Leadership & Karriere Entscheider: Darf man im Büro auf Doppelmoral hinweisen?

Entscheider: Darf man im Büro auf Doppelmoral hinweisen?

JA!

Montag. 10 Uhr. Büro. Während ich genüsslich in meine Avocado-Stulle beiße und einen großen Schluck Kaffee nehme, blickt mich mein Kollege skeptisch an. Ich hebe fragend die Augenbrauen. Keine drei Sekunden später sprudelt es aus ihm heraus: Nicht Fairtrade blabla. Hoher Wasserverbrauch blabla. Schädlich fürs Klima blabla. Toll. Karl Georg von und zu Korinthenkacker hat mir mein Essen versaut. Noch schlimmer: Natürlich hat er recht. Und er darf mich darauf hinweisen. Aber: Wie du mir, so ich dir.

Denn genau dieser Kollege fliegt drei Mal im Jahr in den Urlaub, vertilgt kiloweise Schnitzel und druckt Dokumente wie am Fließband – einseitig! Das soll ethisch okay sein? Never. Mit zweierlei Maßstab messen? Nicht mit mir. Wer im Büro als Moralapostel auftritt, sollte sich auch so verhalten. Zeit für eine Lektion in Sachen Doppelmoral. Ich lege meine Avocado-Stulle genervt auf den Teller, schleife meinen Kollegen an seinem Fast-Fashion-Hemd an den Laptop und zwinge ihn zu googeln, wie viel Wasser ein Schnitzel gegenüber einer Avocado auf seinem langen Weg bis auf den Teller benötigt. Spoiler: mehr. Ich gehe mal davon aus, dass ihm bereits klar ist, wie schädlich Flugzeuge und Waldrodung für die Umwelt sind. Doch mit dem heiß geliebten Lunch-Schnitzel treffe ich ihn so richtig.

Der Kollege schweigt. Strike! Später hat er es dann allerdings geschafft, sich ein Gegenargument zurechtzulegen: Die Vegetarier würden ja seinen Umweltschaden ausgleichen. Ich resigniere, gehe an meinen Platz, erstelle das Meme „One does not simply have double standards“ mit seinem Gesicht darauf, drucke es 30-mal aus und hänge es überall im Büro auf. Natürlich einseitig. Dann eben so.

von Nicole Plich

NEIN!

Alles vor dem ersten Kaffee ist Notwehr – mein Lebensmotto. Jetzt ist es raus. Deshalb habe ich fast immer einen großen Thermosbecher Kaffee im Büro dabei. Ja, ich meine, fast. Denn es gibt tatsächlich Tage, an denen mein müdes, gestresstes Ich es nicht schafft, vor Dienstantritt Kaffee zu kochen, geschweige denn den Becher einzustecken. Dann hüpfe ich eben kurz ins Café ums Eck und gebe viel zu viel Kleingeld für einen Kaffee aus, der lieblos in einen Papierbecher geschüttet wird. Egal: Hauptsache, Koffein vorm ersten Call.

Angekommen im Büro, hoffe ich dann einfach nur, dass dieser eine Kollege nicht schon wieder mit erhobenem Zeigefinger und vorwurfsvoller Stimme auf mich zukommt und mich darauf hinweist, wie schädlich dieser Einwegbecher doch für die Umwelt sei. Ja, Thorsten, ich weiß, dass das nicht so cool ist. Aber pack die Doppelmoralkeule mal ganz schnell wieder ein. Ich sage schließlich auch nichts, wenn du den dritten Mittag in Folge dein Mettbrötchen rausholst. Nicht mal strafende Blicke bekommst du von mir, obwohl mich dein übermäßiger Fleischkonsum innerlich zum Brodeln bringt. Ich lasse es mir nicht anmerken. Ich sage nichts, weil es einfach nicht meine Aufgabe ist. Und das gilt umgekehrt genauso.

Die Doppelmoral kannst du gerne deinen Freundinnen, Kumpels, Kindern oder der Lokalpolitikerin in deinem Kiez vorwerfen, aber nicht mir als Kollegin. Ansonsten müssen wir das anders regeln, und ich werde erzählen, es war Notwehr – das will doch niemand, Thorsten. Also lass mich mal alle drölf Tage den Kaffee ausm Papierbecher trinken und sprich mit mir über wirklich wichtige Dinge. Arbeit zum Beispiel.

von Katharina Boecker

Dieser Text stammt aus unserer Ausgabe 3/22. In unserem Dossier dreht sich dieses Mal alles um das Thema Climate-Tech. Auch mit dabei: Wie der Head of Hiphop dem Streamingriesen Apple Music endlich eine junge Zielgruppe zuführen soll. Außerdem: Was passiert im Super Startup Adventure Camp Barcelona? An welcher veganen Alternative arbeitet das Food-Tech-Startup Perfeggt? Und noch vieles mehr…

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