Personal Finance Wachsende Kriegs- und Katastrophengefahr rückt plötzlich die Bargeldversorgung wieder in den Mittelpunkt

Wachsende Kriegs- und Katastrophengefahr rückt plötzlich die Bargeldversorgung wieder in den Mittelpunkt

Lange war der Trend umgekehrt: digitale Zahlungsmethoden setzen sich immer mehr durch. Doch unter den Vorzeichen einer unsicheren geopolitischen Lage geht es jetzt wieder um Bares. Schließlich funktionieren Geldscheine auch, wenn der Strom ausfällt. Die Bundesbank hat deswegen jetzt ein „Nationales Bargeldforum“ gegründet. Auch die EU macht sich Sorgen.

Banken und Verbände unterschiedlicher Branchen machen sich Sorgen ums Bargeld. Aus diesem Grund haben sie unter Federführung der Deutschen Bundesbank ein „Nationales Bargeldforum“ gegründet. Sein Ziel ist es, so steht es im Gründungsmandat, „Bargeld als kostengünstiges und effizientes Zahlungsmittel in einem Umfeld des sich wandelnden Zahlungsverhaltens verfügbar zu halten und zu sichern“. Interessant ist die Liste der Unterzeichner, die bei der Gründungsveranstaltung im Februar dabei waren: Neben der Bundesbank und den Bankenverbänden, waren dies unter anderem auch das Bundesamt für Bevölkerungsschutz, sowie Vertreter der Industrie- und Handelskammern und des Hotel- und Gaststättenverbandes. Sie alle verbindet ein gemeinsames Interesse: Falls in einem Krisenfall zentrale Bezahldienste der Banken ausfallen, bleibt Bargeld die einzige halbwegs katastrophensichere Bezahlmöglichkeit. Schließlich funktioniert Bargeld ohne Strom und ohne Smartphone oder andere Endgeräte.

Neben dieser nationalen Initiative arbeitet auch die EU an einer Richtlinie, die die Bargeldversorgung sicherstellen soll. Dort geht es vor allem ums Geldabheben auf dem flachen Land. Die EU will, dass Banken, die eine Filiale oder einen Geldautomaten stilllegen wollen, eine umfassende Folgenabschätzung dazu vornehmen, wie sich das auf die Verfügbarkeit von Papiergeld im Umkreis auswirken würde. Der EU-Vorstoß hat bereits zu Gegenreaktionen geführt: Ein Wust an Bürokratie käme da auf sie zu, schimpft der Verband Deutsche Kreditwirtschaft (VDK) im Fachmagazin „Finanzbusiness”. Institute würden es sich nun dreimal überlegen, ob sie überhaupt einen Automaten aufstellen, wenn sie befürchten müssen, den bei Unrentabilität nicht mehr ohne weiteres abbauen zu können. Ähnliches gelte für Filialen: Der letzte, der geht, den beißen die sprichwörtlichen Hunde; denn solange es im Umkreis noch ein Konkurrenzinstitut gibt, werde eine Bank ohne großen Aufwand ihre eigene Präsenz zurückfahren können. Als alleiniger verbleibender Anbieter klappt das wohl kaum. Das EU-Vorhaben könnte deswegen die Bargeld-Versorgung eher erschweren. Klar wird bei dieser Argumentation: Auch dem VDK geht es um Bares, das er sicherstellen möchte.

Hintergrund der Bemühungen der EU und des neu gegründeten Nationalen Bargeldforums sind nicht nur Sorgen vor Großkatastrophen wie einem Krieg, sondern auch fast schon alltägliche Entwicklungen, die die Bargeldversorgung aktuell erschweren. Auf dem Land sind Banken inzwischen dünn gesät. Mit ihnen sind auch die Geldautomaten verschwunden. Wer Geld von seinem Konto an der Supermarktkasse ausgezahlt haben will, muss sich an die Öffnungszeiten halten und oft für eine Mindestsumme einkaufen. Und jene Cash-Maschinen, die alleinstehen und nicht an eine Bankfiliale angebunden sind, sind teuer für die Betreiber. Auch wegen der nicht enden wollenden Überfälle auf die Maschinen, in denen sich in der Regel zwischen 50.000 und 100.000 Euro befinden können, gehen die Kosten nach oben und die Automaten werden abmontiert. 

