Personal Finance VC-Investorin Madeline Lawrence: „Mein Job ist es, aus Geld noch mehr Geld zu machen“

VC-Investorin Madeline Lawrence: „Mein Job ist es, aus Geld noch mehr Geld zu machen“

Über Geld spricht man nicht? Und ob. Geld ist überall und auf vielen Kanälen zum Dauerthema geworden. Wir haben mit sieben schlauen Menschen dazu gesprochen.

Frau Lawrence, Sie sind 24 Jahre alt und Risikokapitalgeberin. Welche Rolle messen Sie Geld bei?

Ich persönlich sehe mich nicht als jemanden, der die Mechanismen oder das System des Kapitalismus befürwortet, aber es ist mein Job – so wie es am Ende des Tages unser aller Job ist. Ich stehe dem Kapitalismus zunächst zutiefst skeptisch gegenüber, das Ende dieses Systems werde ich in meinem Leben allerdings nicht mehr mitbekommen. Also ist Geld oder Kapital in meinen Augen etwas Unausweichliches. Wir brauchen es, können ihm nicht entkommen. Es bestimmt unser privates und berufliches Leben. Geld hält die Welt am Laufen.

Welche Rolle spielt Geld in Ihrem Privatleben?

Ich habe eine Zeit lang in den Niederlanden gelebt. Dort nutzen alle Tikkie, eine App, mit der man schnell und einfach Geld an Freunde senden kann. In jedem Land gibt so eine App. Aber: Es gibt Statistiken, die belegen, dass sich Menschen teilweise 80-Cent-Beträge rücküberweisen, was verrückt ist. Das sind Momente, die mir zeigen, wie nah Geld am Individuum sein kann und wie es zu sehr als Ware gehandelt wird. Der Wert einer Transaktion sollte von Mensch zu Mensch gesehen werden und nicht von Mensch zu Geld. Eine Tasse Tee wird zu einem Lohn, der beglichen werden muss, unser gesellschaftliches Leben wird eine Transaktion.

Wofür geben Sie Geld aus?

Für zwei Dinge: Essen und Erfahrungen. Wofür habe ich denn sonst Geld, wenn nicht zum Leben? Ich horte mein Geld nicht wie ein Eichhörnchen. Warren Buffett ist das Bildnis dafür. Selbst als einer der reichsten Menschen der Welt lebt er sparsam und will immer mehr. Mein Job ist es zwar, aus Geld noch mehr Geld zu machen, aber auf persönlicher Ebene genieße ich das Leben. Das ist der Unterschied zwischen „leben, um zu arbeiten“ und „arbeiten, um zu leben“.

Erinnern Sie sich an Ihren ersten Aktienkauf?

Jüngere Menschen sind eher Value-Investoren. Wie sie ihr Geld anlegen, formt ihre Identität und sagt etwas darüber aus, wer sie sind und woran sie glauben. Meine allererste Aktie, die ich gekauft habe und von der ich überzeugt bin, dass ich sie den Rest meines Lebens halten werde, ist die Aktie der „New York Times“. Ich glaube an qualitativ hochwertigen Journalismus und auch daran, dass sich die „New York Times“ aufgrund der Digitalisierung und Internationalisierung in ein starkes Technologieunternehmen entwickeln wird.

Wie sieht Ihr Verhältnis zu Geld in Ihrem Beruf als VC aus?

Ich arbeite für Peak, einen europäischen Fonds aus den Niederlanden. Die Menschen hier werfen ihr Geld nicht weg. Wenn sie es ausgeben, wollen sie sicher sein, einen guten Gegenwert zu erhalten. Diese Haltung spiegelt sehr gut wider, wie ich mir Unternehmen anschaue, in die ich investieren möchte. Ich muss daran glauben, dass ein Produkt den Wert besitzt, es in Zukunft in Geld umwandeln zu können. Dinge müssen Sinn ergeben.

Klingt weder konservativ noch besonders risikofreudig.

Unser Geschäftsmodell besteht darin, das Unternehmen zu finden, das das Potenzial hat, milliardenschwer zu werden. Wenn wir in zehn Unternehmen investieren, gehen wir davon aus, dass sieben oder mehr scheitern. Man muss aber trotzdem bei jeder Investition glauben, dass sie das große Ding sein kann. Es ist also ein kalkuliertes Risiko, wenn auch ein hohes, dafür aber auch mit einer hohen Rendite.

Und wie sehen Ihre privaten Investments aus?

Ich habe keine großen Anschaffungen, die ich machen muss. Wozu brauche ich also Unmengen von Geld, das ich auf meinem Konto gespart habe? Ich bin in der Lage, langfristige Risiken einzugehen und Dinge zu tun, die sich vielleicht erst in zehn oder 40 Jahren auszahlen, weil ich jung bin. Mein Rat an junge Leute, die Geld haben, lautet also: Versteht die Macht eures Einsatzes und den Zeitwert des Geldes, dann könnt ihr auch Risiken eingehen. Vorher natürlich bitte gut informieren.

Was denkt die Gen Z über Geld?

Ich habe eine Statistik gesehen, dass 45 Prozent der Gen Z es bevorzugen würden, bar zu zahlen, weil Influencer auf Tiktok Bargeld angeblich wieder cool machen. Ich denke nicht, dass diese Statistik zutreffend ist. Wir werden nicht mehr zum reinen Bargeld zurückkehren. Ein Geldbeutel voller Bargeld wird vintage – es ist höchstens ein Fashion-Statement.

Und abseits der Studie?

Dinge wie Alter, Generation und Geschlecht wirken sich radikal auf die Einstellung und die Art und Weise aus, wie man sein Geld ausgibt. Das ist alles sehr differenziert und individuell. Die Einstellung der Generation Z zum Thema Geld ist von der Erkenntnis geprägt, dass wir vielleicht nie das Niveau an finanzieller Freiheit und an finanziellem Wohlstand erreichen werden wie unsere Eltern und Großeltern. Wer kann sich heutzutage schon ein eigenes Haus leisten? Meine Generation ist auch die Generation Side-Hustle. Das ist ihre Antwort, um finanziell voranzukommen.

Im Markt ist eigentlich genug Geld.

Es gibt mehr Geld auf dem Markt als jemals zuvor, aber der Markt ist diskriminierend. Das Geld wird von einigen wenigen kontrolliert und von einigen wenigen angehäuft, was die Reichen noch reicher macht, insbesondere Männer. Dies zu ändern erfordert eine Umverteilung des Reichtums auf globaler Ebene und eine radikale Neugestaltung dessen, was Wachstum, Gewinn, Vergütung und Reichtum überhaupt bedeuten.

Dieser Text stammt aus unserer Ausgabe 4/22. Gregor Gysi, Claudia Obert und die Tiktokker Elevator Boys haben mit uns über Geld gesprochen. Außerdem haben wir Streetwear-Legende Karl Kani getroffen und unseren Reporter Dolce Vita auf der Modemesse Pitti Immagine Uomo genießen lassen. Hier geht es zur Bestellung – oder ihr schaut am Kiosk eures Vertrauens vorbei.

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