Leadership & Karriere Todd Field im Interview über seinen Film „Tár“ und Cate Blanchett

Todd Field im Interview über seinen Film „Tár“ und Cate Blanchett

Lydia Tár hat es nach ganz oben geschafft. Sie ist ein Weltstar der klassischen Musik, dirigiert ein legendäres Orchester. Und scheitert. Daran, dass sie Untergebene ausnutzt, sich in schmutzigen Deals verstrickt. Dabei geht es nicht um Geld, sondern um die Währungen des knallharten Kulturbetriebs: Aufmerksamkeit und Coolness.

Der „Tár“-Cast bei der Berlinale: Todd Field (von r. nach l.), Hildur Guðnadóttir, Sophie Kauer, Nina Hoss, Cate Blanchett

Als Film ist „Tár“ diese Aufmerksamkeit schon sicher, bei den Golden Globes gewann Hauptdarstellerin Cate Blanchett. „Tár“ ist für sechs Oscars nominiert, darunter Sie ist zwar der massenwirksamste Star des Films, aber Regisseur Todd Fields Namen umgibt in Filmkreisen eine ganz besondere Aura. Nina Hoss spielt die Partnerin der Hauptfigur und sagte in einem Interview: Wenn es um ein Projekt mit den Namen Field und Blanchett gehe, dann sage man einfach nicht ab.

Field macht bei seinen Filmen fast alles selbst: Das Schreiben, die Regie, er war selbst Darsteller und komponiert. Kein Wunder, dass nur alle paar Jahre ein Film von ihm erscheint. Für „In The Bedroom“ gab es 2002 direkt fünf Oscarnominierungen. Und Kritiker:innen bescheinigten ihm, dass er etwas Unfassbares geschafft habe: Gewalt noch mal ganz neu auf die Leinwand zu bringen – und das US-Publikum zu schocken. Wie es einst auch seinem Mentor Stanley Kubrick gelungen war.

Den nächsten Film, „Little Children“ von 2006, zählten Kritiker:innen zu den Höhepunkten des Jahres. Und seitdem: nichts! Regelmäßig wünschten sich Fans, dass es endlich wieder etwas von Field zu sehen geben müsse. Das Ergebnis der langen Pause ist dann „Tár“. Ein Projekt, das Field nach Deutschland führte. Gedreht wurde in Dresden und Berlin. In der Hauptstadt findet auch das Gespräch statt. Am liebsten würde er ganz hierher umziehen, sagt er im Gespräch. Wenn nur das jüngste Kind nicht noch in den USA zur Schule ginge.

Es ist der erste Interviewtermin am Morgen, Field ist für das Wochenende extra eingeflogen. 45 Minuten nimmt er sich Zeit, ungewöhnlich lang für einen internationalen Filmstar. Mehr als die mittlerweile üblichen 20 Minuten im Videocall. Field ist in einem Westberliner Boutiquehotel untergebracht und kommt pünktlich in den Konferenzraum. In der Hand: ein wichtiges Utensil, das Notizbuch. Bis heute halte er seine Ideen auf Papier fest, erklärt er, Notizen aus 30 Jahren. Und seit einmal ein Buch mitgewaschen wurde, schreibt er mit wasserfestem Stift.

Herr Field, „Tár“ ist ein Film über eine Stardirigentin, die an ihrer eigenen Machtfülle zugrunde geht. Wann kam Ihnen das Thema erstmals in den Kopf?

Vor zehn Jahren. Mit dieser Person, der Hauptfigur. Aber damals war sie noch nicht in einem bestimmten Milieu beheimatet, noch nicht in eine Handlung eingebettet. Es bezahlt dich niemand dafür, dein Originaldrehbuch zu schreiben. So was wie das Buch zu „Tár“ schreibt man in der Freizeit, auf eigenes Risiko. Und weil ich früh Vater wurde, hatte ich dafür eigentlich nie die Zeit.

Foto: Universal Pictures

Ihren letzten Film haben Sie vor 16 Jahren gemacht, und er wurde ein Erfolg. Trotzdem lässt man Sie nichts Eigenes machen?

