Productivity & New Work Unser Kolumnist Nico Rose plädiert für Hierarchien im Job

Unser Kolumnist Nico Rose plädiert für Hierarchien im Job

Eine Kolumne von Nico Rose

Niemand geht am Freitag nach Hause und sagt: „Mensch, was bin ich diese Woche wieder geil geführt worden.“ Diesen Satz streue ich regelmäßig in meine Vorträge ein, weil er verlässlich für Lacher sorgt. Aber auch für Aha-Momente. Zunächst: Natürlich fühlen sich einige Menschen schlecht geführt, es gibt ganze Bücherregale über inkompetente Führungskräfte. Allerdings füllen andere diese Rolle hervorragend aus. Doch an die denken wir meist nicht – wir sprechen darüber, was wir selbst gewuppt haben: Projekte, Kund:innen, Leistung. Und vergessen darüber bisweilen, dass eine erstklassige Führungskraft möglicherweise erst den Boden dafür bereitet hat. Schon im „Tao Te King“ steht, der beste Führer sei jener, dessen Wirken nicht bemerkt wird.

Nun genießt hierarchische Führung derzeit keinen guten Ruf. Hierarchien, heißt es, hätten ausgedient. Der heiße Scheiß sind Agilität, Selbstorganisation, Holocracy und andere „Betriebssysteme für Organisationen“. Wenn überhaupt Hierarchie, dann bitte schön möglichst flach. So geht eine Heerschar von Beraterinnen mit entsprechenden Konzepten hausieren. Klar, etwas muss man den verunsicherten Unternehmen auf der Suche nach dem nächsten Produktivitätskick schließlich verkaufen. Ich hingegen möchte hier einmal das hohe Lied der Hierarchie anstimmen.

Auf die Verantwortung kommt es an

Google hatte Anfang des Jahrtausends versucht, klassische Managementrollen vollständig abzuschaffen. Das Experiment dauerte wenige Wochen, dann kam die Rolle rückwärts. Hauptproblem: Menschen fühlten sich zunehmend orientierungslos, wussten nicht mehr, wohin mit sich und ihrem Engagement. Später machte sich Google über Jahre datengetrieben auf die Suche nach den Faktoren erstklassiger Führung in der Organisation. Fazit: Der Ton macht die Musik. Die besten Führungskräfte sind keine allwissenden Superheld:innen, sondern bestärken die Autonomie und das Wohlbefinden des Teams. Sie können loslassen und kümmern sich um die Entwicklung der ihnen Anvertrauten. Sie erzeugen Bindung qua ihrer Person, weil sich Menschen bei ihnen gut aufgehoben fühlen.

1997 habe ich meinen Wehrdienst abgeleistet. In der Armee gibt es ein geflügeltes Wort: „Melden macht frei.“ Wer ein Problem hat und eigenständig keine Lösung findet, kann sich an den Vorgesetzten wenden und Hilfestellung erwarten. Das Problem wird nach oben delegiert, das Individuum kann sich temporär entlasten. Dies ist eine zentrale Funktion (funktionierender) Hierarchien: Sie weist Menschen Freiheitsgrade und Verantwortlichkeiten zu. Wer höhergestellt ist, hat mehr zu sagen und oft mehr Geld auf dem Gehaltszettel – aber auch mehr Verantwortung zu schultern. Die wollen nicht alle Menschen. Manche möchten einfach ihren Job machen und ansonsten in Ruhe gelassen werden, das ist okay. Wenn über Hierarchie geschimpft wird, liegt das bei näherer Betrachtung oft an der Beobachtung, dass höhergestellte Personen die Privilegien ihrer Rolle genießen, aber nicht die zugehörige Verantwortung übernehmen. Das ist ein großes Problem! Aber nicht eines der Hierarchie selbst, sondern der Personalauswahl und -entwicklung.

Bestärkung is Key

Ralph Waldo Emerson schrieb: „Wessen wir am meisten im Leben bedürfen, ist jemand, der uns dazu bringt, das zu tun, wozu wir fähig sind.“ Wir brauchen andere Menschen, im besten Fall: Menschen, denen etwas an uns liegt. Erstklassige Führungskräfte spornen an, inspirieren und beflügeln. An erstklassigen Führungskräften kann man sich reiben, sich messen und irgendwann vielleicht sogar über sie hinauswachsen. Für die besten Führungskräfte ist das ein außergewöhnlich schöner Moment.

Hierarchische Führung ist kein perfektes Werkzeug. Schlecht umgesetzt kann sie Organisationen langsam und träge machen – was ein Problem darstellt, wenn sich Umwelten schnell wandeln. Andererseits haben sich Hierarchien seit Jahrtausenden bewährt, über verschiedenste Kulturen und Kontexte hinweg. Wir sollten sie nicht voreilig zu Grabe tragen.


Dieser Text stammt aus unserer Ausgabe 4/22. Gregor Gysi, Claudia Obert und die Tiktokker Elevator Boys haben mit uns über Geld gesprochen. Außerdem haben wir Streetwear-Legende Karl Kani getroffen und unseren Reporter Dolce Vita auf der Modemesse Pitti Immagine Uomo genießen lassen. Hier geht es zur Bestellung – oder ihr schaut am Kiosk eures Vertrauens vorbei.

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