sie sich vor Ort im Wald Inspiration gesucht?

Im Gegenteil. Ich hatte alle Analogien bereits im Kopf. Ich habe einfach drauflosgeschrieben. Die meisten Ideen sind mit den vielen Jahren an Erfahrung gekommen, viele davon beim Bergsteigen. Ganz ohne Inspiration aus der Natur lief es also tatsächlich doch nicht ab.

Börsenratgeber gibt es mittlerweile wie Sand am Meer. Warum haben Sie sich dennoch dazu entschieden, einen weiteren ins Rennen zu schicken?

Es ist kein Investmentratgeber für Profis. Ich will viel mehr auf einer großen Metaebene Menschen Zugang zur Börsenwelt verschaffen. Den Menschen, die Vorurteile gegenüber der Börse haben oder auch denen, die noch Hemmungen haben, zu investieren. Ich will Interesse wecken, das passiert über den Wald.

Im letzten Kapitel Ihres Buches bringen Sie die Welten zusammen und verraten, wie gezielt in den Wald investiert werden kann. Wie sehen die Möglichkeiten aus?

Die naheliegende Option ist es, selbst Wald zu besitzen. Es gibt allein in Deutschland schätzungsweise fast zwei Millionen Waldbesitzer. Der klassische Weg ist es, das Holz zu ernten und zu verkaufen, wobei die Rendite dort sehr gering ist, wie generell in der landwirtschaftlichen Produktion. Es gibt jedoch innovative Vermarktungsmöglichkeiten der sogenannten Non-Timber-Forest-Products, auf die ich eingehe.

Und welche Möglichkeiten hat man, wenn man selbst keinen Wald besitzt?

Man kann natürlich auch direkt über die Börse investieren. In Gesellschaften, die Millionen Hektar Wald bewirtschaften und ein eigenes Sägewerk besitzen. Oder auch in Hersteller von Forstmaschinen. Das sind verschiedene Beispiele, die ich vorstelle. Damit liefern Sie einen Anstoß, um über die Investition in den Wald nachzudenken.

Besteht darin Ihr zentraler Wunsch?

Das Wichtigste ist für mich, dass verstanden wird, dass Ökonomie und Ökologie keinen Widerspruch bilden, sondern sich sogar gegenseitig bedingen. Die Bewirtschaftung des Waldes ist so wichtig wie die des eigenen Geldes. Mit dem Ratgeber will ich erreichen, nicht allen reißerischen Schlagzeilen zu glauben, sondern sich sein eigenes Bild von Wald und Börse zu machen.

Dies ist ein Text aus unserer Ausgabe 1/2022: In unserem Dossier beschäftigen wir uns mit dem Comeback des luxuriösen Lifestyles: reisen, speisen, residieren. Wir haben außerdem die Königsklasse der Fin-Meme-Bubble Papas Kreditkarte und Hedgefonds Henning zum Doppelinterview getroffen. Und mit Sony Musics GSA-CEO über seine Wurzeln gesprochen, über Dante Alighieri und darüber was ein Plattenlabel ausmacht, wenn es gar keine Platten mehr gibt. Hier gibt es das Magazin zum Bestellen.

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