Meistens schreibe ich auf Basis einer Kurzgeschichte, eines Artikels, nichts ganz und gar Neues. Für diese Figur aus meinem Kopf fand ich nirgends den richtigen Platz. Aber dann kam 2020 der erste Lockdown. Focus Features wollte einen Film über einen Dirigenten machen. Sie fragten mich an, und ich sagte zu. Dabei erwarteten die sicher etwas ganz anderes, einen Film mit einem männlichen US-Filmstar. Von meiner Figur, Lydia Tár, hatten sie keine Ahnung. Nach der Hälfte des Schreibens rief ich an und sagte: „Ihr bekommt etwas anderes, als ihr denkt. Wenn ihr es hasst, und das werdet ihr, dann schreibe ich neu.“

Mussten Sie dann aber nicht.

Zwölf Wochen später gab ich ab, und sie wollten den Film machen. Ich hielt sie für verrückt.

Aber wie kam es, dass Sie diese Figur so verfolgte, wie kam Lydia Tár Ihnen in den Kopf?

Sie ist aus verschiedenen realen Menschen zusammengesetzt, die ich über die Jahre kennenlernte. Und die mich fasziniert haben. Sie sind herausragende Figuren in ihren jeweiligen Tätigkeitsfeldern. Ich respektiere sie – ihre Fähigkeiten und Hingabe. Aber wie sie sich aufführen, ist teilweise eine Herausforderung.

Wir sprechen von erfolgreichen Menschen, und zwar vor allem Kreativen?

Ja, hauptsächlich. Bei Lydia Tár war mir früh klar, dass sie ganz oben in einem Machtgefüge sitzt. Mit einer Verpflichtung, selber zu Diensten zu sein und Dienste von anderen einfordern zu können. Sie ist umgeben von Minions.

Es gibt wenige Orte, die so erkennbar Ausdruck von Hierarchie sind wie ein klassisches Orchester.

Sehr praktisch, um das in einer einzelnen Einstellung darstellen zu können. Wer mal dirigiert hat, wird Ihnen bestätigen, dass es nichts gibt, das dem Dasein einer griechischen Gottheit näherkommt.

Gleichzeitig ist so ein Erfolgsmensch nicht frei von Abhängigkeiten. Zum Beispiel?

Sie dirigiert, ja. Aber sie muss auch performen, wie in dem Live-Interview am Anfang des Films. Ein wenig, wie wir hier ein Interview führen. Sie versucht, charmant zu sein, klug, wägt ihre Worte – wie ich jetzt. Sie ist ja auf Verkaufstour. Sie verkauft ein Buch, ich einen Film.

Die Machtstrukturen können einem nur die erklären, die sie aus der Praxis kennen?

Ja, stimmt. Allerdings ist das hier ja eine Märchengeschichte. Eine weibliche Chefdirigentin eines großen deutschen Orchesters – das gab es nie.

Dieses fiktive Orchester ist eine strenge, eingeschworene Kultureinrichtung – es könnte aber auch eine Redaktion oder ein Architekturbüro sein. Das erinnert an religiöse Orden, an den Vatikan vielleicht.

Gute Analogie. Sie sind die erste Person, die das sagt. Ja! Auch wegen der absoluten Hingabe an ihre Liturgie, ihre Geschichten. Sie glauben vielleicht alle an einen Gott. Aber wie man dem näherkommt, über die Schritte wachen sie argwöhnisch. Und wenn er Mahler, Beethoven oder wie auch immer heißt.

Wer Macht in so einem Gefüge hat, darf sie nicht ausnutzen. Kann man die eigene Person von der Position trennen? Lydia Tár kann es jedenfalls nicht.

Sie bricht mit den Traditionen, und sie verletzt Grenzen.

Einmal sagt ihre Partnerin, dass Lydia all ihre Beziehungen, mit Ausnahme der zur gemeinsamen Tochter, als Geben und Nehmen gestaltet.

Damit sind wir wieder beim Thema Macht. Auch die Partnerin hat einen großen Vorteil aus der Beziehung. Sie verhält sich als Komplizin. Und Lydia Tár profitiert, weil die Figur von Nina Hoss im Orchester als Konzertmeisterin selbst Macht ausübt.

Streben Menschen nach Macht, weil sie eigentlich Liebe suchen?

Ja. In vielen Fällen, das denke ich schon. Da ist eine tiefe Unsicherheit in ihnen. Kein Vertrauen, dass man geliebt wird. Das ist ihr Umgang damit – ziemlich psychotisch. Manchmal begegnet man Menschen, die sind so herrisch und übertreiben es derart mit ihrer Machtausübung, dass man denkt: Meine Güte, wenn ihr nur nicht als Kinder gemobbt worden wärt. Habt ihr keine Liebe erfahren, als ihr klein wart? Ich denke, dass Lydia Tár als Kind Schlimmes erlebt hat. Als ihre Tochter Probleme mit einer Mitschülerin bekommt, reagiert sie sehr schnell. Sie denkt: Was hätte ich mir von meinen Eltern gewünscht, als ich ein kleines Mädchen war?

