Personal Finance Warum unser Kolumnist Philipp Sandner den Bitcoin als langfristige Chance sieht

Warum unser Kolumnist Philipp Sandner den Bitcoin als langfristige Chance sieht

Eine Kolumne von Philipp Sandner

Herr Sandner, was spricht derzeit für die langfristige Chance von Bitcoin?

Ich persönlich bleibe auch in Zeiten des Kryptocrashs Optimist. Zum einen, weil der Bitcoin auf 21 Millionen Tokens limitiert ist. Und mit der Inflation, die uns momentan sorgenvoll stimmt, denke ich, dass Anleger:innen über die Zeit den Wert von knappen Assets erkennen – im Gegensatz zu den Zentralbanken, die weiterhin fröhlich Geld drucken. Zum anderen ist ganz wichtig, dass der Bitcoin eine langfristige Adoption erlebt. Er lässt sich technisch gesehen von den Turbulenzen am Markt nicht durcheinanderbringen – alle zehn Minuten wird weiterhin ein neuer Block gebildet.

Das Prinzip von Angebot und Nachfrage bleibt?

Ja. Wenn große Anleger:innen weiter verkaufen, wie etwa Kryptofonds, dann fallen die Kurse natürlich auch. Und eines der großen Risiken ist, dass viele Investor:innen – auch Kryptofonds – Kryptowährungen auf Kredit gekauft haben. Wenn die dann gezwungen werden zu verkaufen, kommt es zu Kettenreaktionen, wie wir sie momentan sehen. Es ist wichtig, solche Zusammenhänge zu verstehen, um nicht in unbegründete Panik zu verfallen.

Eignen sich Kryptos als Goldersatz und neuer „Safe Haven“?

Die Limitation des Bitcoin auf 21 Millionen Tokens – und der damit einhergehende Inflationsschutz – stellt einen signifikanten Faktor dar. Eine Inflation findet nicht von einem Moment auf den anderen statt, sondern entwickelt sich langfristig. Die Preise steigen nicht mit einem Mal nach oben, sondern werden langsam immer höher und höher. Daher sollte man die Bitcoin-Preisentwicklung und die Inflation langfristig vergleichen. Tagesschwankungen des Bitcoin sind nicht aussagekräftig – stattdessen kann man sich zum Beispiel die 200-Wochen-Linie anschauen. Die Linie steigt stetig. Und das zeigt wieder: Bitcoin ist ein langfristiges Thema.

Goldman Sachs erwartet, dass Bitcoin dieses Jahr die 100 000-Dollar-Marke knackt. Wieso?

Auf welchen ausgeklügelten Modellen Goldman Sachs diese Prognose basiert, kann ich natürlich nicht einsehen. Beim aktuellen Kryptocrash, der seinen Beginn Anfang Mai mit dem Terra-(Luna-)Desaster fand und bis zuletzt andauert, ist der Bitcoin von vormals 38 000 Dollar runter auf 18 000 Dollar. Irgendwann wird der Boden erreicht sein. Die Preisschwankungen des Bitcoin haben aber nichts mit dem – meiner Meinung nach genialen – technischen Grundgedanken der Kryptowährung zu tun. Gerade auch mit der Inflation werden Anleger:innen knappe Assets vermehrt wertschätzen. Ich kann mir vorstellen, dass der Bitcoin wieder auf die Preise der letzten Monate zurückkehren wird. Ob das jetzt aber 100 000 Dollar werden, das kann keiner vorhersagen.

Was hat es mit dem Euro-Stablecoin von Circle auf sich?

Erstmals, bedingt durch die Anhebung der Euro-Leitzinsen über null, ist eine konservative Deckung des Euro ohne Zahlung von Negativzinsen möglich. Das macht sich das US-amerikanische Unternehmen Circle zum Vorteil und geht mit einem Euro-Stablecoin, dem EUROC, auf den Markt. Das hat zwei große Vorteile für die Europäer:innen: Zunächst einmal fällt für Besitzer:innen von tokenisiertem Fiatgeld sowie für Händler:innen im Im- und Exportgeschäft das bisher herrschende Wechselkursrisiko weg. Gleichzeitig kann die EZB ebenfalls durch einen zusätzlichen Ankäufer von Euro-Staatsanleihen profitieren. Die Idee hinter EUROC finde ich klasse und denke, dass diese auch funktionieren wird. Bloß schade, dass es mal wieder nicht die Europäer:innen selbst sind, die die großen digitalen Geschäftsmodelle im Bereich Finance entwickeln.

Wie immer zum Abschluss: HODL?

Da kann ich wie immer nicht für alle sprechen; jedoch halte ich es für Trader:innen für nicht uninteressant, weiter zu beobachten, wie sich der Bitcoin als knappes Asset in der auf uns zukommenden Inflation verhalten wird.

Dieser Text stammt aus unserer Ausgabe 4/22. Gregor Gysi, Claudia Obert und die Tiktokker Elevator Boys haben mit uns über Geld gesprochen. Außerdem haben wir Streetwear-Legende Karl Kani getroffen und unseren Reporter Dolce Vita auf der Modemesse Pitti Immagine Uomo genießen lassen. Hier geht es zur Bestellung – oder ihr schaut am Kiosk eures Vertrauens vorbei.

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