Lange schien gegen die Sprengungen kein Kraut gewachsen zu sein. Noch 2021 wurden bundesweit aus 392 Automaten, die in die Luft flogen, knapp 20 Millionen Euro erbeutet. Selten werden die Flüchtigen direkt gefasst, so wie kürzlich vier Kriminelle in Bayern, deren Fluchtwagen liegenblieb. Wegen der Brutalität der Kriminellen befassen sich bundesweit Sonderkommissionen mit der Bekämpfung, sei es durch Technik und Schutzmaßnahmen, sei es durch neue Verfahren der Verfolgung. In Nordrhein-Westfalen können die Experten laut NRW-Innenministerium bereits eine Abnahme der Sprengungen verzeichnen. Von 182 im Jahr 2022 ging die Zahl 2023 auf 153 zurück. Und im laufenden Jahr spricht alles für einen noch stärkeren Rückgang: Nur sieben solcher Überfälle auf Automaten gab es dort bislang. Zur Minderung des Risikos dienen Farbpatronen, die im Falle gewaltsamer Öffnung des Automaten das Papiergeld darin markieren und damit unbrauchbar machen sollen. Das schreckt viele aber nicht ab – sei es, dass es kriminelle Abnehmer auch für das gefärbte Geld im Ausland gibt, sei, dass die Täter auf Scheine hoffen, die der Färbung entgangen sind. Das Bundeskriminalamt spricht von einem wenn auch kleinen „Zweitmarkt” für eingefärbtes Geld, vor allem in Osteuropa. Man zahlt für die Scheine dort immer noch 50 Prozent des Nennwertes. 

Die Automatenbetreiber wehren sich nach Kräften und auf ihre Weise: Für Sprengungen mit Gas gibt es im Gerät ein Gegengasgemisch, das die Zündung verhindert; die Färbetechnik wird raffinierter, Einnebelung wird im Einzelfall probiert. Pro Automat kommen da aber schnell fünf- oder gar sechsstelllige Beträge nur für die Sicherheitstechnik zusammen. Aus Kostengründen arbeiten inzwischen sogar strikt konkurrierende Cash-Gruppen zusammen, so etwa Sparkassen und Volksbanken, die Automaten entweder gleich nebeneinander aufstellen und so die Überwachung vereinfachen, oder in Einzelfällen sogar gemeinsam Automaten betreiben. Damit entfallen Gebühren für jeweilige Kunden beider Finanzverbünde. Schließlich gibt es Online-Meldeportale für verdächtige Bewegungen am Automat – insgesamt wird die Luft für die Kriminellen dünner. 

Aber eben auch die Versorgungslage mit Bargeld, dem nach wie vor beliebtesten Zahlungsmittel der Deutschen, wird nicht besser. Die Vorteile des Bargelds, nämlich Anonymität, leichte Transportmöglichkeit und eben physische Verfügbarkeit auch in Krisenzeiten liegen den Deutschen offenbar am Herzen, die im internationalen Vergleich bei der Bargeldnutzung immer noch weit vorne liegen. Die Bundesbank unterstützt das: „Bargeld wird weiterhin als Zahlungs- und Wertaufbewahrungsmittel zur Verfügung stehen. Es ist einfach, schnell und sicher zu handhaben, wahrt die Privatsphäre und ist bei Störungen des unbaren Zahlungsverkehrs das einzige kurzfristig verfügbare und einsetzbare Zahlungsmittel”, betont die Frankfurter Notenbank und hebt im Protokoll zur Gründungssitzung des Nationalen Bargeldforums unter anderem die „Not- und Krisenvorsorgefunktion“ des Bargelds hervor, die dazu geführt habe, dass das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe eben Teil des Gremium geworden ist.

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