Die Tochter der beiden, Petra, wird in der Schule von einem anderen Mädchen getriezt. Lydia geht zu ihr und macht eine Ansage: „Gott sieht alles.“ Sieht sie sich selbst in der Mobberin, Johanna, der Mächtigsten auf dem Schulhof?

Sie ist zu einer Johanna geworden. Aber sie war mal Petra. Sie hat etwas von beiden dieser Kinder.

Und Gott richtet am Ende über ihre Grausamkeiten.

In einem Haushalt wie dem von Lydia – auch ich bin so aufgewachsen – da gab es ein Schild, auf dem stand geschrieben: „God watches everyone.“ Am Ende des Films kehrt sie ja zurück in ihr Elternhaus.

Die Stardirigentin kommt aus einfachen Verhältnissen.

Arbeiterklasse, Blue-Collar-Background in Staten Island. Ihre Eltern waren Migrant:innen aus Ungarn. Ihr verstorbener Vater arbeitete auf der Müllhalde nebenan. Fresh Kills hieß sie – die größte Deponie der Welt. Heute wird sie zu einem Park umgestaltet. Aber damals war das, wie neben der Unterwelt zu wohnen. Der Gestank im Kinderzimmer. Unfassbar.

Wenn Macht und der Wunsch nach Liebe so eng verbunden sind, ist das gefährlich. Wie kann man die Macht einer Lydia Tár begrenzen? Die Missbrauchsfälle in der Kulturbranche sind schockierend, viele bleiben bis heute ungeahndet.

Diese Frage kann man nur im Speziellen beantworten. Es gibt keine allgemeine Antwort. Aber nehmen wir das spezielle Beispiel der Casting-Couch. Da geht es um Darsteller:innen, einige Männer auch, aber in den meisten Fällen weiblich, die ausgenutzt werden, wenn sie auf der Suche nach Rollen sind. Das ist seit Euripides und Aristophanes geschehen. Die Idee des Quidproquo: Du tust dies für mich, ich tu das für dich.

Das ist nicht neu. Nun, wie geht man damit um? In diesem speziellen Fall könnte man die Casting Society of America aufpassen lassen: Also dass die Studios alle ankündigen, es gibt nur noch Castings, wenn ein Mitglied dieses Verbandes dabei ist. Dann hätten wir diese Situationen nie wieder. Ich habe mit den großen Agenturen darüber gesprochen. Die sagen alle: Ja, stimmt, wir könnten das morgen lösen, aber es ist zu teuer. Also gibt es stattdessen Lippenbekenntnisse. Das ist alles Pferdescheiße! Tugendsymbolik.

Und nichts dahinter.

Wenn sie es lösen wollten, dann könnten sie es auch. So viel also zum Casting. Über Schauspieler:innen reden wir viel, weil sie berühmt sind. Aber was macht man für jemanden, der nicht im Showgeschäft arbeitet? Wie hilft man einer Teenagerin, die bei Dunkin’ Donuts arbeitet und deren Teamleiter sie bedrängt? Wer passt dort auf? Wahrscheinlich niemand. Sie kann sich bei der Firma beschweren, aber das wird gehört oder eben nicht.

In der Kreativbranche ist es aber besonders unsicher, weil Schauspieler:innen oder auch Schreibende so abhängig vom Urteil der einflussreichen Gatekeeper sind – wie auch Lydia Tár eine ist.

Man ist einem willkürlichen System ausgeliefert. Diese Ausdrucksformen sind nicht quantifizierbar. Das ist alles total subjektiv. Die Gatekeeper stehen vor der Frage: Wie beurteilst du, ob die Werke eines Menschen gut genug sind? Passiert das in einem Vakuum? Verlässt du dich bloß auf persönliche Vorlieben? Versuchst du, fair und ausgewogen zu sein? Ist das überhaupt möglich? Wir sprechen ja hier über extreme Fälle. Menschen, die andere ausnutzen und irgendein Bedürfnis damit befriedigen. Und das ist so abscheulich! Diese Menschen müssen sich selbst so sehr hassen. Weil sie sich so erbärmlich fühlen müssten, hätten sie auch nur ein Minimum an Selbstwahrnehmung.

Was empfinden Sie gegenüber Lydia Tár, Ihrer fiktiven Figur? Abscheu? Mitleid?

Für mich ist sie sehr real. So real wie jemand, den ich kenne. Und ich kann sie deshalb auch nur so betrachten. Es gibt viele Menschen, die ich liebe, mit denen ich dennoch Probleme habe. Und wenn man fragt: Ist Soundso ein totales Monster? Richtig! Gehört Soundso in den Knast, wortwörtlich oder philosophisch-existenziell? Das ist eine ganz andere Frage. Ich bin nicht qualifiziert, über jemanden zu urteilen. Weil ich nicht in ihrer Haut stecke. Ich kenne sie nur aus bestimmten Zusammenhängen. Aus meinen Interaktionen mit ihnen. So ist es auch bei Lydia Tár: Ich fühle mich nicht qualifiziert, sie zu verdammen oder zu begnadigen.

In einer Szene macht Lydia einem nicht-weißen, nicht-binären Musikstudierenden namens Max den Vorwurf, er wolle Johann Sebastian Bach canceln.

Als ich die Szene geschrieben habe, war der Impuls: Was würde eine 50-Jährige ihrem jüngeren Ich sagen? Max ist Lydia im Alter von 24 sehr ähnlich. Sehr selbstsicher, sehr bestimmt in den eigenen Ansichten. Und alles, was sie Max vorwirft, hat sie selbst getan.

Max wirkt schließlich deutlich verunsichert, als Lydia ihn angreift.

Einige Leute haben gesagt, es wirke, als solle Max wie ein Narr aussehen, weil er Bach ins Spiel bringt. Das ist nicht wahr. Die Absicht hinter der Szene war, zu fragen, warum Tár selbst das Werk einer zeitgenössischen Komponistin kritisiert. Sie hätte ja selbst einfach die Übung respektieren können, das war ihre Aufgabe. Es ist nicht Ziel der Übung, die Arbeit dieser Komponistin zu zerstören. Das tut sie aber – und dann will sie über Bach reden. Sie versucht selbst zu canceln! Sie will etwas auslöschen und dann davon ablenken. Kaum jemand scheint das in der Szene zu sehen.

Ein bekanntes Muster: Diejenigen, die über Cancel-Culture klagen, sind selbst die Größten darin. Eine Art Täter-Opfer-Umkehr.

Genau.

Ich habe gelesen, dass Sie den Film ohne Cate Blanchett als Hauptdarstellerin nicht gemacht hätten.

Das stimmt. Sie haben ja ihre Darstellung gesehen.

Sie hat bereits den Golden Globe gewonnen. Oscar nicht unwahrscheinlich.

Sie wissen, Sie ist einfach …

… herausragend.

Ich schreibe niemals mit bestimmten Schauspieler:innen im Hinterkopf. Das ist gefährlich und reduziert die Möglichkeiten. Weil du dich an anderen Auftritten anlehnst, die du von ihnen kennst. Cate und ich wollten seit zehn Jahren zusammenarbeiten. Und diesmal war es anders: Als ich zu schreiben anfing, erschien sie einfach irgendwie und ging nicht mehr weg. Als das Studio sagte, dass sie den Film machen wollen, war ich überrascht. Und sie fragten zuerst: Hast du jemanden für die Hauptrolle im Kopf? Und ich sagte: absolut nicht. Denn ich war sehr abergläubisch, und ich dachte, das kann ich nicht sagen. Weil die ihren Agenten anrufen könnten oder sonst etwas. Und es ist sehr wichtig, wie man auf eine Schauspielerin zugeht.

Wie sprachen Sie Blanchett dann schließlich an?

Ich habe noch einen Monat gewartet. Meine Frau sagte: „Du bist ein Feigling. Ruf besser mal an.“ Das habe ich getan. Und Cate Blanchett sagte Ja.

Da ist das Ding! Dieses Mal dreht sich in unserem Dossier alles um das ewige Leben. Was geht bei KI, Kryotechnologie, Longevity und Brain-Uploads? Außerdem: Hollywoods Indie-Genie Todd Field über Cancel-Culture, ein Graf aus Bayern begeistert die Gen Z auf Tiktok mit Benimm-Videos und wir haben uns die Startupszene von Stockholm genauer angesehen. Viel Spaß beim Lesen! Hier gibt es das Magazin zum Bestellen.

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